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Entführung im Jemen:Befreiung nach elf Monaten

Ein Geheimdienst-Kommando aus Saudi-Arabien hat zwei deutsche Mädchen aus jemenitischer Geiselhaft gerettet. Das Schicksal von Eltern und Bruder ist aber weiter ungewiss.

T. Avenarius

Es war ein Picknick mit grausigem Ende: Bewaffnete überfielen im Juni 2009 eine neunköpfige Gruppe von Ausländern in einem malerischen Wadi im Norden des Jemen. Die von den Unbekannten Verschleppten waren eine Familie aus Meschwitz in Sachsen - die Eltern, zwei Töchter und ein Sohn. Dazu kamen ein britischer Ingenieur, zwei deutsche Schwesternschülerinnen und eine südkoreanische Lehrerin. Die Schülerinnen und die Lehrerin wurden bereits wenige Tage später gefunden: erschossen, am Straßenrand liegen gelassen.

Jemen, sächsische Familie, dpa

Am 12. Juni 2009 wurde die fünfköpfige sächsische Familie verschleppt, Angehörige vermuten, dass der kleine Sohn inzwischen tot ist. Die beiden Mädchen der Familie wurden nun im saudisch-jemenitischen Grenzgebiet gerettet.

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Von der deutschen Familie mit den drei kleinen Kindern und dem Briten hingegen fehlte seitdem jede Spur. Die Regierung des südarabischen Landes, bekannt für flächendeckende Rechtlosigkeit und immer wieder aufflammenden Bürgerkrieg, war nicht in der Lage, die entführten Deutschen zu finden oder auch nur zu sagen, in wessen Hand sie sich befänden. In Berlin arbeitete ein Krisenstab. Details über die möglichen Entführer und angebliche Lösegeldforderungen drangen aber kaum heraus.

Jetzt wurden die beiden deutschen Mädchen befreit - von einem Geheimdienst-Kommando aus Saudi-Arabien. "Die Mädchen sind in einem relativ guten gesundheitlichen Zustand. Sie sind in einem saudischen Krankenhaus", sagte General Mansur al-Turki, Sprecher des saudischen Innenministeriums; Details nannte er nicht. Nur so viel wollte er sagen: "Saudische Sicherheitskräfte konnten am Montag die beiden deutschen Mädchen im Kontakt mit den jemenitischen Kollegen befreien und zwar im saudisch-jemenitischen Grenzgebiet." Das Ganze sei "eine Geheimdienstoperation" gewesen. Truppen seien nicht zum Einsatz gekommen. Der Einsatz sei eine "Rettungsaktion" gewesen, keine "Befreiungsaktion", sagte al-Turki.

Damit bleibt im Dunkeln, wer die vier- und sechsjährigen Kinder in einem Dorf in der Provinz Saada festgehalten hat und ob es Spuren von ihren Eltern, ihrem zweijährigen Bruder oder von dem britischen Ingenieur gab. Deutlicher wurden die Angehörigen in Sachsen: "Wir müssen davon ausgehen, dass der Junge nicht mehr lebt", sagte Reinhard Poetschke, ein Verwandter und der Sprecher der Familie, über den Sohn der Familie.

So kann nur spekuliert werden, ob die deutschen Mädchen wirklich befreit oder doch freigekauft worden sind. Die Saudis arbeiten in der Sicherheitspolitik eng mit der jemenitischen Zentralregierung zusammen. Die steht durch Aufstände und Unruhen in mehreren Landesteilen unter starkem Druck. Im Nordwesten, wo die Deutschen vor fast einem Jahr entführt worden waren, kämpft die Minderheit der Houthis für mehr Selbstverwaltung. Die saudische Armee musste den jemenitischen Truppen jüngst mit Jets, Geschützen und Truppen helfen, den Houthi-Aufstand zu unterdrücken. Im ehemals sozialistischen Süden des während des Kalten Kriegs geteilten Jemen wächst neuer Separatismus, es kommt fast täglich zu Gewalt. In anderen Landesteilen macht sich die Terrorgruppe "al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel" breit: Das Land mit seinen Gebirgen und Wüsten wird von der Regierung in Sanaa nur in Teilen kontrolliert - eine ideale Basis für das Terrornetzwerk.

Unklar ist bis heute auch, was die deutsche Familie im Jemen genau wollte. Die Eltern waren mit ihren Kindern in das südarabische Land gegangen, um dort in der Houthi-Bürgerkriegsprovinz Saada in einem Krankenhaus zu arbeiten. Betrieben wird das Hospital von einer niederländischen Hilfeorganisation, die protestantisch-evangelikal geprägt ist. Vermutet wurde, dass einzelne Mitarbeiter der Klinik sich auch in der christlichen Missionsarbeit betätigten. Der Jemen aber ist ein islamisches Land, die Menschen sind äußerst konservativ und traditionell. Muslimen ist es nach islamischer Auffassung verboten, ihre Religion zu wechseln. Dies macht Missionsarbeit für Missionare und Missionierte gefährlich.

So bleiben Täter und Motive der Entführung unklar. Die jemenitische Regierung jedenfalls hatte die Bundesregierung über den Verbleib der Geiseln weitgehend im Ungewissen gelassen. Sie hatte wechselseitig die Houthi-Rebellen und al-Qaida verantwortlich gemacht. Eine auch nur begrenzte Zusammenarbeit zwischen den Houthis und der Terrorgruppe hat aber wenig Sinn. Die Houthis sind Schiiten. Al-Qaida hingegen ist eine sunnitische Gruppe, die in allen Schiiten Ketzer und Abtrünnige vom Islam sieht, die verfolgt werden müssen. Möglicherweise sind die Entführten aber auch Opfer von Stammeskriegern geworden, die sie weiterverkauft haben an Rebellen, Terroristen oder auch gewöhnliche Kriminelle.

© SZ vom 19.05.2010/segi

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