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Ein Jahr Klimastreik:"Der erste Sommer, den ich nicht genieße"

Am 20. August 2018 protestierte Greta Thunberg zum ersten Mal am Parlament in Stockholm. Wir haben Prominente, Leser und junge Menschen gefragt, was sich seitdem in ihrem Leben verändert hat.

Shapira Shapira

Moderator und Satiriker Shahak Shapira.

(Foto: Moritz Künster/ZDF)

Shahak Shapira, 31, Moderator und Satiriker: "Es muss wohl einer der vielen verletzten Tweets eines FDP- oder CDU-Politikers gewesen sein, der mich zum ,Fridays for Future'-Sympathisanten gemacht hat. Ich kann aber nicht genau sagen, welcher - es gab so viele. ,Fridays for Future'-Protestierende sind Ehrenkids. Es ist ihre Zukunft, und sie kämpfen dafür. Meine Zukunft sind Nierensteine, deshalb könnte ich mich auch gut damit abfinden, wenn wir alle in Flammen untergehen, aber ich kann gut nachvollziehen, wenn das für andere keine Option ist. Genervt bin ich davon, dass Leute vom Umweltbewusstsein anderer genervt sind. Es ist so, als würdest du in einem brennenden Haus sitzen und die Feuerwehr beschimpfen, während sie versucht, den Brand zu löschen. Ich persönlich bin zwar immer noch eine ökologische Zumutung für den Planeten, aber jetzt schäme ich mich ein bisschen mehr dafür. Dann erzähle ich Leuten, wie schlimm ich bin, und sie loben mich für meine Selbstreflexion. Danke."

Lowis Eggers, 23, Student Medien und politische Kommunikation: "Das erste Mal habe ich von Greta Thunberg gehört, als deutsche Medien über ihren Sitzstreik berichtet haben. Meinen Alltag hat das aber überhaupt nicht verändert. Ich war vorher schon umweltbewusst. Um ein paar Beispiele zu nennen: Ich benutze seit Jahren keine Plastiktüten mehr, bin das letzte Mal vor zwei Jahren geflogen und spende monatlich an ein afrikanisches Artenschutzprojekt. Ich habe den Eindruck, dass das allgemeine Umweltbewusstsein dank ,Fridays for Future' stärker geworden ist. Das ist eine gute Sache. Aber mich nervt die bevormundende Attitüde der Bewegung. Man sollte Menschen durch Anreize lenken, nicht durch Verbote. Außerdem stört es mich, wie distanzlos und unkritisch die Bewegung um Thunberg von einem großen Teil der deutschen Medienlandschaft behandelt wird. Der quasi-religiöse Personenkult um Thunberg und Luisa Neubauer ist absurd. Die Jugendlichen wollen zu Recht mit ihren Forderungen ernst genommen werden. Dann muss man sie aber auch kritisch hinterfragen dürfen. Wenn ich mich inhaltlich mit ,FFF' auseinandersetze, fällt meine Bewertung eher negativ aus. Ihre Forderung von 180 Euro CO2-Steuer pro emittierter Tonne würde für eine vierköpfige Familie eine jährliche Zusatzbelastung von etwa 8000 Euro bedeuten. Das ist weltfremd. Klimapolitik muss sozial verträglich gestaltet werden, sonst wird die Bevölkerung nicht mitziehen."

Charité

Schauspielerin Emilia Schüle als Hedwig Freiberg in der historischen Krankenhausserie "Charité".

(Foto: ARD/Nik Konietzny)

Emilia Schüle, 26, Schauspielerin: "Dies ist der erste Sommer meines Lebens, den ich nicht genieße. Jeder Tag, an dem die Temperatur über 33 Grad klettert, jeder Tag, an dem sich nichts Grundlegendes zum Schutz unseres Klimas ändert, konfrontiert mich mit der wachsenden Kluft zwischen meiner Erwartung an eine gute Zukunft und der Realität. Als ich neulich in Ungarn am Filmset stand und es für das 90-köpfige Team nur Plastikgeschirr gab, fragte ich mich wieder, ob sich überhaupt jemals irgendetwas ändern wird. Es ist schwer, von heute auf morgen sein Leben klimabewusster zu gestalten, denn unsere gesamte Sozialisierung steht im Kontrast dazu. Greta Thunberg hat bei mir erreicht, dass ich endlich irgendwo anfange. Zum Beispiel, indem ich nur noch einmal die Woche Fleisch esse. Eine Einkaufstasche habe ich jetzt auch immer dabei. Ich habe zudem damit begonnen, alle meine Flüge zu ,kompensieren'."

