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Ehemalige Kolonie Deutsch-Südwestafrika:Schrei aus der Wüste

Vor knapp 100 Jahren beging das deutsche Kaiserreich den Völkermord an den Herero. Ihre Nachfahren im heutigen Namibia kämpfen erbitterter denn je um Wiedergutmachung.

Draußen, jenseits des Zauns, erheben sich die Geister aus dem Wüstenstaub. Männer, Frauen und Kinder starren dem Feind entgegen, ein verlorener Haufen, geschart um das Wasserloch. Soldaten in Khaki bellen Befehle. Zwei von ihnen bauen sich vor den verängstigten Menschen auf, Gewehre im Anschlag. Der Anführer der Truppe trägt ein schwarz-rot-goldenes Band am Hut. Den fülligen Bauch herausgestreckt, schreitet der Kommandeur zum Wasserloch, schraubt eine Flasche auf, lässt den Inhalt in die Wasserstelle rinnen. Das Wasser, das die Geflohenen in der Wüste hätte retten können, vergiftet: Wenig später sinken die ersten zu Boden. Körper zucken in der Sonne. Ein Mann protestiert, rudert mit den Armen. Die Soldaten zerren ihn unter einen Baum. Am Ast hängt ein Strick.

Das Deutsche gehört zur DNA der jungen Nation

Ein paar Kilometer weiter rumpelt Wilhelm Diekmann, Inhaber der "Jagd- und Gästefarm Hamakari", mit seinem Geländewagen durch den Sand, immer entlang des Zaunes, der seinen Besitz vom Land der Herero trennt. Die Herero haben ihn auch dieses Jahr eingeladen, ihrem Historienschauspiel auf der anderen Seite beizuwohnen. Jahr für Jahr rufen sie mit der Aufführung ihr Schicksal in Erinnerung, lassen in dem Laienspiel ihr Trauma aufleben. Mit allen grausigen Einzelheiten. Die Nachkommen sollen wissen, wem dieses Volk sein jämmerliches Dasein zu verdanken hat: den deutschen Kolonialtruppen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Gebiet im Südwesten Afrikas unterwarfen. Den Mördern von 1904, die die Herero abschlachteten, die Krieger mit deren Frauen und Kindern in der Omaheke-Wüste verdursten ließen.

"Das kenne ich, das muss ich mir nicht antun", sagt Diekmann, der deutsche Farmer, der Bart endet knapp unter den Augen, Sonnenflecken sprenkeln sein Gesicht. "Wobei, ein Interesse an guter Nachbarschaft habe ich. Wir haben zwanzig Kilometer gemeinsame Grenze. Und die Herero sind weit in der Überzahl."

Namibia, August 2016. Ein gutes Jahrhundert ist es her, dass Kaiser Wilhelm II. diesen Teil des südwestlichen Afrikas als Kolonie ausbeutete, einen Aufstand der Einheimischen niederschlagen ließ. Dennoch gehört das Deutsche im heutigen Namibia zur DNA der jungen Nation. In Cafés stehen Bienenstich und Schwarzwälder Kirschtorte auf der Karte; wer möchte, kann sein Windhoek Lager - das Bier ist nach dem Reinheitsgebot gebraut - unter einer schwarz-weiß-roten Reichsflagge aus der Wilhelm-Zwo-Zeit trinken; die Allgemeine Zeitung berichtet von der Arbeit der deutschen Kriegsgräberfürsorge.

Von den zwei Millionen Menschen, die das Land bevölkern, ist jeder Hundertste deutschstämmig. Die Deutschen sind eine Minderheit, einflussreich und wohlhabend: Viele "Südwester" besitzen bis heute riesige Rinder- und Wildfarmen. Land, auf dem früher die Rinder der Herero grasten.

Der Bundestag nennt den Massenmord an den Armeniern seit diesem Sommer Genozid. Jetzt muss Deutschland im eigenen Hinterhof der Geschichte kehren. Nach Ansicht der meisten deutschen und afrikanischen Historiker hat das Kaiserreich in Deutsch-Südwestafrika den ersten Völkermord der Neuzeit begangen, mit Konzentrationslagern - 35 Jahre vor dem Judenmord des NS-Regimes. Die "Schutztruppe", wie die Kolonialsoldaten hießen, trieb die Herero-Krieger nach deren Aufstand mitsamt Familien in die Wüste, ließ sie verdursten. Wie viele starben, ist umstritten. Historiker sprechen von Zehntausenden.