Deutscher Helfer:"Es ist wie in einem Drehbuch für eine wirklich schlimme Katastrophe"

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Serkan Eren ist in die Türkei gereist, um den Menschen vor Ort zu helfen. (Foto: privat)

Serkan Eren von der Hilfsorganisation Stelp ist in die Türkei geflogen, um den Opfern des Erdbebens zu helfen. Er schildert die Lage vor Ort.

Interview von Nadja Lissok

Als er am Montag die Bilder vom Erdbeben in der Türkei und Syrien sah, beratschlagte Serkan Eren sich mit seinem Team in Stuttgart, was jetzt zu tun sei. Dann setzte er sich in den Flieger nach Istanbul, mit 30 000 Euro Bargeld in der Tasche. Der ehemalige Fitnesscoach, der vor sieben Jahren die Hilfsorganisation Stelp gegründet hat, für die inzwischen Hunderte Ehrenamtliche arbeiten, sitzt während des Telefonats schon im Auto in der Türkei - auf dem Weg in die zerstörte Stadt Gaziantep.

SZ: Herr Eren, wo sind Sie gerade und wie sieht es dort aus?

Serkan Eren: Wir sind gerade auf halber Strecke zwischen Adana und Gaziantep. Ich bin also noch am Rand des betroffenen Gebiets und wir können bereits ahnen, was uns erwartet. Sogar in Adana sind große Häuser eingestürzt, obwohl es wirklich noch weit weg vom eigentlichen Zentrum des Erdbebens ist. Die Menschen sind verzweifelt.

Was erzählen sie Ihnen?

Ausnahmslos jeder, mit dem wir gesprochen haben, kennt jemanden, der gestorben oder verschüttet ist. Gerade haben wir in einem Supermarkt Decken gekauft. Der Mann an der Kasse wusste natürlich, wofür, und ist in Tränen ausgebrochen. Sein Bruder wohnt im Erdbebengebiet, und er weiß nicht, ob er noch lebt. Die Situation ist wirklich schlimm. 100 000 sind entweder unter den Trümmern begraben oder obdachlos. Selbst wenn ein Haus noch steht, trauen sich viele nicht rein, weil es ständig Nachbeben gibt. Wir haben erst vor 15 Minuten ein leichtes gespürt.

Eren (l.) hat Hilfsgüter eingekauft und ist damit ins Erdbebengebiet gefahren. (Foto: privat)

Wo fahren Sie jetzt hin?

Wir haben gestern die ganze Nacht versucht, herauszufinden, wo die Not gerade am größten ist und wo Hilfe benötigt wird. Der Kontakt in die Region ist sehr schwierig, weil der Strom ausgefallen ist. Die Helfer vor Ort haben keinen Handyakku mehr und können uns ihren Standort nicht schicken. Das größte Problem ist tatsächlich gerade das Wetter. Es ist sehr, sehr kalt. Das Erdbeben ist mitten in der Nacht passiert und danach gab es einen Schneesturm. Es ist wie in einem Drehbuch für eine wirklich schlimme Katastrophe.

Wie wollen Sie vor Ort konkret helfen?

Wir kaufen gerade die Dinge ein, die am dringendsten gebraucht werden: Decken und Wasser. Es herrschen Minusgrade, und die Wasserleitungen funktionieren nicht. Außerdem haben wir Babynahrung und Windeln gekauft. Ein Transporter mit Spenden aus Deutschland hätte viel zu lange gedauert. Alleine die Zollpapiere verzögern solche Fahrten.

Gibt es denn eine Möglichkeit, von Deutschland aus zu helfen?

Ja. Ich denke, am besten ist es, an Organisationen, die vor Ort sind, zu spenden. Außer uns sind beispielsweise der Rote Halbmond und das Deutsche Rote Kreuz hier. Der Transport von Sachspenden ist zu teuer und kompliziert. In der Türkei kann man Hilfsgüter wegen der Inflation gerade billig vor Ort einkaufen.

Mit wie vielen Personen sind Sie unterwegs?

Ich bin allein in die Türkei geflogen und habe vor Ort einen Helfer kennengelernt, der in der Türkei und in Deutschland lebt. Er hat mir bei Instagram geschrieben und wir haben uns am Istanbuler Flughafen getroffen. Eigentlich wollten wir von dort nach Ankara oder Adana weiter, aber die Flüge sind wegen des Schneesturms ausgefallen. Dann sind wir mit dem Auto die ganze Nacht quer durchs Land gefahren, vom nordwestlichsten Punkt bis hierher in den Südosten. Hier haben wir einen Lkw-Fahrer gefunden, der unsere Hilfsgüter transportiert. Er fährt jetzt hinter uns her.

Sehen Sie, wer gerade noch unterwegs ist, um zu helfen?

Wir sehen auf den Straßen viele türkische Vereine. Das ist gerade unser Lichtblick: Wir sehen, dass alle zusammenhalten und versuchen zu helfen. Aus dem Ausland haben wir bis jetzt noch keine Organisationen gesehen. Das heißt natürlich nicht, dass noch keine da sind. Die Anreise ist gerade sehr schwer. Am Straßenrand stehen schwere Baugeräte wie Kräne oder Bagger, die im Schneesturm nicht weiterfahren konnten oder Unfälle gebaut haben. Inzwischen sind die Temperaturen leicht im Plus und der Sturm hat aufgehört. Der Himmel ist nur noch bewölkt, aber kalt ist es natürlich immer noch.

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