Erdbeben in Nepal Schlimmer als jemals angenommen

Der Dharahara-Turm in Kathmandu, vom Erdbeben zerstört.

(Foto: Niranjan Shrestha/AP)

Das Erdbeben trifft Nepal nach den vielen politischen Wirren der vergangenen Jahre völlig unvorbereitet. Auch wenn es mehr als überfällig war, wie Geo Hazards International, eine gemeinnützige Organisation in Kalifornien zur Hilfe strukturschwacher Länder wie Nepal warnte. Nun ist es also passiert, und es ist entsetzlich, schrecklich, schlimmer als jemals angenommen. Als kurz vor der Mittagsstunde am Samstag die Erde zu beben begann, befanden sich zum Glück kaum Kinder in den Schulen.

Die ein, zwei Minuten des Bebens kosteten unzählige Menschen das Leben. Augenzeugen berichten von Rissen, die sich in Straßen auftaten wie gigantische Schlünde von Monstern. Häuser brachen entzwei, und die Erde schwankte wie ein Schiff in schwerer See. Ausgerechnet die aquatische Herkunft des Kathmandu-Tals, seine geologische Beschaffenheit mit weichem Boden, übertrug wegen der geringen Tiefe des Bebens in nur 15 Kilometern unter der Erde die schweren Schwingungen besonders stark. Derselbe Boden, aus dem seit Jahrhunderten die rot leuchtenden Ziegel gefertigt werden, wurde den Tempeln zum Verhängnis. Neben Holz sind sie die wichtigste Bausubstanz der unter Denkmalschutz stehenden Monumente.

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Von mehrstöckigen Tempeln sind nur noch Bretterlawinen geblieben

Basantapur und Patan, dessen Entstehung bis ins dritte Jahrhundert zurückreicht, die Zentren des alten Kathmandu, sind am schlimmsten betroffen. Die ohne Mörtel geschichteten Ziegel ließen die mehrstöckigen Tempel in ihrer fragilen Schönheit buchstäblich in sich zusammenfallen und hinterließen Bretterlawinen, die sich in die Straßen ergossen.

Vier der sieben Unesco-Weltkulturdenkmäler der Region sind betroffen: Der alte weiß getünchte Königspalast am Durbar Square in Basantapur hat das Beben mit großen Rissen und überall abgebrochenen Ecken noch am besten überstanden. Maju Deval, ein Tempel aus dem Jahr 1690, auf dessen Stufen sich die Bewohner Kathmandus allabendlich zusammenfanden, ist dem Erdboden gleichgemacht - wie fast alle anderen neben ihm.

Der weiße Dharahara-Turm stürzte um, ein schlankes neunstöckiges Monument, das 1832 von Bimsen Thapa für die junge Königin Lalit Tripura Sundari errichtet wurde. Erst vor Kurzem war es mit Aussichtsplattform für Besucher wieder eröffnet worden. Der ebenfalls neunstöckige Basantapur-Turm auf dem Durbar Square, der einst als Palast der Vergnügungen gebaut worden war, steht nicht mehr. Es heißt, König Thribuvan habe aus dem Fenster von oben stets darüber gewacht, dass Rauch aus allen Schornsteinen quoll - ein Zeichen, dass alle Nepalesen genügend Essen zum Kochen hatten.

Die berühmte Stupa in der tibetanischen Enklave Bodnath wenige Kilometer nordöstlich von Kathmandu, das heiligste buddhistische Monument außerhalb Tibets, 36 Meter hoch und im 14. Jahrhundert erbaut, hat ihre blauen Augen geschlossen, die bisher auf der Stupa zu finden waren. Vor Kurzem noch ruhten sie unter der goldenen Spitze im Zentrum der bunt flatternden Gebetsfahnen wachsam auf der Umgebung. Die Stupa steht nun kopflos da.

Schon als sich die ersten Nachrichten vom Erdbeben über das Internet verbreiteten, wurde schnell und schmerzhaft deutlich, was seither Gewissheit ist: Das historische Kathmandu, dieses im Kern immer noch aus der Zeit gefallene Relikt, das einen über Jahrhunderte hinweg transportieren konnte, existiert so nicht mehr.