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Ein Anruf bei:Jana Maisel

Pokale, so groß und so viele, dass sie gar nicht alle in ihre Wohnung passen: die Grundschullehrerin und Fliegenfischerin Jana Maisel, 53.

(Foto: privat)

der wohl verkanntesten Sportlerin der Welt. 72 WM- und 42 EM-Titel hat die 53-Jährige gewonnen - in einer wirklich exotischen Sportart.

Interview von Titus Arnu

Derzeit wird täglich ausführlich darüber spekuliert, ob die deutsche Fußball-Nationalmannschaft nach dem vierten WM-Titel auch den vierten EM-Titel gewinnen wird. Vier Titel? Ein Witz. Jana Maisel, Grundschullehrerin aus Gera, hat so viele Titel und Pokale gesammelt, dass sie erst nachschauen muss, wie viele es genau sind. Ihr Sport heißt "Casting", Fliegenfischen also, und man ahnt es schon: Die 53-Jährige ist zugleich die erfolgreichste und verkannteste Sportlerin der Welt.

SZ: Frau Maisel, im Guinnessbuch der Rekorde steht, dass Sie 46 WM- und 36 EM-Titel gewonnen haben . . .

Jana Maisel: . . . na ja, das müsste man wohl mal korrigieren. Mittlerweile sind es 72 WM-Titel und 42 EM-Titel, die ich seit 1990 gewonnen habe.

114 Titel? Wie kann das denn sein?

"Casting" ist ein Mehrkampfsport, bei einer Weltmeisterschaft kann man bis zu zehn Titel holen, und meistens habe ich jedes Jahr fünf Goldmedaillen gewonnen.

Wie genau geht "Casting"?

Es gibt verschiedene Disziplinen: Angeln mit Gewichten, Zielwerfen mit der Fliege, Weitwurf. Beim Weitwerfen wirft man seine Angel so weit wie möglich aus, in den Damendisziplinen bis zu 60 Meter. Bei der Disziplin "Fliege Zielwurf" wirft man eine Angel aus und zielt mit einer Fliege auf eine Wasserschüssel. An der Fliege ist natürlich kein Haken, weil in der Schüssel ja auch kein Fisch ist.

Sie zielen mit einer Angel ohne Haken in eine Wasserschüssel ohne Fisch? Pardon - warum macht man das?

Das ist eine Konzentrationssache. Man braucht gute Nerven und eine gute Technik. "Trockenangeln" hört sich lustig an, es ist aber eine ernsthafte Sportart mit nationalen und internationalen Wettkämpfen. In Deutschland gibt es vielleicht 500 Leute, die das leistungsmäßig betreiben.

Wie sind Sie denn überhaupt zu diesem Sport gekommen?

Das wurde mir in die Wiege gelegt. Meine Mutter war begeisterte Anglerin und betrieb das Zielangeln als Sport. Es heißt, sie sei direkt vom Trainingsplatz ins Krankenhaus, wo ich dann auf die Welt kam. Mein Vater war zu DDR-Zeiten Trainer der Trockenangel-Nationalmannschaft.

Der Trockenangel-Nationalmannschaft?

Die gibt es immer noch, das heißt mittlerweile "Casting"-Nationalmannschaft. Mit zwölf Jahren war ich damals schon im Nationalkader. Mit den internationalen Wettkämpfen habe ich aber erst 1990 begonnen. Vor Kurzem habe ich meine aktive Sportkarriere übrigens beendet, Titel habe ich ja wahrlich genug gesammelt. Und die Spannung war irgendwie raus.

Verständlich. Ihr Haus muss jetzt voller Pokale und Urkunden sein - wo haben Sie die alle untergebracht?

Gute Frage. Wir wohnen in einer kleinen Neubauwohnung, die Pokale und Medaillen passen da gar nicht alle rein. Manche stehen im Garten, manche hab ich verschenkt, nur die schönsten habe ich behalten. Da hängen ja viele schöne Erinnerungen dran, zum Beispiel an die World Games in Japan, die Olympischen Spiele der nicht-olympischen Sportarten.

Ihre WM-Titel wurden wohl eher im kleinen Rahmen gefeiert. Hat Ihnen die Anerkennung manchmal gefehlt?

Ach, ganz unbeachtet blieben die Erfolge nicht. Regionalzeitungen haben manchmal berichtet, ich wurde von der Stadt geehrt und einmal in eine Quizsendung eingeladen. Aber einen Autokorso gab es natürlich nicht in Gera.

© SZ vom 02.07.2016
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