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Eingestürztes Kölner Stadtarchiv:Alle gegen einen

Prozess zum Einsturz des Kölner Stadtarchivs

Nach fast neun Jahren hat der Prozess um den Einsturz des Kölner Stadtarchivs begonnen.

(Foto: dpa)
  • Fast neun Jahre nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs hat nun der Prozess um die Schuldfrage begonnen.
  • Die Staatsanwaltschaft wirft den fünf Angeklagten vor, durch Fahrlässigkeit bei Bauarbeiten an einem U-Bahntunnel das Unglück verursacht zu haben.
  • Damals kamen zwei Menschen ums Leben, zahlreiche wertvolle Dokumente wurden beschädigt oder zerstört.

Von Valentin Dornis, Köln

Am 3. März 2009, kurz vor 14 Uhr, stürmten plötzlich Bauarbeiter aus der U-Bahn-Baugrube an der Kölner Severinstraße und schrien: "Alle weg, alle raus!" Ein paar Minuten später, um 13.58 Uhr, brach das angrenzende Stadtarchiv in sich zusammen und riss zwei Nachbarhäuser um. Schlamm war in die unterirdische Baustelle eingedrungen und hatte den umliegenden Gebäuden den Grund unter den Fundamenten weggezogen. Dank der Alarmschreie der Bauarbeiter schafften es viele Menschen, sich in Sicherheit zu bringen. Zwei junge Männer starben, ihre Leichen wurden erst Tage später in den Trümmern gefunden. Dazu wurde tonnenweise Archivmaterial zerstört oder beschädigt. Seit neun Jahren läuft die Aufarbeitung, am Mittwoch begann nun der Strafprozess am Landgericht Köln.

Die Staatsanwaltschaft wirft sieben Angeklagten Baugefährdung und fahrlässige Tötung vor. Fünf von ihnen sind vor Gericht erschienen, vier Männer und eine Frau. Einer der Angeklagten ist in der Zwischenzeit gestorben, ein anderer ist schwer erkrankt und nicht verhandlungsfähig. Im Gerichtssaal legte Oberstaatsanwalt Torsten Elschenbroich dar, warum die Angeklagten seiner Ansicht nach allesamt schon Jahre vor der Katastrophe hätten gewarnt sein müssen. Schon 2005 sollen Bauarbeiter beim Graben für eine Stützwand viermal auf Hindernisse gestoßen sein, die sogar die Zähne der Greifer zerstörten. Dabei soll es sich um das Fugenblech eines angrenzenden Wandteils und um einen größeren Gesteinsbrocken gehandelt haben.

Hunderttausende Dokumente, Urkunden, Fotos und Karten - verschwunden

Doch statt die Probleme ordnungsgemäß zu melden, sollen sie Aufzeichnungen manipuliert und die Bauarbeiten fortgesetzt haben. Weil das Hindernis nicht entfernt wurde, seien die Betonwand und eine Fuge nicht in der nötigen Struktur und Stärke gebaut worden. Eine Schwachstelle, die nach Ansicht der Staatsanwaltschaft auch bei Kontrollen durch die Aufseher der Baufirmen und der Kölner Verkehrsbetriebe hätte auffallen müssen. Schließlich würden mehrere Fotos und Videos aus dem Zeitraum 2005 bis 2008 das beschädigte Fugenblech und falsch konzipierte Metallbewehrungen zeigen. Durch die Schwachstelle seien am 3. März 2009 die Erdmassen in die Baustelle eingedrungen. Für die Stadt Köln war der Einsturz ein Schock.

Vor allem wegen der zwei Toten, aber auch, weil die gesammelten Dokumente eines der bedeutendsten deutschen Kommunalarchive in einem Loch voller Beton, Schlamm und Eisen versunken waren. Auf Papier gebannte Stadt- und Kulturgeschichte, vom Mittelalter bis zur Gegenwart, bildeten den "wertvollsten Dreckhaufen der Welt", wie der Komponist Robert HP Platz damals klagte. Viele seiner Kompositionen waren darunter, die Nobelpreisurkunde Heinrich Bölls, Original-Handschriften aus dem Jahr 922, Hunderttausende kirchliche und weltliche Dokumente, Urkunden, Fotos und Karten.

In den Wochen nach dem Einsturz machte sich in der Stadt Resignation breit. Das gesamte ehrgeizige Projekt der Nord-Süd-Stadtbahn, das Unglück und die schleppende Aufarbeitung fühlten sich so typisch an für die Stadt, die gerne zwischen Hybris und Depression schwankt. Selbstüberschätzung, rheinische Lässigkeit, Kölscher Klüngel, das waren die Komponenten der Katastrophe. Der damalige CDU-Oberbürgermeister Fritz Schramma scheiterte mit dem Versuch, sich als Krisenmanager zu behaupten, und trat ein halbes Jahr später nicht zur Wiederwahl an. Die Ermittlungen dauerten lange, erst Wochen, dann Monate, dann Jahre. Nun wird die Zeit knapp: Wenn bis zum 2. März 2019 um 24 Uhr kein erstinstanzliches Urteil vorliegt, dann verjähren die Straftaten, die den Angeklagten im Strafprozess vorgeworfen werden.

Das Gericht rechnete zum Auftakt deshalb mit großem Andrang, verlegte den Prozessauftakt in den größeren Sitzungssaal 210. Doch im Zuschauerraum blieben viele Plätze leer, nur 30 bis 40 Menschen verfolgen den ersten Verhandlungstag. Deutlich wurde, welche Strategie die Angeklagten und ihre Verteidiger wählten: Alle gegen einen. Der Angeklagte Manfred A., mit der Bauüberwachung beauftragt, schwieg. Gesprächiger waren die beiden angeklagten ehemaligen Bauleiter Lars L. und Joachim G., die jeweils ihre Sicht der Dinge schilderten. Tenor: Sie hätten sich nichts vorzuwerfen, da sie ihre Entscheidungen nur auf Basis der vorhandenen Informationen hätten treffen können und somit ihren Aufsichtspflichten nachgekommen seien. Dass diese Informationen offenbar manipuliert worden waren, hätten sie nicht wissen können. Ähnliches sagte der Anwalt der ebenfalls angeklagten Petra A. in seinem Eröffnungsstatement.

Damit distanzierten sich die Bauaufseher klar von dem fünften Angeklagten Rolf K., der als Polier für die Bauarbeiten verantwortlich gewesen war und die Probleme laut Staatsanwaltschaft vertuscht haben soll. Dessen Anwälte teilten mit, ihr Mandant werde im Verfahren nicht aussagen. Sie zweifelten an, ob die Ursache für den Einbruch der Erdmassen zweifelsfrei belegt sei, und brachten einen hydraulischen Grundbruch als mögliche Ursache ins Spiel, eine Art Naturereignis, bei dem die Erdmassen durch den Grund in die Baustelle eingedrungen sein könnten.

Der Vorsitzende Richter Michael Greve appellierte an alle Beteiligten, ihren Beitrag zur Klärung zu liefern. "Ich rede immer gerne mit den Leuten", sagte er. Der Prozess wird fortgesetzt, geladen sind 93 Zeugen und zehn Sachverständige. Angesetzt sind 116 Verhandlungstage.

© SZ vom 18.01.2018/eca
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