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Elektrosmog:"Verkaufen Sie die Wohnung"

Kugler findet keinen strahlungsarmen Ort in Möllingers Wohnung. Direkt am Wlan-Router misst er 44 000 Mikrowatt, Kugler sagt: "Das ist Mikrowelle pur." Möllinger stöpselt den Wlan-Router aus - schon bleiben die Töne des Messgeräts aus. Kugler misst auch im Schlafzimmer, wo Stromleitungen hinter den Wänden abstrahlen. "Da sind keine abgeschirmten Leitungen verlegt worden", sagt er. Kugler empfiehlt Wlan-Router, die sich von selbst ausschalten, wenn man länger nicht im Internet gesurft hat. "Aber die Antenne können Sie nicht ausknipsen. Das ist jetzt einer der ganz wenigen Fälle, wo ich sage: Verkaufen Sie die Wohnung." Einen Moment lang schweigt Möllinger. "Alle staunen, wenn sie die Wohnung betreten", sagt er schließlich. "Aber was nutzt mir der schönste Seeblick, wenn ich mich zu Hause unwohl fühle?" Er beschließt, eine neue Bleibe zu suchen.

Kugler packt seine Messgeräte ein und nimmt einen Schluck Mineralwasser. "Man muss sich hüten zu sagen, Strahlen seien unsere größte Gefahr", sagt er. "Erst in 20 Jahren wissen wir genau, welche Langzeitfolgen es haben kann, wenn man zu sehr dem Elektrosmog ausgesetzt ist." Dennoch ist er überzeugt: "Eine Mobilfunkantenne vorm Schlafzimmer? Besser nicht."

Kugler empfiehlt seinen Kunden, Smartphones nicht in den Hosentaschen zu tragen. "Hinterher wundern sich die Männer, dass ihre Spermien so schlecht sind." Vor Kurzem hat er seine Bahncard abgegeben, er fährt jetzt nicht mehr ICE. "Früher gab es in Zügen Raucher- und Nichtraucherabteile, heute gibt es nur noch Abteile mit Wlan. Internet und E-Mails sind klasse, aber ich möchte entscheiden, wann ich online bin."

Jahrzehntelang war Dieter Kugler Verkaufsleiter in der Pharmaindustrie. Ein Job, in dem er gut verdiente, aber nicht zufrieden war: "Ich habe dabei geholfen, möglichst viele Tabletten zu verkaufen. Ich habe Menschen nicht gesund gemacht, sondern den Umsatz gesteigert." In den Achtzigerjahren erhielt er das Angebot, Abschirmgeräte zu verkaufen, die vor Energiefeldern unterirdischer Wasseradern schützen sollten. "Doch ich habe gemerkt: Die Geräte taugen nichts." Trotzdem hat er eine Wünschelruten-Ausbildung gemacht. In den Neunzigerjahren wurde Kuglers Hobby zum Beruf. Heute ist es seine Berufung.

Entdeckt er bei Kunden Betten, die über Wasseradern oder Benker-Linien stehen, empfiehlt er ihnen, sie umzustellen. Die Wünschelruten-Theorie besagt, dass Benker-Linien energetisch auf- und abladende Wirkung haben und an diesen Stellen überproportional schwere Erkrankungen auftreten. Eine von Kuglers Standardtipps lautet auch: Weit weg von Steckdosen und Stromleitungen schlafen. Die meisten Stromleitungen seien nicht isoliert, sendeten also elektrische Felder aus, selbst wenn man die Leselampe längst ausgestellt hat. Deshalb rät Kugler zu Netzfreischaltern, mit denen man den Stromverkehr in einem Zimmer ausstellen kann.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat Handystrahlen als "möglicherweise krebserregend" eingestuft. Und in Schweden gelten Elektrosensible als "körperlich beeinträchtigt", sie haben ein Recht auf einen elektrosmogfreien Arbeitsplatz. In Stockholm bezahlt die Stadtverwaltung Betroffenen die Abschirmung ihrer Wohnung und finanziert spezielle Wandfarbe und die Isolierung von Stromkabeln. In Deutschland halten viele Menschen das, was Kugler macht, für Humbug. Wenn man ihn einige Tage begleitet, macht man aber eine erstaunliche Erfahrung: Seine Kunden sind keine weltfremden Spinner. Eine Immobilienmaklerin aus München sagt: "Immer mehr Kunden lassen unsere Häuser und Wohnungen auf Elektrosmog und Energiefelder untersuchen."

