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Grazer Pathologe:Darmstück im Handgepäck: "Aber es war fachgerecht verpackt"

Gerald Höfler, 57, stammt aus einer Grazer Ärztefamilie. In der molekularpathologischen Diagnostik beschäftigt er sich vor allem mit Tumoren.

(Foto: Privat)

Eine Marokkanerin bringt dem Grazer Pathologen Gerald Höfler den Darm ihres verstorbenen Mannes. Sie glaubt, er sei vergiftet worden. Für den Experten Alltag.

Interview: Martin Zips

Die Pathologie der Grazer Sanitätsbehörde hat gerade einen seltsamen Fall zu bearbeiten: Eine Marokkanerin brachte den Darm ihres Mannes zur Untersuchung, weil sie glaubt, er sei vergiftet worden; sie transportierte das Organ auf dem Flug von Marrakesch nach Graz im Handgepäck. Zuständig ist der Pathologe Gerald Höfler.

SZ: Herr Professor Höfler, hat die Grazer Pathologie international einen derart guten Ruf, dass Menschen aus der ganzen Welt bei Ihnen Därme vorbeibringen?

Gerald Höfler: Ach, das mit dem Darm ist eigentlich ganz leicht erklärt. Die Frau wohnt in Graz, misstraute aber offenbar dem Befund meiner marokkanischen Kollegen und möchte nun von unabhängiger Seite noch einmal prüfen lassen, ob ihr Mann nicht doch vergiftet wurde. Wir begutachten das Gewebe mikroskopisch. Sollte uns da etwas auffallen, so müsste die Probe toxikologisch untersucht werden.

Ein außergewöhnlicher Fall?

Dass die Frau das Darmstück im Flugzeug-Handgepäck mitbrachte, ist schon außergewöhnlich. Aber es war fachgerecht verpackt. Bei uns werden Gewebeproben meist nur an ihre lebenden Besitzer ausgehändigt. In Marokko scheint das anders zu sein. Das Einholen einer Zweitmeinung ist aber schon Alltag, und durch die Möglichkeit des elektronischen Verschickens von zuvor eingescannten gefärbten Gewebsschnitten wird die Sache immer internationaler. Interessanterweise ist man in der Tiermedizin da schon viel weiter.

Wegen der vielen Rennpferde, die sehr reichen Menschen gehören?

Sie sagen's! Das ist genau meine Interpretation! Die Veterinärmedizin hat mehr Geld.

Werden Rennpferde oft vergiftet?

Nicht unbedingt. Da geht's dann eher um Fragen wie: "Wieso lahmt mein Pferd?"

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Wissen Sie, wenn die Leute "Pathologe" hören, denken die immer gleich an Leichen. Dazu hat der österreichische Film "Die Aufschneider" erheblich beigetragen. Aber in 95 Prozent der Fälle haben wir mit Gewebe von Lebenden zu tun, denen es medizinisch zu helfen gilt. Damit sind an unserem Institut 180 Leute beschäftigt. Leider habe ich fast nie direkten Kontakt zu den Patienten.

Leiden Sie darunter?

Ein bisschen schon. Einmal habe ich einen Bekannten im Krankenhaus besucht. Als der nicht im Zimmer war, hinterließ ich seinem Bettnachbarn meinen Namen. Da sagte der: "Sie sind ja mein Pathologe!" Das war ein sehr schönes Gefühl, dass es da einen gab, der wusste, dass ich überhaupt existiere und etwas Gutes für ihn tue. Normalerweise jedoch bekomme ich nie eine Rückmeldung. Das geht mir schon ab.

Aber der Beruf des Mediziners ist doch sehr angesehen. In Deutschland braucht man fürs Studium derzeit ein 1,0-Abitur.

Ein fragliches Auswahlkriterium. Ein guter Arzt braucht schon andere Eigenschaften, finde ich.

Und wie geht es weiter mit dem Darm?

Sollten wir wirklich verdächtige Veränderungen im Gewebe finden, würden wir das der Behörde mitteilen, die dann die Rechtsmedizin einschalten würde. Wie gesagt: Das ist unser Alltag.

© SZ vom 28.09.2016/biho
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