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Erdbeben in der Türkei:Inventur der Katastrophe

Ein Auto, unter Trümmern begraben, ein zusammengesacktes Studentenwohnheim, mehr als 260 Tote: Am Tag nach dem Beben im Osten der Türkei zählen die Bewohner von Ercis die Opfer der Katastrophe. Sie machen sich mit Berichten von Geretteten gegenseitig Hoffnung - und kritisieren die mangelnde Vorsorge.

Kai Strittmatter, Ercis

Es ist merkwürdig ruhig in der Stadt, 24 Stunden nachdem die Erde bebte. Ab und zu eine Sirene, ein Aufschluchzen, aber ansonsten haben sich Staub und Stille über Ercis gelegt. Die Bagger, die Retter, sie arbeiten unentwegt, aber es ist eine gedämpfte Hektik, der Schock lässt keine Hysterie aufkommen.

Die Menschen laufen in Gruppen durch ihre Stadt, fast wie in Zeitlupe, sie schauen stumm nach links, nach rechts, machen in Gedanken Inventur: Was steht noch? Sie laufen in der Mitte der Straßen, ständig gibt es Nachbeben, keiner möchte jetzt noch erschlagen werden von herabfallenden Trümmern.

Man muss als Besucher erst einmal gar keine Fragen stellen, man sammelt einfach die an jeder Straßenecke geflüsterten Fetzen. "Wir wissen, dass er lebt, aber sie holen ihn noch immer nicht heraus." - "Geht da nicht hin. Ihr ertragt es nicht." - "Hast du gehört, sie soll enthauptet worden sein."- "Gott sei Dank, uns ist nichts passiert."

Der steinerne Bogen, der die Einfahrt zur Stadt markiert, ist zur Hälfte eingestürzt. Danach ist der Weg unpassierbar: Ein Haus ist quer über die Straße gestürzt. Weiter zu Fuß. Ein großes Plakat der Gemeinde wirbt stolz für "das neue Gesicht von Ercis": neu asphaltierte Straßen, unlängst hochgezogene Appartmentblocks. "100.000 Tonnen Asphalt haben wir 2010 verarbeitet!", steht da, daneben lächelt der von Rosen eingerahmte Bürgermeister. Viele der Gebäude auf den Fotos stehen seit 24 Stunden nicht mehr.

Die Kreisstadt Ercis hat es am schlimmsten erwischt, 80 Gebäude hier sind kollabiert. Fünf, sechs, sieben Stockwerke, einfach in sich zusammengesackt. Häuser mitten im Stadtzentrum, die aussehen, als seien sie gesprengt worden. Ein Auto, das es im Vorüberfahren erwischt hat, halb begraben nun. Davor eine Gruppe alter Männer, auch sie in sich zusammengesunken, auf dem Randstein der gegenüberliegenden Straßenseite sitzen sie und warten.

"Wir haben alle Verwandte da drin", sagt einer und deutet auf den großen Berg Schutt. "Aber noch kommt keiner, um zu graben. Es geht so langsam." Murat, sagt er, heiße er, und er habe in seinem Leben schon viele Erdbeben mitgemacht, aber so etwas, so etwas habe er noch nie erlebt. "Da war ein Heulen. Von den Bergen sahen wir Felsen herunterrollen. Ich habe Holz gehackt, mich hat es einen Meter zur Seite geschleudert. Fünf Minuten lang waren wir wie betäubt. Eine solche Wucht."

Es war ein Sonntag. Fast alle waren zu Hause. Auch die Studenten des fünfstöckigen Wohnheims in der Kisla-Straße. Ihr Gebäude knickte ein - und so steht es heute da: schief und verrenkt, als warte es nur auf den letzten Stoß. In der Mitte, wo die Wand herausgefallen ist, ragt nun ein blaues Bett heraus und wird von einem leuchtend roten Vorhang umspielt als wär's ein Gemälde.

Die Studenten konnten wohl alle gerettet werden, der Vizedirektor aber wird noch vermisst, seine Verwandten stehen vor dem Haus, manche Frauen haben die Hände vors Gesicht geschlagen in nicht enden wollender Fassungslosigkeit. Wo einst das Erdgeschoss war, da liegt heute der erste Stock - das Haus hat sich einfach um ein Stockwerk abgesenkt. Die Retter aber trauen sich nicht hin, es kann jederzeit vollends einstürzen.

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