Erdbeben in Haiti:Angst vor Plünderungen

Während die Hoffnung auf Überlebende sinkt, drohen in Haiti Unruhen. Die Hilfe läuft indes langsam an: Die USA haben die Koordinierung am Flughafen der Hauptstadt übernommen.

Nach dramatischen Anfangsschwierigkeiten hofft die internationale Gemeinschaft, am Wochenende mit der Verteilung von Versorgungsgütern für die Erdbebenopfer in Haiti voranzukommen. Hilfsorganisationen bemühen sich fieberhaft um die Weiterleitung von Wasser und Lebensmitteln, werden jedoch immer wieder auf blockierten Straßen aufgehalten, heißt es in Berichten aus der Region.

Erdbeben in Haiti: Ein Mann zerrt an einem Toten, um dessen Sarg zu stehlen

Ein Mann zerrt an einem Toten, um dessen Sarg zu stehlen

(Foto: Foto: AP)

Die Vereinten Nationen haben inzwischen 15 Zentren für die Auslieferung von Hilfsgütern eingerichtet. Nach Auskunft der Organisation "Aktion Deutschland Hilft" sollen UN-Soldaten die Verteilung beaufsichtigen.

Um die Auslieferung der Hilfsgüter zu beschleunigen, hat Haiti den USA die Kontrolle über den Flughafen in der Hauptstadt Port-au-Prince übertragen. US-Rettungskräfte sollen dort die Ankunft der Maschinen mit Hilfsgütern koordinieren. Derzeit sind mehrere Flugzeuge aus aller Welt mit Hilfsgütern an Bord auf dem Weg zur Insel.

Bis Montag sollen zudem 9000 bis 10.000 US-Soldaten in Haiti oder auf Schiffen vor der Küste im Hilfseinsatz sein, wie US-Generalstabschef Mike Mullen mitteilte. Allerdings gibt es derzeit für Schiffe mit Hilfsgütern keinen Anlegeplatz, da der Hafen der Stadt fast komplett zerstört ist.

Zweijähriges Kind gerettet

Helfer versuchen weiterhin verzweifelt, Überlebende zu finden. Am späten Freitag konnten britische Rettungskräfte ein zweijähriges Kind aus den Trümmern eines zusammengestürzten Kindergartens in Port-Au-Prince retten. Doch die Hoffnung auf weitere Wunder dieser Art schwindet stündlich.

Noch ist unklar, wie viele Menschen bei dem verheerenden Erdbeben am Dienstag ums Leben kamen. "Wir gehen davon aus, dass es insgesamt zwischen 100.000 und 200.000 Tote sein werden", sagte Innenminister Paul Antoine Bien-Aime der Nachrichtenagentur Reuters. Die genaue Zahl werde man allerdings wohl nie kennen. Präsident Rene Preval sagte, der Schaden in seinem Land könne mit dem eines 15-tägigen Bombenangriff verglichen werden.

Plünderungen nehmen zu

Inzwischen häufen sich die Meldungen über Plünderungen. Junge Männer liefen mit Macheten durch die Straßen, berichten Augenzeugen. Es sei zu Kämpfen um Nahrungsmittel gekommen, die aus Trümmern von Gebäuden gezogen wurden.

Viele Menschen hätten seit dem Erdbeben keine Nahrung gefunden, berichten Helfer. In einigen Teilen der Stadt haben bewaffnete Banden Überlebende des Bebens überfallen und ausgeraubt.

Der Fahrer eines Lastwagens mit Wasservorräten schilderte, wie er am Freitag in einem Armenviertel von einer aufgebrachten Menge angegriffen wurde. "Wenn die Lage nicht bald kontrolliert wird, wird es zum Chaos kommen", sagte der Helfer Steve Matthews von der Organisation World Vision.

Die Mitarbeiter von Hilfsaktionen hätten derzeit allerdings noch keine Probleme wegen möglicher Gewaltausbrüche, heißt es. "Die Bevölkerung ist aber noch immer sehr unruhig und es gibt viele Gerüchte über ein zweites Erdbeben und einen steigenden Meeresspiegel. Es könnte eine Panik auslösen. Es gibt auch Spannungen, da es nicht ausreichend Wasser und Nahrung gibt", sagte Laurent Dedieu, logistischer Manager für die Projekte der Hilfsorganisation auf Haiti.

Viele Bewohner der Hauptstadt campieren in Parks und auf der Straße. Die Menschen sind traumatisiert und warten verzweifelt auf Hilfe. Nach Angaben der Organisation "Ärzte ohne Grenzen" haben drei Millionen Menschen keinen Zugang zu Lebensmitteln, Wasser und sanitären Einrichtungen.

Vor dem eingestürzten Präsidentenpalast harren mehrere tausend Obdachlose in einem Zeltlager aus. Wenn keine Hilfe komme, klagte die 21-jährige Straßenhändlerin Rivia Alce, "werden wir alle sterben."

Auf einem Friedhof vor der Stadt luden Lastwagen Dutzende Leichen in ein Massengrab. Im Süden der Stadt verbrannten Arbeiter mehr als 2.000 Leichen auf einer Müllhalde.

Clinton in Haiti erwartet

Die Versorgung der Verletzten ist weiter kritisch. Vor einem Zentrum der Organisation Ärzte ohne Grenzen starben im Laufe des Freitags rund 100 Menschen, während sie auf medizinische Behandlung warteten, wie der Leiter der Vertretung, Stefano Zannini, telefonisch mitteilte. Die häufigste Verletzung seien offene Knochenbrüche. Mehr als 3.000 Verletzte wurden zur Behandlung in die benachbarte Dominikanische Republik gebracht.

Bei der Auswertung von Satellitenaufnahmen stellten die Vereinten Nationen fest, dass mindestens 30 Prozent aller Gebäude in der Hauptstadt Port-au-Prince beschädigt oder zerstört wurden. In einigen besonders schwer betroffenen Vierteln sind es 50 Prozent und mehr. In der 134.000-Einwohner-Stadt Leogane, die westlich der Hauptstadt liegt, bis zu 90 Prozent der Häuser zerstört worden. Dort sind nach UN-Angaben zwischen 5000 und 10.000 Bewohner ums Leben gekommen.

Die UN baten die internationale Staatengemeinschaft um eine Soforthilfe von 550 Millionen Dollar. Demnach sind drei Millionen Menschen dringend auf Nahrungsmittel, Wasser, Unterkunft und medizinische Notversorgung angewiesen. Das Erdbeben in Haiti sei die schlimmste Katastrophe, mit der die Vereinten Nationen jemals zu tun hatten, sagte eine Sprecherin. Zur Begründung sagte sie, durch das Beben seien die örtlichen Strukturen in dem Karibikstaat zusammengebrochen.

Am Sonntag wird UN-Generalsekretär Ban Ki Moon in Haiti erwartet, bereits am Samstag wird US-Außenministerin Hillary Clinton eintreffen. Zur gleichen Zeit wird US-Präsident Barack Obama mit seinen Amtsvorgängern George W. Bush und Bill Clinton zusammentreffen, um über weitere Hilfsmaßnahmen zu beraten.

Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes in Berlin sagte, es gebe noch keine belastbaren Zahlen zu deutschen Erdbeben-Opfern. Es sei nicht auszuschließen, dass Deutsche ums Leben gekommen sind.

© AFP/Reuters/dpa/AP/sueddeutsche.de/joku/gba
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