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Erdbeben in der Ägäis:Ayda lebt

Nach dem Erdbeben in der Türkei

Ayda Gezgin nach ihrer Rettung. Sie wünsche sich "Köfte und Ayran", sagte sie später im Rettungswagen.

(Foto: dpa)

91 Stunden nach dem Erdbeben befreien die Retter in Izmir ein drei Jahre altes Mädchen aus den Trümmern. Es überlebte in einem Hohlraum zwischen Betonplatten und einer umgestürzten Spülmaschine.

Von Christiane Schlötzer, Istanbul

Fast vier Tage sind seit dem schweren Erdbeben im türkischen Izmir vergangenen, da finden die Retter in der 91. Stunde nach der Katastrophe im Schutt ein lebendes Kind. "Ich habe ihre Stimme gehört", sagt ein Helfer später im türkischen Fernsehen. "Sie hat gesagt, ich habe so Durst." Er habe seinen Kopf dann durch eine Lücke gesteckt, um das Mädchen zu erreichen. Aufnahmen des türkischen Katastrophenschutzes zeigen das Kind, staubbedeckt, aber als es auf eine Trage gehoben wird, lächelt das Mädchen, winkt, es hat die Augen offen.

Viele der umstehenden Retter sind bewegt, klatschen. Einer sagt: "Wir sind sehr glücklich." Gesundheitsminister Fahrettin Koca schreibt auf Twitter, das Kind sei drei Jahre alt und heiße Ayda Gezgin. Es überlebte offenbar in einem schmalen Hohlraum zwischen Betonplatten und einer umgestürzten Spülmaschine. Das Mädchen wurde in ein Krankenhaus gebracht, aber sein körperlicher Zustand soll gut sein. Im Rettungswagen fragt ein Sanitäter, was sie sich wünsche, sie sagt: "Essen, Köfte und Ayran."

Davor hatten die Helfer stundenlang nur noch Leichen ausgegraben. Auch Aydas Mutter wurde tot geborgen, ihr Vater hat überlebt. Das tödlichste Beben in der Ägäis-Region seit fast einem Jahrzehnt hat allein in der Türkei mindestens 109 Opfer gefordert. Auf der griechischen Insel Samos starben zwei Jugendliche. In Izmir, der drittgrößten Stadt des Landes mit 4,3 Millionen Einwohnern, wurden zudem mehr als 1000 Verletzte gezählt, fast 150 von ihnen müssen noch in Krankenhäusern behandelt werden. Mehr als 100 Menschen wurden lebend geborgen.

Bei 13 zerstörten Gebäuden sind die Sucharbeiten inzwischen eingestellt, bei vieren gehen sie weiter. Die Schuttberge werden Stein für Stein abgetragen. Inzwischen hat die zuständige Staatsanwaltschaft Untersuchungen wegen Baumängeln eingeleitet, mehrere Menschen wurden festgenommen. Auf Luftbildern sieht man, dass es neben jedem Schutthaufen unversehrt wirkende Gebäude gibt, die das Beben mit der Stärke 6,6 überstanden haben. An mehr als 10 000 Häusern wurden allerdings mehr oder weniger starke Schäden festgestellt.

Schon vor der Rettung der dreijährigen Ayda gab es in Izmir Grund zu großer Freude. 65 Stunden nach dem Beben war ebenfalls eine Dreijährige lebend geborgen. Schon das galt als eine Art Wunder. Sie hatte sich im dritten Geschoss eines achtstöckigen Hauses befunden. Ihre Mutter war 23 Stunden nach dem Beben mit drei weiteren Kindern lebend gefunden worden, eines der Geschwister starb danach.

Er machte den besten Schulabschluss im ganzen Land, jetzt ist er tot

Bewegt hat das Land auch das Schicksal des 17 Jahre alten Arda Baran Demir. Er hatte 2017 das beste Schulexamen des Landes abgelegt und ein Stipendium für eine private Schule in Izmir erhalten. Zuvor hatte er in einem Dorf im Südosten Schafe gehütet. Er starb in den Trümmern.

Seit dem Beben am Freitag wurden fast 1500 Nachbeben registriert, 44 mit einer Stärke von mehr als 4,0. Gesundheitsminister Koca warnte, die Situation in Izmir könne die Verbreitung des Coronavirus beschleunigen. Rettungskräfte haben zunächst Zelte für die Obdachlosen errichtet, nun wird auch eine Containersiedlung gebaut.

© SZ/nas
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