Erster Prozesstag gegen Joaquín Guzmán Guzmán salutiert dem Richter

Guzmán trägt zum dunkelblauen Anzug eine hellblaue Krawatte. Seine Haare, die bei der Überstellung in die USA noch kurzgeschoren waren, sind nachgewachsen. Zwei Übersetzer helfen ihm zu verstehen, was vor Gericht passiert - "El Chapo", der Kurze, muss zu ihnen hochgucken.

Seiner Selbstsicherheit tut das keinen Abbruch. Die persönliche Ansprache des Richters erwidert er mit einer Geste, die an einen militärischen Salut erinnert. Im Saal sorgt das für Gelächter. Doch ein mexikanischer Kollege klärt auf: Der Gruß sei typisch für Sinaloa, jenen Bundesstaat im Nordwesten Mexikos, aus dem das Sinalao-Kartell hervorgegangen ist, das unter Führung des Angeklagten zu einem der gefährlichsten Drogensyndikate der Welt geworden ist. Es ist die Heimat von Joaquín Guzmán. In Sinaloa verehren sie Malverde, den Schutzpatron der Narcos, der Drogenhändler. "El Chapos" Salut vor dem Richter - eine Gebärde des kriminellen Machismo, sie ist wohl als Respektsbekundung zu verstehen. Oder auch nicht. Sie zeigt vor allem: Guzmán hat nicht vor, sich den Gepflogenheiten der amerikanischen Gerichtsbarkeit anzupassen.

Für Staatsanwalt Adam Fels passt das ins Bild. Er zeichnet in seinem Eingangsstatement das Bild eines Mannes, der nur ein einziges Gesetz kennt: sein eigenes. Vom kleinen Marihuana-Dealer habe sich Guzmán hochgearbeitet zur zentralen Figur im Drogenhandel zwischen Kolumbien, Mexiko und den USA. Er habe den Rauschgiftschmuggel in die Vereinigten Staaten professionalisiert. In Hochzeiten hätten täglich zehn bis 15 Flugzeuge die Grenze überflogen, randvoll mit Kokain. "El Chapo" habe sich so einen zweiten Spitznamen verdient: "El Rapido", der Flotte.

Ein Netzwerk aus Schmugglern, Piloten, Killern und korrupten Beamten

Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Ismael Zambada, genannt "Mayo", habe Guzmán über Jahrzehnte das Sinaloa-Kartell gelenkt. Die beiden, so Fels, hätten ein Netzwerk aus Schmugglern, Piloten, Killern und korrupten Beamten unterhalten. Beweisen will die Staatsanwaltschaft all das unter anderem mit Videoaufnahmen, die auch zeigen sollen, wie "El Chapo" selbst folterte und tötete.

Für die Verteidigung ist die Anklage dagegen ein perfider PR-Coup. Ihr Mandant der "größte Preis, den sich die Staatsanwaltschaft erträumen konnte". Joaquín Guzmán sei nicht der größte Drogendealer in der Geschichte der Welt. "Er ist noch nicht mal der größte Drogendealer Mexikos", sagt Anwalt Jeffery Lichtman und spricht von seinem Mandanten als Sündenbock und einer Verschwörung auf höchster politischer Ebene.

Es geht um Schmiergeldzahlungen an mexikanische Präsidenten, auch an den amtierenden Präsidenten Peña Nieto. Dieser und andere führende Politiker hätten vom Kartell Schmiergeldzahlungen in Millionenhöhe angenommen, behauptet Guzmáns Verteidiger. "Das ist schockierend. Ich bin nicht froh darüber, Ihnen das erzählen zu müssen", pathetisiert Anwalt Lichtman und erinnert dabei rhetorisch an den amtierenden US-Präsidenten.

Noch während Lichtman mit seinem Eröffnungsplädoyer fortfuhr, sieht sich der mexikanische Regierungssprecher Eduardo Sánchez offenbar dazu genötigt, die Vorwürfe via Twitter als "komplett falsch und diffamierend" zurückzuweisen.

Am späten Nachmittag beendet Richter Cogan die Ausführungen der Verteidigung vorzeitig, Lichtman soll am nächsten Verhandlungstag weiterreferieren.

Für den Journalisten Miguel Angel Vega ist der Tag eine Enttäuschung. Er ist extra aus Mexiko-Stadt nach New York gekommen, seine Zeitung Ríodoc berichtet ausschließlich über den Drogenkrieg. Vega wollte "El Chapo" persönlich erleben, stattdessen hat er den Tag in einem Gerichtssaal mit Videoübertragung zugebracht. Wahr­schein­lich sei all das kein Zufall, sinniert er. Der Regen, das vergebliche Anstehen, der frühzeitige Abbruch. Schließlich sei heute Dienstag, der 13. - in Mexiko ein Unglückstag.

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