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Norwegen:Warum Anwalt Lippestad den Terroristen Breivik verteidigte

Norway braces for challenging Breivik tria

Anwalt und Angeklagter im April 2012

(Foto: dpa)

Zuerst dachte er: "Das schaffe ich nicht." Dann entschied er sich doch für das Mandat.

Von Silke Bigalke

An dem Tag, an dem der Terrorist eine Bombe im Osloer Regierungsviertel zündet und das Ferienlager der sozialdemokratischen Parteijugend auf der Insel Utøya angreift, kommt Geir Lippestad gerade aus dem Urlaub zurück. Als die Bombe hochgeht, segelt er mit seinen Kindern in den Oslofjord. Er hört das Dröhnen aus der Ferne, hält es zunächst für Gewitter. Dann schaltet er das Radio ein. Zu Hause sieht er am Abend die ersten Bilder von Utøya im Fernsehen. Da ist das Ausmaß der Katastrophe noch nicht zu überblicken.

Am nächsten Morgen ruft die Polizei schon früh bei Rechtsanwalt Lippestad an. Im ersten Moment fürchtet er, einer seiner Freunde oder Bekannten könnte unter den Opfer sein. Geir Lippestad ist Mitglied der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Norwegens, die durch Anschlag offenbar getroffen werden sollte. Doch der Polizist am Telefon will etwas anderes von ihm: Ein Mann namens Anders Behring Breivik ist schwer bewaffnet auf Utøya festgenommen worden. Er hat gestanden, hinter den Anschlägen zu stehen. Und er will Geir Lippestad als Verteidiger. Die Zeit drängt, denn der Mann behauptet, dass es weitere Terrorzellen und Bomben in der Stadt gibt.

Geir Lippestad bittet trotzdem um Bedenkzeit. "Eigentlich hatte ich mich schon entschieden: Das schaffe ich nicht, schlicht und einfach", beschreibt er seine ersten Gedanken. In seinem Buch, das nun auf Deutsch erschienen ist, erklärt der Anwalt, warum er Anders Breivik schließlich doch verteidigt hat.

Am Morgen des 23. Juli 2011 jedenfalls sucht er nach Ausreden, um den Auftrag abzulehnen. Er hofft, seine Frau sei dagegen. Sie hat einen anstrengenden Job als Krankenschwester und ist zu dieser Zeit gerade schwanger. Gemeinsam und aus früheren Ehen haben die beiden damals bereits sieben Kinder, eines davon schwer krank. Doch seine Frau sagt: "Mach deinen Job." Und das tut Geir Lippestad schließlich.

"Ich arbeite für ein System, auf das ich unendlich stolz bin"

Seine Gründe dafür erklärt er im Buch auf sehr persönliche Weise. Als Lippestad Kind war, machte sein Vater pleite, die Familie verlor ihr Heim. Später gerieten Jugendfreunde auf die schiefe Bahn. All das trug dazu bei, dass er Anwalt wurde. Er wollte sich dafür einsetzen, dass jedem dieselben Rechte zugestanden werden. "Ich arbeite nicht für den Mörder", schreibt Lippestad also über Breivik. "Ich arbeite für ein System, auf das ich unendlich stolz bin." Er meint damit den Rechtsstaat, der jedem das Recht auf einen Anwalt garantiert. Es ist das System, das Anders Breivik zerstören wollte.

Als Lippestad das Mandat annimmt, wird er bedroht, von der Presse belagert und von der landesweiten Trauerbewältigung, der Solidarität in Norwegen nach den Anschlägen ausgeschlossen. Es ist eine einsame Zeit für ihn. Die umso schwieriger wird, weil seine Tochter Rebekka, die an einer schweren Muskelerkrankung leidet und ein Beatmusgerät braucht, während des Breivik-Prozesses lange im Krankenhaus liegt. Für ihren Vater eine wahnwitzige Situation: Sein eigenes Kind kämpft ums Überleben und er verteidigt vor Gericht einen Mann, der so viele Kinder umgebracht hat. "Ist es nicht genau das, was ich verteidigen soll? Das Leben, das Breivik missachtet und zerstört hat, und zu dem er trotzdem gehört."

Ein "seltsames Gefühl"

Breivik hatte ihn als Anwalt ausgewählt, weil Lippestad früher einen Neonazi verteidigt hatte, der am ersten rassistisch motivierten Mord in Norwegen beteiligt gewesen war. Wenn er nun in seinem Buch über Breivik schreibt, dann tut er es meistens, um sich von ihm abzugrenzen, seine eigene Rolle zu definieren. Er war dafür da, Breiviks rechtliche Interessen zu vertreten. Mit dessen politischen Vorstellungen, seiner faschistischen Ideologie will er nichts zu tun haben.

"Als er die brutalen Details des Massenmords schilderte, spürte ich, dass ich automatisch eine Art Filter vorschaltete, als würde ich die Situation von außen erleben", schreibt Lippestad über das erste Verhör. Dieser Filter hilft ihm durch die nächsten Monate. Bis zum Schluss hat er nach jedem Treffen mit dem Terroristen ein "seltsames Gefühl", das er abschütteln muss, bevor er in sein Leben zurückkehren kann. "Wie Staub von einem fremden Planeten, der trotzdem zu dieser Welt gehört, fern und unheimlich zugleich."

Lesen Sie das ganze Interview mit SZ Plus:

"Ich verteidigte Anders Breivik. Warum? Meine schwierigste Strafverteidigung" Geir Lippestad in Zusammenarbeit mit Jon Gangdal, 224 Seiten, 19,99 Euro, Verlag Herder 2015

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