bedeckt München 14°
vgwortpixel

Ein Anruf bei ...:Peter Berthold, Vogelkundler

Ein Konzert des britischen Popstars Ed Sheeran auf dem Flughafengelände Essen-Mülheim soll abgesagt werden, weil zwei bedrohte Vogelarten auf dem Gelände brüten. Mögen Singvögel keinen Gesang?

Prof. Dr. Peter Berthold

Peter Berthold, 78, half in den 80ern den Vogelzug zu entschlüsseln, später leitete er jahrelang die Vogelwarte Radolfzell. Für Popmusik fehlt ihm aber auch im Ruhestand die Zeit. Stattdessen baut er weiter Biotope und schreibt Bücher.

Ed Sheeran, 26, britischer Popstar, will im nächsten Jahr weltweit auf Stadion-Tournee gehen. Die 80 000 Karten für das Konzert auf dem Flughafengelände Essen-Mülheim im Juli waren innerhalb eines Tages ausverkauft. Jetzt soll der Termin abgesagt werden, weil zwei bedrohte Vogelarten auf dem Gelände brüten. Mögen Singvögel keinen Gesang? Ein Anruf bei Vogelkundler Professor Peter Berthold.

SZ: Herr Berthold, Veranstaltungsort Flughafen, da dröhnen dauernd Flugzeuge vorbei - und dann stört die Vögel ein Konzert?

Peter Berthold: Vögel sind überhaupt nicht lärmempfindlich. Die können Sie jahrelang in Klimakammern halten, wo die ganze Zeit irgendwas piepst, knackt, rattert und dröhnt. Jede Maus würde nach drei Stunden da drin vor Aufregung sterben.

Dabei denkt man, gerade Singvögel müsste Lärm doch stören.

Falsch gedacht. Beispiel Autobahn: Selbst auf dem Grünstreifen in der Mitte wird munter gebrütet. Da können rechts und links Autos langrollen, so viel sie wollen. Truppenübungsplätze und Flughäfen sind oft bessere Rückzugsorte für bedrohte Arten als unsere Naturschutzgebiete.

Wieso denn das?

Weil da normalerweise niemand rumläuft. Panzer, Granateneinschläge, Turbinen - alles kein Problem, solange die Vögel die Stellen kennen, an denen sich das regelmäßig abspielt. Aber wenn sich eine Handvoll Menschen zu Fuß nähert, ist das neu und unberechenbar. Für den Vogel sieht es aus, als steige ihm ein Fressfeind ins Nest. Um welche Arten geht es eigentlich in dem Fall?

Um Feldlerche und Steinschmätzer.

Aha! Beides Bodenbrüter, beides Zugvögel - und beide Arten sind dramatisch im Rückgang begriffen. Gerade der Steinschmätzer ist akut vom Aussterben bedroht, Rote Liste Kategorie eins. Wenn auch nur der Verdacht besteht, dass der dort brütet, ist es absolut gerechtfertigt, die Veranstaltung abzusagen. Im Juli ist Brutzeit, wenn da wegen eines Konzerts Zehntausende Menschen rumstiefeln - völlig hirnrissig!

Kennen Sie Ed Sheeran überhaupt?

Nie gehört. Wer ist das?

Schülerinnen weltweit würden sagen: Die Nachtigall unter den Sängern.

Ach, auch die Feldlerche ist weltberühmt für ihren Gesang. Der Steinschmätzer, zugegeben, eher nicht.

Laut Veranstalter würden die Konzertbesucher nur fünf Prozent der Flughafenfläche betreten. Das klingt doch vertretbar.

Es ist mit das Schlimmste, was unsere Freizeitgesellschaft anrichten kann, da bereitwillig ein Risiko einzugehen. Die Leute sagen, naja, die paar Piepmätze oder Insekten, die sollen schauen, wo sie bleiben. Diese Mentalität gehört ausgerottet.

Martialisches Wort. Steht es so schlimm um unsere Vögel?

Seit 1800 haben wir hierzulande 80 Prozent aller Vogelindividuen verloren, davon 65 Prozent seit den 1960er-Jahren. Das Artensterben begann schleichend, jetzt ist es sturzbachähnlich. Ein Ökosystem, das nur aus Mais, Schweinen, ein paar Hühnern und Kartoffeln besteht, lässt sich nicht aufrechterhalten. Das wird von Krankheiten und Parasiten überrollt und dann müssen auch wir Menschen uns verabschieden.

Verabschieden müssen sich jetzt womöglich 80 000 Ruhrgebietler von der Vorstellung, nächsten Sommer ihr Idol zu sehen. Können Sie denen keine Hoffnung machen?

Manchmal wollen Anwohner von ruhigen Wohnvierteln ja ums Verrecken keine Windkraftanlage und dann findet sich plötzlich jemand, der drauflos gutachtet: Ja, da hat letztes Jahr der Rotmilan gebrütet und dieses Jahr ist er auch schon wieder gesehen worden. Aber in diesem Fall wird der Veranstalter schon aus Eigeninteresse ausführlich prüfen, ob dort wirklich gebrütet wird. Also abwarten.

© SZ vom 18.11.2017
Zur SZ-Startseite