Ein Anruf bei... Mark Haskell Smith

Mark Haskell Smith hat für sein Buch "Naked at Lunch", das auf Deutsch 2016 erscheint, ein Jahr lang keine Kleidung getragen - außer Hut und Schuhe.

(Foto: Maarten van der Zwaard )

Was erlebt man alles, wenn man als Autor für ein Buchprojekt ein Jahr lang bei Nudisten recherchiert? Die nackte Wahrheit - und ein paar Überraschungen.

interview Von Roman Deininger

Der amerikanische Schriftsteller Mark Haskell Smith, 58, hat ein Jahr lang als Nudist gelebt - für ein Buchprojekt.

Herr Smith, bloß um ein Gefühl zu bekommen für unser Gespräch: Haben Sie gerade etwas an?

Ich sitze angezogen beim Frühstück. Ich war ja Nudist wider Willen, ich habe das nur für mein Buch durchgehalten. Ohne Grund ziehe ich mich nicht mehr aus.

Ach, kommen Sie: Ein klitzekleiner Rückfall dann und wann?

Echt nicht. Aber ich gebe zu, dass es manchmal sehr angenehm ist, nackt zu sein.

Aha!

Beim Schwimmen vor allem. Oder beim Wandern - ohne Kleidung kommt man nicht so leicht ins Schwitzen. Ich war mit 19 Nudisten in den österreichischen Alpen unterwegs, eine Woche lang, das war toll.

Was sagen denn andere Wanderer so, wenn ihnen auf einem schmalen Pfad zwanzig Nackte entgegenkommen?

Die meisten grüßen sehr freundlich. Nur einmal, da haben wir eine christliche Gruppe getroffen. Die haben sich abgewandt, bis wir an ihnen vorbei waren. Ihr Anführer hat immer wieder gerufen: "Schaut auf die Berge!" Später haben wir sie bei der Rast an einem See wiedergesehen, da haben sie dann angefangen, für uns zu beten.

Wie lange haben Sie gebraucht, bis sich das Nacktsein normal angefühlt hat?

So weit bin ich nicht gekommen. Egal, wo ich war, am Strand oder im Weinladen, ich hatte diese Stimme im Kopf: Zieh was an!

Sie waren nackt im Weinladen?

Klar, in Cap d'Agde, in Frankreich am Mittelmeer. Es gibt da eine riesige FKK-Ferienanlage, die hat sogar einen eigenen Weinladen. Als ich mit dem Verkäufer fachsimpelte, habe ich fast vergessen, dass ich nackt bin. Aber dann war die Stimme wieder da.

Wann war die Stimme denn am lautesten?

Ganz am Anfang, beim ersten Ausziehen in einem FKK-Ressort in Palm Springs. Die Stimme schrie: Schreib' doch einfach über was anderes! Und die Sache mit der Filmcrew, die hat mir auch zugesetzt.

Oh, gibt es brisantes Videomaterial?

Ich fürchte, ja. Bei dieser Nudisten-Wanderung stand plötzlich eine junge Spanierin mit Kamera da und sagte: Ich drehe eine Dokumentation. Da wurde ich für einen langen Moment ziemlich panisch.

Lohnt es sich, mal bei Youtube zu suchen?

Davon rate ich strikt ab!

Was hat Ihre Frau zu dem Projekt gesagt?

Die hat mich oft ausgelacht. Aber sie hat sich dann überreden lassen, eine Karibik-Kreuzfahrt für Nudisten mitzumachen. 2000 Nackte an Bord, nackt am Buffet, nackt im Fitness-Studio, nackt in der Disco - da hat sie sich auch ausgezogen.

Können Sie nachvollziehen, was Leute am Nacktsein finden?

Im Ansatz zumindest. Für viele ist das eine Lebensphilosophie: Nackt sind alle gleich. Man betritt einen Raum voller Menschen, und man weiß nicht gleich, wer der Börsenmakler ist und wer die Putzfrau.

Dafür kann man körperliche Schwächen nicht so leicht verbergen, oder?

Hier in Los Angeles gibt es Leute, die tragen immer einen Schal, damit niemand ihr Doppelkinn sieht. Unter Nudisten wird es für die natürlich eng. Ich fühle mich heute wohler in meinem Körper, weil ich gesehen habe, dass niemand perfekt ist.