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Erdbeben in Indonesien:"Ich habe sie einfach amputieren lassen"

Ike Desmayanti wurde schwer verletzt aus den Trümmern eines Bürohauses in der von Erdbeben verwüsteten Stadt Padang auf der Insel Sumatra gerettet.

Als die Erde zu beben begann, wollte sie weg. Nur weg. Aber Ike Desmayanti schaffte es nicht mehr aus ihrem Büro in Padang, das Gebäude kollabierte, bevor sie sich auf die Straße retten konnte, begrub die 26-Jährige unter sich. Helfer fanden sie um 22 Uhr, fünf Stunden nach den Erdstößen, die aus dem Westen der indonesischen Insel Sumatra eine Katastrophenlandschaft gemacht haben.

Erdbeben auf Sumatra, AP

Eine Stadt in Trümmern: Erdbeben haben aus Padang eine Katastrophenlandschaft gemacht.

(Foto: Foto: AP)

Desmayanti wurde gerettet, wie sie der Zeitung Jakarta Globe am Morgen danach erzählte. Aber ein Teil ihres Beines musste noch an Ort und Stelle amputiert werden, um sie aus dem Schutt befreien zu können. Den Rest nahm ihr ein Arzt später im Krankenhaus ab. "Ich habe nichts gesagt, als das Rettungsteam mein Bein abgeschnitten hat, ich habe es sie einfach machen lassen", sagte Desmayanti der indonesischen Zeitung. Und fügte an: "Mein Bein ist mir egal, immerhin habe ich noch mein Leben."

Anders als bei der jungen Frau hat die Naturkatastrophe, die am Mittwoch mit einer Stärke von 7,6 auf der Richterskala über Sumatra hereinbrach, bereits Hunderte Leben ausgelöscht. Von 529 Toten spachen die indonenischen Behörden am Donnerstag. Helfer berfürchten Tausende weitere Tote, die unter zusammenstürzten Häusern begraben liegen.

"Wir müssen auf das Schlimmste gefasst sein", sagte der indonesische Präsident Susilo Bambang Yudhoyono, der sich auf den Weg in das Krisengebiet machte. Als erste Maßnahme ordnete er den Katastropheneinsatz der Streitkräfte auf Sumatra an. Die indonesische Gesundheitsministerin Siti Fadilah sagte, es könne sein, dass die Bilanz der Katastrophe erschütternder ausfallen werde als nach dem Beben auf Java vor drei Jahren, bei dem 5800 Menschen ums Leben kamen.

Das gewaltige Ausmaß des Desasters war am Tag danach noch nicht ganz zu überblicken. Viele Gebiete in der 900.000-Einwohner-Stadt Padang waren von der Außenwelt abgeschnitten, es kam zu Erdrutschen. Hilfsorganisationen schickten erste Erkundungstrupps in die Region. Sie beschreiben Eindrücke des Schreckens, bevor die Telefonverbindung wieder zusammenbricht.

"Hier sind Wohnhäuser, Regierungsgebäude, Geschäfte und auch Krankenhäuser eingestürzt. Unter den Trümmern liegen wahrscheinlich viele Menschen begraben", berichtete Enda Balina von der Hilfsorganisation World Vision aus Padang. Die Stromversorgung in der Stadt sei zusammengebrochen, es regne weiterhin stark. "Am Flughafen waren unglaublich viele Menschen, die versucht haben, Flugtickets und Visa zu bekommen, um die Region zu verlassen. Auch die Tankstellen sind überfüllt, aber es gibt nicht genug Benzin", sagte Balina.

Die humanitären Helfer rufen nach der Erdbebenkatastrophe dringend dazu auf, die Opfern mit Spendengeldern zu unterstützen. "Die Kinder der ärmsten Familien leiden am härtesten", erklärte Unicef, die Kinderhilfsorganisation der Vereinten Nationen. Die Europäische Union stellt für die Erdbebenopfer in Indonesien drei Millionen Euro Soforthilfe zur Verfügung, die Bundesregierung eine Million Euro.

Das Geld werde von Hilfsorganisationen vor Ort unter anderem für Trinkwasser und Notunterkünfte gebraucht, hieß es von der EU-Kommission in Brüssel und dem Auswärtigen Amt in Berlin. Zudem seien bereits Experten der Kommission und des deutschen Technischen Hilfswerks auf dem Weg in das Katastrophengebiet.

Sumatra ist nicht die einzige Region im asiatisch-pazifischen Raum, die von einer heftigen Naturkatstrophe geschunden wird. Zuvor hatte ein Tsunami die Samoa-Inseln und Tonga im Pazifik getroffen, mindestens 150 Menschen kamen ums Leben. Auf den Philippinen und in Vietnam, Laos und Kambodscha zog der Tropensturm Ketsana eine Schneise der Verwüstung nach sich - auch hier starben Hunderte Menschen, Tausende haben alles verloren.

Die Natur ist noch nicht zur Ruhe gekommen, Nachbeben erschüttern die Region in Sumatra. Es war 8.52 Uhr Ortszeit in Padang, als die Erde am Donnerstag erneut heftig wackelte, die zweite Erschütterung binnen weniger Stunden erreichte eine Stärke von 7,0 auf der Richerskala. Der Alptraum ist für die Menschen in Indonesien also noch nicht ausgestanden - genauso wenig wie für die Einwohner der Philippinen. Auf die Nordostküste rast Taifun Parma zu. Metereologen warnen: Er könne noch weitaus gefährlicher werden als Ketsana.

Erdbeben auf Sumatra

Bilder der Verwüstung