Süddeutsche Zeitung

Erdbeben in Nepal:Die Katastrophe nach der Katastrophe

Lesezeit: 4 min

Von Oliver Klasen

Vier Tage nach dem verheerenden Erdbeben in Nepal, bei dem 5000, möglicherweise sogar 10 000 Menschen getötet wurden, wird die Zeit für glückliche Fügungen langsam knapp. So wie die eines Schülers, der in den Hügeln nahe der Hauptstadt Kathmandu 55 Kinder aus einem Waisenhaus befreite oder die eines Mannes, der aus einem Trümmerberg gerettet wurde, nachdem er 82 Stunden dort eingeschlossen war.

Immerhin: Genügend Helfer aus insgesamt 15 Nationen haben sich inzwischen in Kathmandu eingefunden - so viele, dass die nepalesische Regierung darum gebeten hat, dass keine weiteren ausländischen Rettungsteams mehr anreisen. Wer auf dem Weg sei, möge kommen, die anderen sollten besser fernbleiben, sagte UN-Einsatzkoordinator Jamie McGoldrick. Noch drastischer drückt es Ram Kumar Dahal aus, der Chef von Nepals staatlichem Katastrophenmanagement: "Wir wollen nicht, dass Nepal zur Müllkippe für Hilfsgüter und Teams wird", sagt er.

Der Flughafen von Kathmandu, der nur über eine Start- und Landebahn verfügt, kann die zahlreichen Hilfsflüge kaum bewältigen. Die Fluglotsen arbeiten bereits in 16-Stunden-Schichten, zeitweise kreisen acht Maschinen über der Stadt und warten auf die Landegenehmigung. Zudem sitzen viele der ausländischen Hilfsteams, die es bis Kathmandu schafften, immer noch dort fest, weil die Straßen in abgelegenere Gebiete zerstört sind.

Unmut über schlechtes Krisenmanagement

Das Problem ist, die Helfer und die Hilfsgüter zu den Menschen zu bringen, die Hilfe am dringendsten benötigen. "Die einheimischen Rettungskräfte bemühen sich. Man sieht viel Polizei und Militär auf der Straße. Aber angesichts des gewaltigen Ausmaßes der Katastrophe ist die Regierung hier überfordert", sagt Elitsa Dincheva, als deutsche Mitarbeiterin der SOS-Kinderdörfer derzeit in Nepal.

In der Bevölkerung regt sich Unmut über das schlechte Krisenmanagement. Die Polizei in Kathmandu löste am Mittwoch Medienberichten zufolge eine Demonstration von etwa 200 verzweifelten Menschen auf, die eine Zufahrtsstraße blockierten.

Besonders der Mangel an sauberem Trinkwasser wird immer mehr zum Problem. Was die Helfer jetzt am meisten fürchten, ist eine "Katastrophe nach der Katastrophe", wie Christian Schneider, Geschäftsführer von Unicef Deutschland, es ausdrückt. Denn verschmutzes Wasser und die teilweise katastrophalen hygienischen Bedingungen könnten schnell zur Ausbreitung von Krankheiten führen. "Vor allem für die durch Mangelernährung bereits geschwächten Kinder ist das lebensgefährlich", so der Unicef-Chef.

Etwa acht Millionen Menschen sollen von der Katastrophe betroffen sein, davon etwa 1,7 Millionen Kinder. Genauso dringend wie die lebensrettenden Maßnahmen seien daher Hilfen für Kinder, die durch das Unglück ihre Eltern verloren haben und jetzt auf sich allein gestellt sind, betonen Hilfsorganisationen.

"In den ersten Tagen nach dem Beben ging es vor allem darum, die schlimmste Not zu lindern. Wir haben den Menschen Wasser, Essen und Medikamente gegeben", sagt SOS-Kinderdorf-Mitarbeiterin Dincheva. "Jetzt hat die zweite Phase der Hilfe begonnen, in der wir uns um traumatisierte Kinder kümmern und Familien unterstützen, deren Haus zerstört wurde." Das Team der SOS-Kinderdörfer, das in Nepal mit insgesamt 800 Mitarbeitern sehr gut vernetzt ist, hat an mehreren Orten "Nothilfe-Kitas" eingerichtet. Dort werden Minderjährige betreut, deren Eltern mit schweren Verletzungen im Krankenhaus liegen.

