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Nahe Zagreb:Starkes Erdbeben in Kroatien

Weitere Erdbeben in Kroatien

Nach starken Erdstößen am Dienstagmittag helfen kroatische Soldaten und Hilfsorganisationen in den am stärksten betroffenen Gebieten.

(Foto: dpa)

Von der Region südöstlich von Zagreb ging das Beben aus - die Erschütterungen sind selbst in Wien, Venedig und Rosenheim zu spüren. Im Epizentrum sollen die Schäden teils beträchtlich sein.

Von Marija Barišić, Theresa Crysmann und Oliver Das Gupta

In Kroatien ist es am Dienstagmittag zu einem starken Erdbeben gekommen. Das European-Mediterranean Seismological Centre (EMSC) maß eine Stärke von 6,3 auf der Richterskala. Laut der deutschen Bundesanstalt für Geowissenschaften begann das Naturphänomen gegen 12.19 Uhr.

Offenbar gab es erhebliche Sachschäden in Zagreb sowie im Umfeld des Epizentrums, das rund 45 Kilometer südöstlich der Hauptstadt lag. In sozialen Netzwerken kursierten Clips und Fotos von zerstörten Gebäuden in den mittelkroatischen Orten Petrinja und Sisak. Mindestens sieben Menschen sind getötet worden. Außerdem meldeten die Behörden 20 Verletzte. Der Bürgermeister von Petrinja hatte zuerst ein Todesopfer bestätigt: ein zwölf Jahre altes Mädchen. In umliegenden Dörfern seien fünf weitere Menschen ums Leben gekommen, berichtete der Fernsehsender HRT.

Auf Twitter zeigte sich der kroatische Premierminister Andrej Plenković betroffen und drückte seine Anteilnahme aus. "Der Familie des Mädchens, das bei dieser Tragödie ums Leben gekommen ist, spreche ich mein Beileid aus und hoffe, dass die Zahl der Opfer so gering wie möglich bleibt", schrieb er. Außerdem wolle er sich für den Einsatz "aller Rettungskräfte bedanken, die vor Ort sind und unermüdlich arbeiten."

Das Rote Kreuz Kroatien schreibt auf Twitter, die Lage sei sehr ernst. Laut kroatischen Medienberichten wurde durch das Erdbeben die Mobilfunkverbindung in Petrinja gekappt.

In den Live-Übertragungen des Nachrichtenmediums N1 war Sirenengeheul im Hintergrund zu hören, viele Bewohner der Stadt standen vor ihren zerstörten Häusern und wussten noch nicht, wo sie heute übernachten werden. In einem Interview sagte der Innenminister Davor Božinović, dass die Polizei gerade dabei sei, für die Bewohner Schlafplätze für heute Nacht zu organisieren. Die Regierung werde sich darum kümmern, dass niemand am Dienstagabend obdachlos bleibe, schrieb Premierminister Plenković.

Wie viele Menschen nicht in ihr Zuhause zurückkehren können, ist noch nicht klar. Das Rote Kreuz kündigte an, an verschiedenen Stellen in Petrinja Zelte aufstellen zu wollen, um all jene zu versorgen, die leicht verletzt sind.

Auch die nahe Kreishauptstadt Sisak war schwer betroffen. Der Sitz der Stadtverwaltung sei zur Hälfte eingestürzt, sagte die Bürgermeisterin der Stadt. Die Gemeindebediensteten hätten sich jedoch alle in Sicherheit bringen können. Viele kleine Dörfer um Petrinja und Sisak sollen ebenfalls schwer beschädigt worden sein.

Hilfe aus Brüssel

Die EU signalisierte, Kroatien unterstützen zu wollen. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigte nach einem Gespräch Ministerpräsident Plenković auf Twitter an, dass der für humanitäre Hilfe zuständige Kommissar Janez Lenarčič so bald wie möglich ins Erdbebengebiet reisen werde. "Wir stehen an der Seite Kroatiens", so von der Leyen.

Auch in den Nachbarländern waren die Erdstöße wahrnehmbar, etwa in den norditalienischen Regionen Friaul und Venetien sowie in Slowenien. Im slowenischen Krško wurde deshalb das Atomkraftwerk abgeschaltet, das unmittelbar an der Grenze zu Kroatien liegt. Eine Abschaltung sei in solchen Situationen Standard, hieß es. In der südungarischen Stadt Pécs war der Erdstoß so stark zu spüren, dass die Behörden nach Berichten eines Lokalmediums ein Großkaufhaus räumen ließen. Die Erdstöße sollen etwa 20 Sekunden angedauert haben.

In der österreichischen Hauptstadt Wien sowie in Tschechien und in der slowakischen Hauptstadt Bratislava war das Beben ebenfalls zu spüren. Sogar im oberbayerischen Kreis Rosenheim sollen die Erschütterungen noch leicht wahrnehmbar gewesen sein, sagte Patrick Hupe von der deutschen Bundesanstalt für Geowissenschaften der Süddeutschen Zeitung. "Solche starken Erdbeben sind relativ selten."

Das "schlimmste Erdbeben" seit 140 Jahren

Der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge seien die Erdstöße selbst in Budapest und Rom wahrnehmbar gewesen - es handelte sich um das "schlimmste Erdbeben" in der Region seit 1880.

Die Erschütterungen an diesem Dienstag waren das zweite größere Beben in der Region innerhalb von 30 Stunden. Das EMSC registrierte sogar eine ganze Reihe weiterer Stöße von geringerer Intensität: Dies sei das "fünfzehnte Erdbeben in Kroatien in den letzten 32 Stunden". Allerdings habe auch der stärkere Erdstoß am Vortag eine ganze Magnitude weniger gehabt als das schwere Beben am Dienstag, so Seismologe Hupe: "Das entspricht einer 32-fach größeren Energiefreisetzung heute Mittag verglichen zu gestern."

Der Wissenschaftler befürchtete weitere Todesopfer und verwies auf ein Erdbeben in derselben Intensität im November 2019, dessen Epizentrum in Albanien lag. Bei der Naturkatastrophe in dem südosteuropäischen Land waren 51 Menschen gestorben, mehr als 700 wurden verletzt.

Auch in Kroatien hatte schon Anfang 2020 die Erde stark gebebt. Erst im März hatten Erdstöße der Stärke 5,4 in Zagreb große Schäden angerichtet. Eine Jugendliche war gestorben, mehr als zwei Dutzend Menschen waren verletzt worden. Von der Kathedrale im Zentrum der Stadt war eine Kirchturmspitze herabgestürzt.

© SZ
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