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Entführungsopfer Betancourt:Vergoldete Geiselhaft

Íngrid Betancourt fordert von der Regierung Kolumbiens kurzzeitig 6,3 Millionen Euro Schadenersatz. Vielen Kolumbianern gilt sie nun als übergeschnappte Diva - das Image ist angekratzt.

Peter Burghardt, Buenos Aires

Kürzlich wurde Íngrid Betancourt seit längerer Zeit mal wieder gefeiert. Die vormals berühmteste Geisel der Welt flog aus Paris ein, um daheim in Kolumbien den zweiten Jahrestag ihrer Befreiung zu begehen. Am 2. Juli 2008 hatten Soldaten die frühere Politikerin und 14 weitere Gefangene mit sonderbarer List der Guerillatruppe Farc entrissen, mehr als sechs Jahre nach ihrer Entführung. "Perfekt" nannte sie diese Operación Jaque (Operation Schach) damals vor Millionen Fernsehzuschauern. Nun gab es ein Wiedersehen mit Leidensgenossen und Rettern von einst. Zum zweiten Jahrestag organisierte das Verteidigungsministerium eine Zeremonie, Ehrengast Betancourt soll guter Stimmung gewesen sein.

Colombian former guerrilla FARC hostage Ingrid Betancourt waits on a balcony before a meeting with President Hugo Chavez in Caracas

Zuerst Heldin, nun "übergeschnappte Diva": Íngrid Betancourt.

(Foto: ag.rtr)

Was man da noch nicht wusste: Die prominente Überlebende wollte plötzlich Geld, viel Geld. Nicht von den Rebellen, sondern von der Regierung. Jetzt will sie es angesichts der Aufregung angeblich wieder nicht mehr.

Die Geschichte begann am Freitag, als zur allgemeinen Verblüffung bekannt wurde, dass die Familie Betancourt Schadenersatz verlange. Die Nation solle bezahlen, was ihr in 3320 Tagen im Urwald an Gehalt entgangen und Angehörigen an Kosten entstanden sei.

Es ging um mehr als 15 Milliarden Pesos, 6,3 Millionen Euro. Begründung: Der Staat habe sich nicht genug um ihren Schutz und um ihre Rettung bemüht. Der Rechtsanwalt des Clans schlug eine außergerichtliche Einigung vor, es folgte ein Sturm der Entrüstung. "Das ist ein Akt von Habsucht, Undankbarkeit und Opportunismus, der die Ablehnung der Kolumbianer und der Weltmeinung verlangt", schimpfte Vizepräsident Francisco Santos. "Schändlich", titelt das Politmagazin Semana. Sogar der linke Oppositionelle Gustavo Petro zürnt: "Die Farc haben sie entführt, nicht der Staat. Frei ist sie wegen einer erfolgreichen Militäraktion."

Entsprechend erschrocken ruderte die Klägerin zu Wochenbeginn zurück. "Die einzigen Verantwortlichen meiner Entführung sind die Farc", erläuterte Íngrid Betancourt dem Radiosender Caracol, der ihr im Dschungel über ein Transistorgerät Stimmen von Mutter, Kindern und Männern geliefert hatte. "Es gibt hier keine Klage oder Attacke gegen die Regierung, die mich mit der Armee aus den Fängen der Farc befreit hat." Dem Präsidenten Álvaro Uribe habe sie sehr viel zu verdanken. Die geforderte Summe sei "astronomisch und absurd, aber symbolisch." Sie wünsche sich nur, dass man die Wahrheit über ihr Kidnapping erfahre und alles nicht noch einmal passiere.

Am Dienstag hieß es dann, die Entschädigungsforderungen seien hinfällig. Doch der Rückzug kommt vermutlich zu spät. Mittlerweile wundert sich halb Kolumbien über die einstige Volksheldin.

Vielen gilt sie als übergeschnappte Diva, dabei war Íngrid Betancourt ehemals die Jeanne d'Arc aus Südamerika. Sie legte sich mit der korrupten Politelite an und erfand eine Außenseiterpartei namens Grüner Sauerstoff, obwohl die Diplomatentochter aus der begüterten Oberschicht stammt. Am 23. Februar 2002 geriet die damalige Präsidentschaftskandidatin mit ihrer Assistentin Clara Rojas auf dem Weg zu einem Wahlkampfauftritt im Guerillagebiet in einen Hinterhalt der Farc und verschwand.

Während der Gefangenschaft wurde sie vielfache Ehrenbürgerin auch in Frankreich, wo sie lange gelebt hatte. In Kolumbien war sie zwischenzeitlich fast so populär wie der rechte Staatschef Uribe. Jetzt wird die gefallene Heldin auf allen Kanälen daran erinnert, dass sie sich damals trotz Warnung in Gefahr begeben hatte. "Die Zone war schlicht gefährlich", sagt der Ex-Friedensbeauftragte Camilo Gómez.

Bereits nach dem mythenumwobenen Rettungsakt erlebte die Republik mit Befremden, wie Betancourt sofort nach Frankreich flog und en passant ihren Gatten Juan Carlos Lecompte abfertigte. Sie tourte unter dem Schutz der französischen Regierung durch Europa und sammelte Titel und Ehrungen ein. Daheim wurde außer über Preise über geheime Liebschaften und Egoismus, die Scheidung von Lecompte und den Streit mit Rojas berichtet. Zeitungen dichten ihr derzeit eine Beziehung mit dem Mitentführten Marc Gonsalves aus den USA an. Außerdem heißt es, sie lebe zwischen Paris, wo ihr Sohn Lorenzo studiert, und New York, wo ihre Tochter Melanie studiert, und Miami, wohin offenbar ihre Mutter zog. Íngrid Betancourts seit langem erwartetes Buch über die Entführung soll demnächst erscheinen. Laut Semana bekommt sie dafür fast sieben Millionen Dollar.

© SZ vom 15.07.2010/grc

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