Süddeutsche Zeitung

Eine Prostituierte erzählt:In den Betten Berlins

Sie schlief mit Männern, um sich das Mathematik-Studium zu finanzieren. Jetzt hat die Prostituierte Sonia Rossi hat einen Bestseller geschrieben.

Peter Wagner

Sonia Rossi lebt gerade den Traum eines jeden Buchautors, doch ihre Eltern wissen von nichts. Die Berlinerin ist 25 Jahre alt und hat ihre Memoiren veröffentlicht, in denen steht, wie sie über Jahre hinweg Männer massierte und mit ihnen schlief, um in der Hauptstadt Mathematik studieren zu können.

Das Buch "Fucking Berlin" (Ullstein) steht einen Monat nach Veröffentlichung in den Bestsellerlisten, aber nur zehn von Sonias Freunden wissen davon. Sogar die Mutter ist ahnungslos, was den Erfolg der Tochter in Deutschland betrifft. "Das wäre zu schockierend für sie", sagt Rossi - der Name ist ein Pseudonym.

Die Geschichte, die sie niedergeschrieben hat, erinnert an das Buch der 19-jährigen Französin Laura D., die im Frühjahr ganz Frankreich erschreckte - sie schrieb über sich selbst und Tausende von jungen Frauen, die ihr Studium nur durch Prostitution finanzieren.

Bei Sonia Rossi ist es ähnlich: Vor sieben Jahren reist sie aus Italien zum Mathematikstudium nach Berlin. Weil die Eltern ihr kein Geld zustecken können, klopft sie bald an die Tür eines Anbieters von Internet-Erotik und zeigt sich nackt vor der Kamera.

Freier vom Prenzl-Berg mit Kindersitz auf dem Rad

Als das Geld immer noch knapp ist, liest sie wieder die Jobanzeigen und steht schließlich in der Sorte Massagesalon, in der die männlichen Kunden auch mehr verlangen. Nicht der Schritt von der Massage zum Sex sei das Schwierige gewesen, sagt sie heute. "Der Sprung ins kalte Wasser war ein anderer. Als ich das erste Mal einen fremden, nackten Mann vor mir hatte, der etwas von mir wollte - das war die Herausforderung. Man braucht eine Weile, sich daran zu gewöhnen."

Prenzlauer-Berg-Menschen mit Baseball-Kappe auf dem Kopf und Kindersitz auf dem Fahrrad fragen bald nach ihr. Oder Männer, die ihren Frauen erzählen, sie holten nur Zigaretten. Stattdessen zahlten sie 40 Euro für einen Quickie. "Männer sind im Prinzip viel einfacher als Frauen", sagt Sonia. "Sie wollen eine Nummer schieben, ohne dass die Olle drei Wochen lang hinterher ruft. Ich verstehe das auch und finde es sympathisch und legitim."

Sonia hat den Job freiwillig gemacht. Ohne eine reiche Familie im Rücken sei gleichzeitiges Studieren und Arbeiten kaum möglich. "Die Frauen wissen genau, dass sie mit einem anderen Job nicht das gleiche Geld machen können."

Sonia Rossi hat das Milieu inzwischen verlassen, um das Buch zu schreiben, in dem sie zwar keine neue Geschichte, aber, und vielleicht ist so der schnelle Erfolg zu verstehen, eine immer wieder gern gelesene Geschichte aus der vermeintlichen Tabuzone Puff erzählt. Wirklich verblüffend ist das erstaunlich klare, direkte Deutsch, das sie schreibt.

Die Lektorin, heißt es, hatte mit dem Manuskript wenig zu tun und das ist eine Notiz wert: Als Sonia 2001 nach Deutschland kam, sprach sie kaum deutsch. "Den Rest habe ich mir selbst beigebracht", sagt sie heute und grübelt nun in fast perfektem Hochdeutsch über ihre Zukunft.

Ein paar Prüfungen und die Diplomarbeit trennen Sonia vom Mathematik-Diplom, vom Einstieg in das, was sich normales Arbeitsleben nennt. Schon jetzt fehlt ihr etwas. "Die Kameradschaft in den Massagesalons", sagt sie. "Wir haben immer lange auf Kunden gewartet und in der Zeit Karten gespielt, zusammen gegessen und getrunken - das macht man in einem normalen Job nicht." "Ich glaube, so eine nette Arbeitsstelle werde ich nie wieder in meinem Leben haben."

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Quelle:
SZ vom 29.08.2008
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