KinderpornografieAnkläger fordern lange Haftstrafen für "Elysium"-Betreiber

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Im Darknet verschleierten die mutmaßlichen Täter ihre Identität mit digitalen Mitteln, im Gerichtssaal versteckten sie sich analog hinter Aktenordnern.
Im Darknet verschleierten die mutmaßlichen Täter ihre Identität mit digitalen Mitteln, im Gerichtssaal versteckten sie sich analog hinter Aktenordnern. Thomas Frey/dpa

Die Staatsanwaltschaft wirft vier Männern vor, als Bande die Kinderporno-Plattform "Elysium" betrieben zu haben. Die Beweislage ist erdrückend und offenbart Abgründe.

Von Jan Willmroth

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Am Ende dieses Donnerstagvormittags schildert der Anwalt von Joachim P. noch einmal, wie sein Mandant vor der Verhaftung gelebt hat. Jalousien runter, Rechner an, abtauchen in die abgeschirmte Parallelwelt der Pädophilie, manchmal tagelang kein Essen, weil er kein Geld gehabt habe. Vor spätestens zweieinhalb Jahren soll sich P. vollkommen zurückgezogen haben aus dem sozialen Leben, um sich ganz dem größten virtuellen Kinderpornonetzwerk zu widmen, das jemals in Deutschland entdeckt wurde. Er flog auf, trotz aller Tarnungsmaßnahmen, sitzt seit bald zwei Jahren in Untersuchungshaft und erlebt nun den letzten Tag, an dem über das Grauen verhandelt wird, das er möglich gemacht haben soll.

P., 58 Jahre alt, dürr, fahlgraues, langes Haar und Rauschebart, gilt als Architekt der Kinderpornoplattform Elysium, benannt nach der Insel der Seligen in der griechischen Mythologie. Er soll sie aufgebaut haben als Ersatz für eine im Jahr 2016 abgeschaltete Plattform aus Australien. Als die australischen Ermittler damals kurz vor dem Ziel waren, soll P. Daten gesichert und die Infrastruktur kopiert haben, um kurz darauf Elysium zu eröffnen. Betrieben auf einem Server in der Autowerkstatt von Frank M. in Mittelhessen. Außer P. und M. sitzen zwei weitere Angeklagte im Gerichtssaal des Limburger Landgerichts, zum 17. Mal, die Beweisaufnahme ist vorbei, die Plädoyers stehen an.

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Er habe bei der Kinderporno-Plattform Elysium mitgemacht, weil er die wahren Täter später bei der Polizei verpfeifen wollte, sagt einer der Angeklagten aus. Aber seine Verteidigungsstrategie geht nicht auf.

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Verteidigung kaum möglich

Wenige Minuten nach neun Uhr beginnt Staatsanwältin Julia Bussweiler, spricht schnell und etwa zwei Stunden am Stück, ohne sich zu versprechen, ohne jegliches Ähm. Sie schildert minutiös, wie Elysium entstand, wer von den Anwesenden welche Rolle hatte auf der Plattform, verknüpft Tatvorwürfe, Beweismittel, Geständnisse der Angeklagten und Zeugenaussagen zu einem Bild, das eine schlagfertige Verteidigung kaum noch möglich macht.

Die vier Angeklagten aus Bayern, Baden-Württemberg und Hessen seien in allen Anklagepunkten schuldig zu sprechen: Besitz von kinderpornografischen Schriften. Bandenmäßige Verbreitung des Materials. In einigen Fällen Anstiftung zum Kindesmissbrauch. Und im Fall des Angeklagten Uwe G., 63, schwerer sexueller Kindesmissbrauch in mehreren Fällen. Er soll sich über Elysium mit einem alleinerziehenden Vater aus Wien verabredet haben, um sich an dessen vierjährigen Sohn und dessen sechsjähriger Tochter zu vergehen, davon Aufnahmen zu machen und diese voller Stolz zu verschicken.

Bernd M., 58, Nickname "Panda", soll für drei Jahre und zehn Monate ins Gefängnis, fordert die Staatsanwaltschaft. Für Joachim P., der alles zugegeben und so zur Aufklärung der Zusammenhänge beigetragen hat, beantragt sie fünf Jahre und acht Monate. Frank M., Nickname "Berndinihr", soll für sieben Jahre und zwei Monate in Haft. Bussweiler sieht es als erwiesen an, dass M. mehrere Aufnahmen des kleinen Jungen aus Staufen bei Christian L. bestellt habe, den dieser und seine Lebensgefährtin über Jahre hinweg missbraucht hatten. L. hat das als Zeuge in Limburg bestätigt. Uwe G. drohen neun Jahre Haft und danach Sicherungsverwahrung.

Für jede Perversion eine Kategorie

Gemeinsam, so die von Beginn des Verfahrens an erdrückende Beweislage, sollen die vier bandenmäßig Bilder und Videos verbreitet haben, die den sexuellen Missbrauch von Kindern zeigen. Sie sorgten überhaupt erst dafür, dass Zehntausende Nutzer ein halbes Jahr lang alle denkbaren Arten von Kinderpornografie herunterladen und teilen konnten, vermeintlich getarnt im Darknet, jenem abgeschotteten Teil des Internets, in dem man sich verschlüsselt und anonym bewegen kann. Elysium bot jeder Perversion eine eigene Forumskategorie: Kleinstkinder und Säuglinge, Mädchen oder Jungen in sexuellen Posen, Mädchen oder Jungen bei expliziten sexuellen Handlungen mit Erwachsenen, die Fetisch-Ecke mit Sadomaso- und Sodomie-Darstellungen.

Urteil kommende Woche erwartet

Als Beamte des BKA und der hessischen Generalstaatsanwaltschaft die Plattform im Juni 2017 abschalteten, zählten sie dort 111 907 Nutzerkonten, es gab zahlreiche Festnahmen im In- und Ausland, und in weiteren Ermittlungsverfahren stießen die Strafverfolger häufig auf Elysium-Nutzer. Der Fall gilt als Erfolg im Kampf gegen die Pädophilen-Szene im Darknet - und als Präzedenzfall: Erstmals gelang es Ermittlern, ein Kinderpornonetzwerk dieser Größenordnung auszuheben, das aus Deutschland gesteuert wurde und das in der vermeintlichen Anonymität des Darknets versteckt war. Gelingt es der Staatsanwaltschaft, die vier angeklagten Männer, die sich vor dem Prozess nicht kannten, als Bande zu überführen?

Das wird sich voraussichtlich am kommenden Donnerstag zeigen, wenn der Richter das Urteil spricht. Joachim P., der Chef-Administrator, zeigte in seinen letzten Worten zum wiederholten Mal Reue. Er hofft auf eine Verlegung in eine psychiatrische Anstalt, auf dass ihm besser geholfen werde. Aus Angst vor den anderen Häftlingen verbringt er derzeit 24 Stunden am Tag in seiner Zelle. Virtuell ist daran nichts mehr.

© SZ vom 01.03.2019 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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