Die Lage in der Hauptstadt schwankt an diesem Mittwoch zwischen einer vorsichtigen Rückkehr zum Alltag und Katastrophenbewältigung: "Kathmandu hat gerade zwei Gesichter. In den eher touristisch geprägten Teilen der Stadt, wo es viele neue Häuser gibt, registriert man kaum, dass es ein schlimmes Erdbeben gegeben hat. Dort haben auch viele Geschäfte geöffnet", sagt SOS-Kinderdorf-Helferin Dincheva. Völlig anders sehe es in den anderen Stadtvierteln aus. Dort sei ein Großteil der Häuser zerstört oder schwer beschädigt. "Mehr als 80 Prozent der Menschen schlafen im Freien, weil sie große Angst vor Nachbeben haben. Sie suchen sich freie Plätze, weil dort die Gefahr nicht so groß ist, von Trümmern getroffen zu werden. Oft sind es improvisierte Camps mit selbst gespannten Planen, weil die Leute keine richtigen Zelte haben", sagt Dincheva.

Anita Badal hat das Erdbeben miterleben müssen und Angst um ihre Familie gehabt. Die Krankenschwester hat in Freiburg ihre Ausbildung gemacht und arbeitet mit der deutschen Organisation "Nepal Schulprojekt" zusammen. Der gemeinnützige Verein unterhält in Kathmandu und Umgebung mehrere Schulen, Kindergärten und Wohnheime. Badal ist in dem Ort Dadikot wenige Kilometer östlich der Hauptstadt in einer kleinen Gesundheitsstation tätig und behandelt dort Patienten, die unter chronischen Schmerzen leiden. Demnächst soll noch eine weitere Einrichtung eröffnet werden, die medizinische Hilfe leistet. Doch an einen normalen Betrieb ist derzeit nicht zu denken. "Im Moment habe ich damit zu tun, Leute zu unterstützen, die in einer psychischen Ausnahmesituation sind. Ich sage ihnen auch, dass sie sich jetzt öfter die Hände waschen müssen und dass es wichtig ist, dass sie nur hygienisch einwandfreies Wasser benutzen", so die Krankenschwester.

Als die Erde am Samstag zu wackeln begann, saß Badal gerade im Bus und war auf dem Heimweg von der Arbeit zu ihrer Familie. "Ich dachte erst, der Bus hat etwas überfahren, weil auf der Straße ein umgefallenes Moped lag." Der Bus konnte nicht weiterfahren, weil ein großer Riss in der Straße klaffte. Menschen liefen panisch umher. "Ich habe versucht, meine Eltern anzurufen, aber das Netz funktionierte nicht", erzählt Badal. Erst Stunden später traf eine SMS von ihrem Mann ein, dass es zu Hause allen gutgeht.

Doppelte Arbeit vermeiden

Noch dramatischer als in Kathmandu und der näheren Umgebung dürfte die Lage in den abgeschiedenen Dörfern sein, die nur auf dem Fußweg erreichbar sind. Frank Marx, der für den Malteser-Hilfsdienst in Kathmandu ist, vermutet, die Hilfe werde "frühestens in den nächsten Tagen auch zu den Menschen ins Epizentrum kommen", das etwa 80 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt liegt. Dort funktionieren nach wie vor keine Mobiltelefone. Ein Überlebender aus Sindhupalchok, einem der am schlimmsten getroffenen Gebiete, sagte: "Ganze Dörfer in unserer Region wurden ausgelöscht. Sie sind weg, und keiner weiß, wie viele Menschen begraben wurden."

Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen schicken inzwischen zwar auch Teams über den beschwerlichen Landweg in die betroffenen Gebiete - aber von Indiens Hauptstadt Neu-Delhi aus dauert das drei bis fünf Tage.

Wie SOS-Kinderdorf-Mitarbeiterin Dincheva berichtet, hat es am Mittwoch in Kathmandu ein von der nepalesischen Regierung organisiertes Treffen aller Hilfsorganisationen gegeben, die in dem Land tätig sind. Ziel ist, dass die Retter sich nach Regionen aufteilen, doppelte Arbeit vermeiden und dass die Hilfe besser koordiniert wird.

Nepal habe sich über Vorsorge Gedanken gemacht, aber nicht vorgesorgt, sagt Kunda Dixit, Journalist bei der Zeitung Nepali Times, angesichts der schleppenden Rettungsarbeiten. Schon vor dem Erdbeben habe Nepal - ein Land mit seit Jahren instabiler Regierung - nicht den ganzen Tag Strom gehabt. "Ein Desaster dieses Ausmaßes wäre für jede Regierung der Welt eine Herausforderung gewesen. Besonders schlimm trifft es aber ein armes, bergiges Land ohne große Ressourcen und mit nur wenig Straßen."

(Mit Material der Nachrichtenagenturen)

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