Fettberg in England Ein 64 Meter großes, stinkendes Monstrum

Der Fettberg in der Kanalisation von Sidmouth

(Foto: REUTERS)
  • In der Kanalisation des südwestenglischen Küstendorfs Sidmouth ist ein 64 Meter großer Klumpen aus Frittierfett, Windeln, Kondomen, Damenbinden und Feuchttüchern entdeckt worden.
  • In England bilden sich immer wieder solche Fettberge, als Hauptgrund gelten überalterte und überforderte Kanalisationssysteme.
Von Alexander Menden

Ein Monstrum soll es sein, das ein englischer Kanalarbeiter in dieser Woche entdeckt hat: Aufgerichtet wäre es mit 64 Metern fast so hoch wie die Türme der Londoner Tower Bridge. Doch der jüngste sogenannte Fettberg, bestehend aus geronnenem Frittierfett, Windeln, Kondomen, Damenbinden und den gefürchteten, nahezu unzerstörbaren Feuchttüchern, ist diesmal nicht in der britischen Hauptstadt aufgelaufen, sondern in den Abwasserrohren des südwestenglischen Küstendorfs Sidmouth.

Charlie Ewart heißt der Kanalarbeiter, dem die unappetitliche Müllvermengung als Erstem aufgefallen ist, ein 51-jähriger Familienvater aus Plymouth. "Es sieht aus wie aus einem Horrorfilm", sagte Ewart am Freitag dem Guardian. Bei einer Routinekontrolle unter der Seepromenade des 13 000-Einwohner-Ortes stieß er auf die Masse, die sich in einem Becken mit mehreren Zuflüssen angesammelt hatte. Laut Andrew Roantree, Leiter der Abwasserabteilung des Versorgers South West Water (SWW), handelt es sich um die größte derartige Verunreinigung in der Geschichte seiner Firma.

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Teil des Londoner Monster-Fettbergs kommt ins Museum

Der 130 Tonnen schwere Klumpen mit Windeln und Feuchttüchern hatte im vergangenen Herbst einen Teil der Kanalisation verstopft. Das Museum hofft, damit seine Besucher zu inspirieren.

England hat eine traurige Berühmtheit für Fettberge erlangt. Die mit Abstand größten dieser toxischen Monumente gedankenloser Umweltverschmutzung sind bisher in London gefunden worden. Im September 2017 stießen Arbeiter dort sogar auf den größten Fettberg der britischen Kanalisationsgeschichte. Gut 250 Meter lang und 130 Tonnen schwer, hatte er sich unbemerkt unter den Straßen im Osten der Stadt angesammelt. Acht Mann kämpften neun Wochen lang mit der stinkenden Bestie, bis sie beseitigt war. Das wurde als derart historisch empfunden, dass das Museum of London sogar ein Stück des Fettbergs in einer Sonderausstellung zeigte - in einer aus zwei hermetischen Panzerglaskästen bestehenden Vitrine, um die Besucher sowohl vor dem Gestank als auch vor Infektionen zu schützen.

Die viktorianischen Röhren können kaum noch mithalten

Als Hauptgrund für das gehäufte Auftreten von Fettbergen in England gelten überalterte und überforderte Kanalisationssysteme. Dabei war gerade das gigantische Londoner Abwassernetzwerk, das der geniale Tiefbauingenieur Joseph Bazalgette von Mitte des 19. Jahrhunderts an anlegte, einmal das fortschrittlichste der Welt. Allein der Fluss Fleet, der eine Art fließende Kloake gewesen war, wurde mit 318 Millionen Backsteinen abgedeckt und so zu einem effizienten Ablaufkanal umfunktioniert.

Doch seitdem hat man viel zu wenig in den Ausbau der Kanalisation investiert. Die viktorianischen Röhren können mit der gewachsenen Bevölkerungszahl sowie Unmengen von Öl und Sonstigem, das nicht in Toiletten und Waschbecken gehört, kaum noch mithalten. Vor allem das Hinunterspülen von Feuchttüchern ist ein großes Problem, weshalb es nun unter anderem eine Kampagne gibt, bei der die Aufschrift "Bin it, don't flush it" (Wegwerfen, nicht hinunterspülen) auf Verpackungen gedruckt wird.

Allein in London kostet die Entfernung von Fettklumpen unterschiedlicher Größe den Versorger Thames Water eine Million Pfund monatlich. In Sidmouth sollen die Kosten bei 135 000 Pfund liegen. Am 4. Februar soll mit dem Abbau begonnen werden, die SWW rechnet mit acht Wochen, bis die betonharte Masse getilgt ist. Dann aber könnte der Fettberg einem nützlichen Zweck zugeführt werden. Eine Firma in Ellesmere bei Liverpool hat sich tatsächlich darauf spezialisiert, Kanalfett zu reinigen und in Biodiesel umzuwandeln.

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