Karin Spitczok, Leserin des SZ-Newsletters "Klimafreitag": "Für uns hat sich viel im vergangenen Jahr verändert und wir versuchen mehr und mehr, klimafreundlich zu handeln. Ein aktuelles Beispiel: Eigentlich wollten wir in diesem Sommer eine Fernreise machen. Wir hatten uns für Afrika entschieden. Aber dann wurde uns bewusst, wie viel CO2 wir mit zwei Familien in die Luft blasen würden. Und so haben wir die Afrika-Pläne über den Haufen geworfen und fahren jetzt mit dem Fahrrad den Ems-Radweg von der Quelle bis zur Mündung und übernachten meist in Jugendherbergen. Das ist zwar weniger spektakulär, aber uns gefällt es. Wir entdecken lauter kleine nette Sachen entlang der Strecke und verbringen vor allem intensiv Zeit miteinander. Und das ist für uns das Wichtigste am Familienurlaub."

Lena Meyer-Landrut

Sängerin Lena Meyer-Landrut.

(Foto: Jens Kalaene/dpa)

Lena Meyer-Landrut, 28, Sängerin : "Ich kann mich gar nicht daran erinnern, wann genau ich das erste Mal von den Protesten mitbekommen habe, aber grundsätzlich kam man daran im vergangenen Jahr nicht vorbei. Ich bin unglaublich stolz auf die Schüler und Studenten, die Verantwortung übernehmen für unser Klima und unsere Zukunft. Ich persönlich achte schon seit langem darauf, bewusster durchs Leben zu gehen. Ich finde, dazu gehört auch das Bewusstsein, dass wir eben nur diesen einen Planeten haben und nicht einfach so mit unserer Zukunft spielen sollten. Ein solches Bewusstsein schafft man nicht von heute auf morgen. Es ist ein Lernprozess, in dem auch ich mich befinde. Jede Veränderung kann am Anfang etwas komisch sein. Ich für meinen Teil finde, man sollte mit Offenheit und vorurteilsfrei durch Leben gehen."

Axel Bauer, 52, Leser des SZ-Newsletters: "Für mich hat sich im vergangenen Jahr sehr viel geändert, was den Klimawandel angeht. Aber das hängt nicht nur mit Greta zusammen. Obwohl sie meiner Meinung nach der Schneeball war, der eine ganze Lawine ins Rollen gebracht hat. Und das ist gut so. Ich bin davon überzeugt, dass die Energiewende nicht durch Verbote erzwungen werden kann, sondern nur durch die Information und Überzeugung der Masse passieren kann. Ich bin dafür, dass umweltschädliches Verhalten mit einer CO2-Steuer belegt wird, auch wenn ich selbst dadurch mehr zahlen muss. Aber diese Einnahmen müssen dann auch dafür verwendet werden, die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass man sich umweltschonender verhalten kann: zum Beispiel für öffentliche Verkehrsmittel. In unserem Freundeskreis der Elterngeneration der ,Fridays for Future'-Schüler ist der Klimawandel aber noch nicht wirklich präsent. Bei der Generation unserer Kinder haben wir zwar auf der einen Seite die ,Gretas', die sich engagieren und im Thema drin sind. Aber auch hier gibt es viele, die den Ernst der Lage noch nicht erkannt haben. Unsere Tochter zum Beispiel ist nach Berlin gezogen und wir mussten einen Stromvertrag für sie abschließen. Für mich war klar, dass nur ein Anbieter mit 100 Prozent erneuerbaren Energien in Frage kommt. Für meine Tochter war das noch nicht selbstverständlich."

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© SZ vom 20.08.2019
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