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Erdbeben in der Türkei:Wenn die Erde 700 Mal bebt

Während manche mehrstöckige Gebäude in der Stadt Elazığ komplett zusammenstürzten, blieben andere Häuser offenbar völlig unversehrt.

(Foto: Bulent Kilic/AFP)

Ein Beben der Stärke 6,8 erschüttert die Osttürkei. 38 Menschen sterben, noch immer läuft die Suche nach Verschütteten. Und Fußballfans spenden Mützen und Schals.

Von Christiane Schlötzer, Istanbul

Am Sonntagnachmittag warten sie noch auf das, was man gewöhnlich "Wunder" nennt. Darauf, dass noch jemand lebend aus dem Schutt gezogen würde, aus einem riesigen Steinhaufen im Viertel Sürsürü in der osttürkischen Stadt Elazığ. Aber dann finden sie nur noch weitere Tote. Und drei Menschen werden da noch immer unter den Trümmern vermutet. Innenminister Süleyman Soylu versichert, die Suche werde weitergehen.

Am Freitagabend gegen 21 Uhr Ortszeit hat ein schweres Beben der Stärke 6,8 die Provinz Elazığ erschüttert, auch in der Nachbarprovinz Malatya starben Menschen. Die Bilanz am Sonntag: 38 Tote, mehr als 1600 Verletzte, etwa 100 davon mussten in Krankenhäuser gebracht werden. 45 Menschen wurden nach Angaben der türkischen Katastrophenschutzbehörde Afad lebend aus zusammengestürzten Gebäuden geborgen, darunter auch eine Schwangere und mehrere Kinder. In der Nacht zum Sonntag haben sie noch eine 35-Jährige und ihre zwei Jahre alte Tochter lebend geborgen - 28 Stunden nach dem ersten Beben und fast 700 Nachbeben.

Tausende haben aus Angst vor weiteren Erschütterungen in den Nächten bei Minustemperaturen im Freien oder in Turnhallen und Moscheen ausgeharrt. In der Nachbarprovinz Adıyaman wurde ein beschädigtes Gefängnis geräumt, die rund 800 Häftlinge wurden nach türkischen Medienberichten in andere Anstalten verlegt.

Am Sonntag bitten die Retter um Stille, um mögliche Signale aus dem Schutt nicht zu überhören. Sie setzen auch Sensoren, Drohnen und Suchhunde ein, am Samstag haben sie per Handy Kontakt zu einer Frau unter den Trümmern aufnehmen können. Als die 45-Jährige geborgen wurde, applaudierten die Zuschauer.

Was mit dem Steuergeld passiert ist? Präsident Erdoğan warnt vor "Provokationen"

Fernsehbilder aus Elazığ, eine Stadt mit 600 000 Einwohnern, zeigen völlig in sich zusammengesackte mehrstöckige Gebäude, direkt neben unbeschädigt wirkenden Häusern. Insgesamt wurden 76 völlig zerstörte und 645 schwer beschädigte Gebäude gezählt. Das Beben löste in den sozialen Medien sofort wieder Debatten über Baumängel aus, und darüber, wie gut oder schlecht im Besonderen Istanbul auf ein mögliches Megabeben vorbereitet ist. Für die Millionenmetropole am Bosporus erwarten Experten schon seit Längerem ein schweres Beben, ohne natürlich einen Zeitpunkt angeben zu können. Twitternutzer fragten, für was die seit 1999 erhobene Erdbebensteuer verwendet worden sei, nachdem der Rote Halbmond alle Türken am Sonntag per SMS zu einer Spende von wenigstens zehn Lira (etwa 1,50 Euro) aufrief. Die Steuer war nach dem schweren Beben im August 1999 in der Region Gölcük, gut 100 Kilometer südöstlich von Istanbul, eingeführt worden. 18 000 Tote gab es damals. Zum 20. Jahrestag des Bebens hatte die Bauingenieurskammer von Istanbul gewarnt, schätzungsweise eine Million Gebäude in der Stadt seien nicht sicher.

Präsident Recep Tayyip Erdoğan flog am Samstag nach Elazığ, im Fernsehen sagte er: "Haben wir die Chance, ein Erdbeben zu stoppen? Nirgendwo auf der Welt gibt es das." Er warnte vor "Provokationen" in den sozialen Medien. Innenminister Soylu twitterte, es sei "unmenschlich", in dieser schweren Stunde über die "Erdebentauglichkeit der Türkei zu diskutieren".

Feuerwehren aus vielen Städten der Türkei schickten Unterstützung ins Katastrophengebiet. Mehrere Tausend Helfer waren im Einsatz, sie bauten fast 10 000 Zelte auf. Auch Griechenlands Premier Kyriakos Mitsotakis bot Erdoğan Rettungsteams an. Die Beziehungen der beiden Nachbarländer stehen wegen des Streits um Gasbohrungen in der Ägäis eigentlich unter Dauerspannung. Kanzlerin Angela Merkel, die erst am Freitagabend die Türkei nach ihrem Besuch in Istanbul verlassen hatte, sicherte auch "tatkräftige Unterstützung" zu und drückte ihr Mitgefühl aus.

Fußballfans des Istanbuler Erstligisten Fenerbahçe warfen während des Spiels gegen den Lokalrivalen Başaksehir am Samstag in Istanbul ihre Schals und Mützen auf den Platz und skandierten: "Elazığ friere nicht, Fenerbahçe ist mit dir." Die Kleidungsstücke sollen nach Angaben des türkischen Senders NTV an die Erdbebenopfer geschickt werden. Fans des Erstligisten Beşiktaş Istanbul schickten, wie der Club mitteilte, mehr als 3800 Decken.

© SZ vom 27.01.2020

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