Erdbeben in Haiti:Plünderungen nehmen zu

Inzwischen häufen sich die Meldungen über Plünderungen. Junge Männer liefen mit Macheten durch die Straßen, berichten Augenzeugen. Es sei zu Kämpfen um Nahrungsmittel gekommen, die aus Trümmern von Gebäuden gezogen wurden.

Viele Menschen hätten seit dem Erdbeben keine Nahrung gefunden, berichten Helfer. In einigen Teilen der Stadt haben bewaffnete Banden Überlebende des Bebens überfallen und ausgeraubt.

Der Fahrer eines Lastwagens mit Wasservorräten schilderte, wie er am Freitag in einem Armenviertel von einer aufgebrachten Menge angegriffen wurde. "Wenn die Lage nicht bald kontrolliert wird, wird es zum Chaos kommen", sagte der Helfer Steve Matthews von der Organisation World Vision.

Die Mitarbeiter von Hilfsaktionen hätten derzeit allerdings noch keine Probleme wegen möglicher Gewaltausbrüche, heißt es. "Die Bevölkerung ist aber noch immer sehr unruhig und es gibt viele Gerüchte über ein zweites Erdbeben und einen steigenden Meeresspiegel. Es könnte eine Panik auslösen. Es gibt auch Spannungen, da es nicht ausreichend Wasser und Nahrung gibt", sagte Laurent Dedieu, logistischer Manager für die Projekte der Hilfsorganisation auf Haiti.

Viele Bewohner der Hauptstadt campieren in Parks und auf der Straße. Die Menschen sind traumatisiert und warten verzweifelt auf Hilfe. Nach Angaben der Organisation "Ärzte ohne Grenzen" haben drei Millionen Menschen keinen Zugang zu Lebensmitteln, Wasser und sanitären Einrichtungen.

Vor dem eingestürzten Präsidentenpalast harren mehrere tausend Obdachlose in einem Zeltlager aus. Wenn keine Hilfe komme, klagte die 21-jährige Straßenhändlerin Rivia Alce, "werden wir alle sterben."

Auf einem Friedhof vor der Stadt luden Lastwagen Dutzende Leichen in ein Massengrab. Im Süden der Stadt verbrannten Arbeiter mehr als 2.000 Leichen auf einer Müllhalde.

Clinton in Haiti erwartet

Die Versorgung der Verletzten ist weiter kritisch. Vor einem Zentrum der Organisation Ärzte ohne Grenzen starben im Laufe des Freitags rund 100 Menschen, während sie auf medizinische Behandlung warteten, wie der Leiter der Vertretung, Stefano Zannini, telefonisch mitteilte. Die häufigste Verletzung seien offene Knochenbrüche. Mehr als 3.000 Verletzte wurden zur Behandlung in die benachbarte Dominikanische Republik gebracht.

Bei der Auswertung von Satellitenaufnahmen stellten die Vereinten Nationen fest, dass mindestens 30 Prozent aller Gebäude in der Hauptstadt Port-au-Prince beschädigt oder zerstört wurden. In einigen besonders schwer betroffenen Vierteln sind es 50 Prozent und mehr. In der 134.000-Einwohner-Stadt Leogane, die westlich der Hauptstadt liegt, bis zu 90 Prozent der Häuser zerstört worden. Dort sind nach UN-Angaben zwischen 5000 und 10.000 Bewohner ums Leben gekommen.

Die UN baten die internationale Staatengemeinschaft um eine Soforthilfe von 550 Millionen Dollar. Demnach sind drei Millionen Menschen dringend auf Nahrungsmittel, Wasser, Unterkunft und medizinische Notversorgung angewiesen. Das Erdbeben in Haiti sei die schlimmste Katastrophe, mit der die Vereinten Nationen jemals zu tun hatten, sagte eine Sprecherin. Zur Begründung sagte sie, durch das Beben seien die örtlichen Strukturen in dem Karibikstaat zusammengebrochen.

Am Sonntag wird UN-Generalsekretär Ban Ki Moon in Haiti erwartet, bereits am Samstag wird US-Außenministerin Hillary Clinton eintreffen. Zur gleichen Zeit wird US-Präsident Barack Obama mit seinen Amtsvorgängern George W. Bush und Bill Clinton zusammentreffen, um über weitere Hilfsmaßnahmen zu beraten.

Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes in Berlin sagte, es gebe noch keine belastbaren Zahlen zu deutschen Erdbeben-Opfern. Es sei nicht auszuschließen, dass Deutsche ums Leben gekommen sind.

© AFP/Reuters/dpa/AP/sueddeutsche.de/joku/gba
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