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Entführung in Cleveland:Befreite Frauen kehren nach Hause zurück

Zehn Jahre nach ihrem Verschwinden kehren drei junge Frauen wieder zu ihren Familien zurück. Nach ihrer Befreiung aus einem Wohnhaus in Cleveland wurden sie zunächst im Krankenhaus untersucht. In dem Fall sind drei Verdächtige festgenommen worden. Einer von ihnen hatte bereits zuvor Kontakt mit der Polizei.

Vor etwa zehn Jahren verschwanden nacheinander drei junge Frauen, alle im gleichen Wohngebiet in Cleveland. Jetzt konnten sie aus einem Haus in der US-Stadt befreit werden - auch dank der Hilfe eines aufmerksamen Nachbarn.

Charles Ramsey hatte am Montagnachmittag eine der Frauen bemerkt, als sie um Hilfe schrie. "Ich habe gesehen, wie das Mädchen wie verrückt versuchte, aus dem Haus zu entkommen", sagte Ramsey US-Medien. Er sei zu der Tür gegangen und sie habe gesagt "helfen Sie mir hier raus, ich bin schon sehr lange hier". Er habe einen Teil der Tür eingetreten, und die Frau sei mit einem kleinen Mädchen im Arm durch das Loch ins Freie geklettert. Dann habe sie ihren Namen genannt: Amanda Berry.

Berry verschwand laut FBI im April 2003 nach der Arbeit in einem Fastfood-Restaurant - am Vorabend ihres 17. Geburtstags. Nach ihrer Befreiung alarmierte sie aus einem Nachbarhaus per Telefon die Polizei: "Ich bin Amanda Berry. Ich wurde entführt. Ich werde seit zehn Jahren vermisst. Ich bin frei. Ich bin jetzt hier", ist ihre Stimme auf der Aufnahme des Notrufs zu hören.

Wenige Minuten später stürmte die Polizei das Haus und befreite zwei weitere Frauen: Gina DeJesus und Michele Knight. DeJesus war ein Jahr nach Berry im Alter von 14 Jahren auf dem Heimweg von der Schule verschwunden. Knight wurde bereits seit August 2002 vermisst. Bei ihrem Verschwinden war sie 21 Jahre alt.

Cleveland

"Willkommen Zuhause, Gina" steht auf einem Schild, das die Familie der jungen Frau gemalt hat.

(Foto: AP)

Verdächtiger hatte Jungen in Schulbus eingesperrt

Alle drei seien "anscheinend bei guter Gesundheit", erklärte die Polizei kurz nach der Befreiung. Sie wurden zunächst in ein Krankenhaus gebracht, einem Gesundheitscheck unterzogen und zum ersten Mal seit einer Dekade wieder mit ihren Verwandten zusammengeführt. Am Dienstagvormittag (Ortszeit) durften die Frauen wieder nach Hause zu ihren Familien.

Die Polizei hat im Zusammenhang mit dem Fall bereits drei Verdächtige festgenommen. Nach Behördenangaben handelt es sich dabei um drei Brüder im Alter von 50, 52 und 54 Jahren. Die Polizei geht davon aus, dass nur der 52-Jährige dauerhaft in dem Haus mit den drei jungen Frauen gewohnt haben soll. Bei einer Pressekonferenz am Dienstagnachmittag bestätigten die Behörden Medienberichte, denen zufolge der Mann in den vergangenen Jahren bereits einmal mit der Polizei in Kontakt gekommen war.

Der Schulbusfahrer hat demnach im Jahr 2004 ein Kind allein in seinem Bus eingesperrt. Dies sei jeduch unabsichtlich geschehen. Der Mann sei ausgestiegen, habe sich etwas zu essen geholt und habe erst beim Einsteigen bemerkt, dass sich das Kind noch im Bus befand. Grund zur Annahme eines kriminellen Hintergrunds habe es damals nicht gegeben.

Die Brüder besitzen noch weitere Immobilien. Diese sollen nun durchsucht werden. Auch das Haus, in dem die drei Frauen gefangengehalten wurden, wird jetzt von der Polizei auseinandergenommen. Fragen, wie es in dem Wohnhaus aussehe und mit welchen Mitteln ein Ausbruch der drei Frauen über zehn Jahre hinweg verhindert werden konnte, wollte die Polizei bei der Pressekonferenz nicht beantworten.

Kind in Gefangenschaft geboren

Die Details der jahrelangen Gefangenschaft der drei Frauen waren zunächst noch unklar. Mindestens eine von ihnen brachte in der Zeit jedoch offenbar ein Kind zur Welt. Ein Notarzt, der die Frauen untersuchte, sagte, sie seien in guter Verfassung. "Dies ist nicht das Ende, das solche Geschichten normalerweise nehmen, deswegen freuen wir uns sehr für sie", sagte der Mediziner Gerald Maloney vor Reportern.

Hunderte jubelnde Menschen versammelten sich in der normalerweise ruhigen Wohnstraße und feierten die Nachricht, dass die Vermissten noch am Leben sind. Ramsey wird wie ein Held gefeiert, gibt nationalen Medien Interviews. Er habe gerade "gemütlich Fastfood gegessen", als er die Schreie von Amanda Berry gehört habe. Er sei schockiert über das, was sein Nachbar vermutlich getan habe, sagte Ramsey dem Sender "NewsNet5": "Ich wohne seit einem Jahr hier. Dieser Kerl und ich haben oft zusammen Barbecue gemacht und Salsa-Musik gehört. Ich hatte ja keine Ahnung, dass in seinem Haus dieses Mädchen und noch andere waren."

Der Onkel der Festgenommenen sagte, Angehörige seiner Familie und der Familie der befreiten DeJesus seien gemeinsam aufgewachsen. "Alle sind schockiert." Er habe seinen Neffen als "guten Kerl" gekannt.

© Süddeutsche.de/AFP/dpa/rela/feko/gal/jst
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