Dieter Kugler lebt in Bad Heilbrunn, zwischen Starnberger See und Tegernsee gelegen. Und zwar strahlungsarm. Zwei Mobilfunkantennen sind aus dem Ortskern verschwunden. Die eine stand auf dem Dach des Post-Hotels, das abgerissen wurde, die andere auf dem Rathaus. Der Bürgermeister von Bad Heilbrunn hat den Vertrag mit der Mobilfunkfirma nicht verlängert, auch, weil Dieter Kugler dafür geworben hatte. Die Antenne steht jetzt am Ortsrand. Kuglers Traum wäre es, in Bad Heilbrunn ein Hotel für Elektrosensible zu eröffnen.

Strahlen aus Mobilfunkantennen und Handys sind ein hochemotionales Thema. Die einen sind überzeugt, sie seien harmlos, die anderen halten sie für krankmachend. Gewissheiten gibt es keine, noch nicht einmal beim Bundesamt für Strahlenschutz. Dort drückt man sich sehr verschwiemelt aus: "Hinsichtlich der Frage der Elektrosensibilität haben sich die Indizien verdichtet, dass kein ursächlicher Zusammenhang zwischen einer Exposition mit elektromagnetischen Feldern und unspezifischen Symptomen besteht." Dasselbe Bundesamt gibt aber zugleich den Tipp: "Schnurgebundene Festnetztelefone sind Schnurlos-Telefonen vorzuziehen." Auch sei es wichtig, "zum Schutz der Verbraucher" Grenzwerte bei einem Handytelefonat einzuhalten. Warum? "Damit wird verhindert, dass sich einzelne Teilbereiche des Körpergewebes überwärmen. Eines besonderen Schutzes bedarf das Auge, das Wärme schlecht abführen kann."

Kundenbesuche sind für Dieter Kugler immer auch Gratwanderungen. "In meinem Job erleben Sie auch Elektrosensible, wo man nicht mehr weiß, ob die sich das einbilden oder ob ihr Unwohlsein tatsächlich von Magnetfeldern und Strahlungen herrührt. Manchmal muss ich auch Psychologe spielen." In den meisten Fällen aber, sagt er, "sind Antennen und Wlan-Geräte schon die Bedrohung". Zu seinen Klienten gehören Professoren und Prominente ebenso wie "türkische Angestellte, die nicht mehr schlafen können". Seine Besuche dauern in der Regel vier Stunden, anschließend erhalten die Kunden ein Protokoll inklusive Tipps. 400 Euro kostet der Hausbesuch.

Professor Markus Antonietti, Direktor am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung, telefoniert nie zu lange mit dem Mobiltelefon. "Offensichtlich überleben wir das Telefonieren mit dem Handy, aber was sind die Langzeitfolgen?" Die Nervenzellen im Kopf seien besonders sensitiv für Handystrahlungen. Die Hersteller hätten inzwischen aber schon reagiert und die Sendeleistung reduziert, wenn nicht telefoniert werde. Cora Weber, Internistin und Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie an der Berliner Charité-Klinik, hat oft Patienten, die über eine individuelle Sensibilität auf Elektrosmog klagen. Sie schaue dann auch stets, ob noch ein anderer psychischer Leidensdruck existiere wie etwa Gereiztheit, Depressionen oder Schlafstörungen. Dennoch sagt auch sie, dass es Hinweise gebe auf Änderungen an der Zellmembran und im Biorhythmus bei empfindlichen Menschen, wenn diese elektromagnetischer Strahlung ausgesetzt sind. Denen empfiehlt sie, handyfreie Zonen einzurichten, etwa im Schlafzimmer.

Genau das hat Julia Körner (Name geändert) gemacht. Die Unternehmensberaterin lebt in München, nahe dem Englischen Garten. Als sie die Tür aufmacht, hält sie ihre 15 Monate alte Tochter Marie im Arm. Es gab Tage, da dachten Körner und ihr Ehemann, es würde nie etwas mit dem Nachwuchs.

