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SZ-Serie "Ein Anruf bei":Wie aus Tom Rosenthal die Internet-Oma Edith Whiskers wurde

Hinter "Edith Whiskers" verbirgt sich der britische Singer-Songwriter Tom Rosenthal. Um herauszufinden, wie Edith aussieht, ließ Tom seine Fans sein Alter Ego zeichnen.

(Foto: Tom Rosenthal/privat)

Vor fünf Jahren hat der britische Sänger Tom Rosenthal den Song "Home" aufgenommen, der jetzt in Corona-Zeiten im Netz durch die Decke geht. Wegen des Erfolgs musste er sich sogar einen neuen Namen geben.

Von Martin Zips

Der britische Sänger Tom Rosenthal ist vielleicht nicht so erfolgreich wie Ed Sheeran, aber man kennt seine Songs, zum Beispiel "Go Solo" aus dem Soundtrack der deutschen Komödie "Honig im Kopf" von Til Schweiger. Doch nun macht ausgerechnet sein Song "Home" weltweit Karriere, den er schon vor fünf Jahren gecovert hat. Damit hat er nicht gerechnet - und auch nicht damit, sich deshalb sogar in eine Kunstfigur zu verwandeln. Fast muss man sagen: in eine Kultfigur.

SZ: Herr Rosenthal, wieso haben Sie sich in "Edith Whiskers" unbenannt?

Tom Rosenthal: Mir war es ein bisschen unangenehm, dass plötzlich ein Lied viral ging, welches ich vor fünf Jahren mal aufgenommen hatte. Ich habe es noch nicht einmal selbst geschrieben und singe mit einer hohen Frauenstimme. Das war eigentlich nicht fürs große Publikum gedacht.

Wie kam es denn zu der Aufnahme?

Ein Freund hatte mich darum gebeten. Für ein Video, das er gemacht hatte. Das Problem: Im Original ist das Lied ein Duett. Es singen ein Mann und eine Frau. Weil aber die Zeit drängte und er kein Geld hatte, habe ich halt beide Parts übernommen. Den Mann und, sehr viel höher in der Stimmlage, die Frau. Fünf Jahre hörte ich nichts mehr von dem Lied. Jetzt wird es im Netz geteilt wie wild.

Aber nicht unter Ihrem eigentlichen Namen.

Für mich als Künstler ist das Lied wie ein Virus, das man nicht wegbekommt. Die Leute sollen meinen richtigen Namen lieber mit meinen eigenen Kompositionen assoziieren. Dieses Lied - ursprünglich stammt es von Edward Sharpe and the Magnetic Zeros - hat aber plötzlich so eine Eigendynamik entwickelt. Also habe ich mir mit ein paar Freunden während einer feuchtfröhlichen Zoom-Konferenz ein Pseudonym ausgedacht, hinter dem ich mich verstecken kann.

Tom Rosenthal, 34, dessen Großmutter aus Deutschland stammt, studierte ursprünglich Anthropologie an der Universität in Durham. Der Musiker lebt in London und hat mit seiner Freundin zwei Töchter. 2020 hätte er eigentlich auch in Deutschland einige Konzerte geben sollen.

(Foto: Tom Rosenthal/privat)

Warum ausgerechnet Edith Whiskers?

Jeden Abend denke ich mir neue Charaktere für die Gute-Nacht-Geschichten aus, die ich meinen Töchtern erzähle. Ich bin gut im Erfinden von Namen.

Viele Jugendliche glauben nun: Edith Whiskers gibt es wirklich.

Ja, wir haben ihr zum Beispiel einen eigenen Instagram-Account eröffnet, und jeden Tag schreiben ihr sehr, sehr viele Menschen. Das ist wirklich unglaublich. Sie ist erfolgreicher als ich. Und, kein Witz, wirklich alle großen Plattenfirmen haben sich gemeldet und würden sie am liebsten sofort unter Vertrag nehmen.

Sie haben Edith jetzt ein eigenes Album veröffentlichen lassen. Allerdings singt sie dort meist mit Männerstimme.

Das sind halt so alte Cover-Songs von mir. Die hatte ich noch übrig.

Mittlerweile hat Edith ihr erstes Album veröffentlicht (hier das Cover). Alles begann vor fünf Jahren, mit einer Cover-Version des Songs "Home".

(Foto: Tom Rosenthal/privat)

Sie scheinen ja vor gar nichts zurückzuschrecken. Außerdem haben Sie die Menschen dazu aufgefordert, Zeichnungen zu schicken. Damit man wisse, wie Edith aussieht.

Sie sieht sehr alt aus. Wahrscheinlich passt sie gut in unsere Zeit, wo wir auf ältere Menschen Rücksicht nehmen müssen. Auch das Lied "Home" scheint gerade wirklich einen Nerv zu treffen.

Herr Rosenthal, meinen Sie, dass Ediths Erfolg für Sie irgendwann zum Problem werden könnte?

Ja, wahrscheinlich habe ich mit Edith die Büchse der Pandora geöffnet und mir einen musikalischen Konkurrenten geschaffen. Aber gerade in pandemischen Zeiten ist das doch eigentlich eine gute Idee, dass Duette nur noch von einer Person gesungen werden, finden Sie nicht? Und was mich angeht: Das wird schon noch mit meinem Erfolg. Irgendwann. Aber jetzt ist offensichtlich erst mal Edith dran.

© SZ/nas
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