Erdbeben in Haiti "Sie werden sehr wütende Menschen sehen"

Haitianer protestieren gegen die schleppende Bestattung der Toten, ein Nachbeben erschüttert die Hauptstadt und ein erstes deutsches Opfer wird gefunden.

Ein starkes Nachbeben hat am Samstag Haitis zerstörte Hauptstadt Port-au-Prince erschüttert. Unterdessen wächst bei der Bevölkerung der Unmut, weil auch vier Tage nach dem Erdbeben noch Tausende Tote auf der Straße liegen.

In Haiti fehlt es selbst am Allernötigsten: Erdbebenopfer in Port-au-Prince versuchen, Wasserrationen zu ergattern, die ein Helfer aus einem Bus heraus verteilt.

(Foto: Foto: Reuters)

Das Nachbeben sorgte am Samstag kurzzeitig für Panik: Zahlreiche Menschen liefen aus den Häusern, die Rettungsarbeiten für die Opfer der Katastrophe vom Dienstag mussten eine Zeit lang unterbrochen werden. Die Erdstöße hätten eine Stärke von 4,5 erreicht, erklärte das US-Institut für Geologie. Das Epizentrum habe sich in zehn Kilometern Tiefe etwa 25 Kilometer von Port-au-Prince entfernt befunden.

Seit dem Beben am Dienstag hatten rund 30 Nachbeben die Einwohner des Karibikstaates immer wieder in neue Panik versetzt. Viele Haitianer halten sich aus Angst vor Nachbeben den ganzen Tag im Freien auf - außerhalb der instabilen Gebäude.

In einem Wettlauf gegen die Zeit operieren Mediziner der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" pausenlos Verletzte im Katastrophengebiet. Erfahrene Mitarbeiter betonten nach Angaben der Organisation vom Samstag, sie hätten noch nie so viele schwere Verletzungen auf einmal gesehen.

In der Bevölkerung nimmt die Spannung derweil zu: Aus Protest gegen die langsamen Aufräumarbeiten setzten Einwohner von Port-au-Prince eine Barrikade aus Reifen, Trümmern und Leichen in Brand. Rund 30 Menschen forderten auf der Straße nach Carrefour die schnelle Entfernung der unzähligen Todesopfer des Erdbebens, um den Ausbruch von Seuchen zu verhindern. "Sie haben schon ein paar Leichen weg gebracht, aber es sind noch viel mehr hier", sagte der Voodoo-Priester Charles Weber. Ein Fahrzeug der Polizei sah sich durch das Feuer zur schnellen Umkehr gezwungen.

Verzweiflung wird Wut

Seit dem Erdbeben häufen sich die Leichen auf den Straßen von Port-au-Prince, wo Temperaturen um die 30 Grad herrschen. Überall hängt Verwesungsgeruch, berichten Helfer. Nach Angaben von Regierungschef Jean-Max Bellerive vom Freitag wurden bislang 15.000 Tote geborgen. Die meisten werden in Massengräbern beerdigt. Insgesamt seien vermutlich mindestens 100.000 Menschen ums Leben gekommen, sagte Ministerpräsident Jean-Max Bellerive.

Erstmals kam es auch zu größeren Zusammenstößen von Plünderern gekommen. In einer ehemaligen Einkaufsstraße der Hauptstadt Port-au-Prince habe sich ein Mob von etwa 1000 Menschen gebildet, berichtete der Reuters-Fotograf Carlos Barria am Samstag. Die Männer kämpften um Alltagsgegenstände wie T-Shirt und Spielzeuge, die verstreut in den Trümmern der zerstörten Läden lägen. Die Plünderer gingen dabei auch mit Steinen, Messern und Spitzhacken aufeinander los. "Da herrscht jetzt Anarchie, das totale Chaos. Die Polizei ist längst weg", sagte Barria.

Der Haiti-Gesandte der UN und Ex-US-Präsident Bill Clinton hatte bereits am Freitag gewarnt, die ersten Unruhen seien nur der Anfang. "Sie werden sehr wütende Menschen sehen, Menschen die plündern, Menschen, die Dinge sagen und tun, die uns nicht gefallen", sagte er dem Fernsehsender Fox News.

Im Erdbebengebiet ist unterdessen nach Angaben von Außenminister Guido Westerwelle ein erstes deutsches Todesopfer gefunden worden. Noch etwa 30 Deutsche würden vermisst, erklärte er am Samstagabend. Näheres über die Identität des Toten gab er nicht bekannt. Er könne nicht ausschließen, dass es noch mehr tote Deutsche geben werde. Westerwelle kündigte an, Deutschland werde seine Haiti-Hilfe von bislang 1,5 auf 7,5 Millionen Euro aufstocken.

"In allen Vierteln ist Zerstörung"

Zehntausende Menschen sind im Erdbebengebiet nach wie vor auf der Straße oder in Lagern untergebracht. Allein auf dem Platz Champ de Mars in der Hauptstadt Port-au-Prince lebten rund 50.000 Menschen unter freiem Himmel, die ihr Obdach verloren haben, teilte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) am Samstag in Genf mit. Notunterkünfte seien auf "jedem freien Zentimeter" in der Stadt eingerichtet worden, erklärte IKRK-Sprecher Simon Schorno weiter.

Insgesamt gebe es rund 40 Sammelpunkte, an denen sich Einwohner zusammengefunden hätten. Viele versuchten demnach auch, die zerstörte Hauptstadt mit Bussen zu verlassen, um bei Angehörigen auf dem Land unterzukommen. "In allen Vierteln ist Zerstörung", erklärte Schorno. Es gebe weder Zelte noch Plastikplanen, Kochstellen oder Toiletten. Die UN hatten die Zahl der Obdachlosen in Port-au-Prince auf 300.000 geschätzt, die haitianische Regierung geht sogar von 1,5 Millionen Menschen aus, die ihr Zuhause verloren haben.

Haiti nach dem Erdbeben

Der Kampf der Helfer