Vor vier Jahren haben Julia Körner und ihr Mann, ein Manager in der Automobilindustrie, geheiratet. "Und wie es so klassisch ist: Wir haben uns ein Kind gewünscht." Doch der Wunsch blieb unerfüllt. Ärzte konnten keine Anomalien finden. Zwei Jahre lang, sagt Körner, "haben wir alles ausprobiert. Haben unsere Ernährung umgestellt, uns entgiften lassen, sind zu Homöopathen gegangen." Doch noch immer wollte sich keine Schwangerschaft einstellen. Julia Körner war am Verzweifeln. Tagelang googelte sie im Internet - und stieß auf Kuglers Seite.

Schnell kam Kugler angereist und stellte fest: dass das Schlafzimmer ungeeignet sei zum Schlafen. Kugler hat ein gutes Gedächtnis, er erinnert sich noch genau an Familie Körner: "Sehr schöne Wohnung, besser kann man gar nicht wohnen, aber das Bett stand über einer Wasserader, die stark gestört hat, plus negativ geladene Benker- und Curry-Linien, plus Strom in Wänden, Decken, Böden, plus Mobilfunkantennen von außen, plus Wlan in der Wohnung."

Die meiste Zeit in seinem Leben ging es Böck schlecht. "Mir war immer übel."

Kuglers Empfehlungen wurden sofort umgesetzt. Noch am Abend von Kuglers Besuch zogen die Körners mit dem Schlafzimmer ins Wohnzimmer, ließen anschließend einen Netzfreischalter einbauen, wechselten ihre alten Schnurlostelefone gegen neue aus, die im Menü den strahlungsarmen Modus "Eco plus" besitzen. Drei Wochen später rief Julia Körner aufgeregt bei Kugler an: "Ich bin schwanger!" Manche ihrer Freundinnen sind bis heute skeptisch über den Zusammenhang zwischen Kuglers Tipps und der Geburt von Marie: "Die sagen, du glaubst an selbsterfüllende Prophezeiungen." Solche Sprüche können Körner nicht umstimmen. Demnächst zieht sie mit ihrer kleinen Familie um in ein Haus nach Grünwald. Sie haben es untersuchen lassen von Kugler, bevor sie den Kaufvertrag unterschrieben. Kugler hat nichts gefunden.

Eigentlich aber findet er immer etwas. Statt Strahlen manchmal auch: Gift. Wie bei Johann Böck, der in Schwangau lebt, zum Schloss Neuschwanstein sind es fünf Minuten mit dem Auto. Böck ist jetzt 70 Jahre alt. Er sitzt in seinem Wohnzimmer, er sieht zufrieden aus. Die meiste Zeit in seinem Leben ging es Böck schlecht. "Mir war immer übel." Suppen, die ihm seine Frau für die Arbeit mitgab, rührte er nicht an. Johann Böck ging zu Ärzten, doch die Ärzte stifteten Verwirrung. Einer sagte: "Sie haben Leberzirrhose." Dabei trinkt Johann Böck gar keinen Alkohol. Ein anderer gab zu: "Ich weiß nicht, was Sie plagt."

Sein Hausarzt gab ihm den Rat: "Rufen Sie mal den Kugler an." Der fand erhöhte Benker- und Curry-Linien, die in der Wünschelruten-Theorie besagen, dass Energiefelder aufnehmend oder abnehmend sind. Am meisten aber machte Kugler das Schlafzimmer Sorgen. Die Möbel stammten aus den Siebzigerjahren, sie waren formaldehydbelastet. In der Holzdecke entdeckte Kugler das Gift Lindan. So ließen die Böcks ihr Schlafzimmer renovieren, rissen sämtliche Holzverkleidungen heraus. Heute schlafen sie in einem mit Bienenwachs polierten Naturfichtenbett. Von einem Tag auf den anderen verzichtete Böck auch auf seine 16 Tabletten - bis heute.

Er hat auch wieder Appetit und isst, was er mag. Seine Bodenständigkeit hat er sich behalten: "Es ist mir leichter geworden seitdem. Vielleicht ist es Einbildung, dass das, was Herr Kugler uns geraten hat, mir geholfen hat. Was ich aber weiß: Mir geht es seitdem besser, viel besser."

© SZ vom 21.06.2014/chrb
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