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Rassismus:Filialleiter lehnt 16-jährige Bewerberin wegen Kopftuch ab

Eine muslimische Schülerin bewirbt sich für einen Sommerjob bei Edeka. Über die für sie schockierende Begegnung mit dem Chef veröffentlicht sie daraufhin ein Video bei Instagram, das mehr als eine Million Menschen erreicht.

Von Marija Barišić

"Kopftuch? Nein danke!" So lautet der Titel eines fünfzehnminütigen Videos, das vergangenen Dienstag von einer muslimischen Schülerin aus Hamburg auf die Social-Media-Plattform Instagram geladen und mittlerweile eine Million Mal aufgerufen wurde. In dem Video berichtet die 16-Jährige von einer Diskriminierungserfahrung, die sich in einer Hamburger Filiale des deutschen Lebensmittelkonzerns Edeka zugetragen haben soll.

Mit ihren zwei Freundinnen wollte sich die 16-jährige Schülerin bei der Supermarktkette bewerben, um, wie sie selbst sagt, über die bevorstehenden Sommerferien "unser Taschengeld aufzubessern". Nach einem persönlichen Besuch in der Hamburger Filiale werden die drei Schülerinnen am Dienstag dieser Woche zu einem Probetag eingeladen und darum gebeten, ihre Bewerbungsunterlagen mitzunehmen.

Am Probetag selbst wird den drei Schülerinnen der Geschäftsführer der Filiale von einer Kassiererin vorgestellt, der sich, wie im Video geschildert, vor die betroffene Schülerin gestellt, "mit seinem Finger an mir hoch- und runtergezeigt" und daraufhin gesagt haben soll: "Du setzt dein Kopftuch ab oder du kannst hier nicht arbeiten."

Die Schülerin hat nach eigenen Angaben zunächst darauf gehofft, sich verhört zu haben, und zuletzt mit den Worten "Ja, dann kann ich hier nicht arbeiten" resignierend geantwortet. Kurz darauf seien die drei Schülerinnen zu einem Mitarbeiter aus der Personalabteilung geschickt worden, um mit diesem noch einmal über den Vorfall zu sprechen: "Dann ist der gekommen, hat mich angeguckt und gesagt: Ja, ich sehe das Problem", erzählt die betroffene Schülerin in dem veröffentlichten Video.

Gemeinsam mit ihren beiden Freundinnen habe sie daraufhin beschlossen, "meine sieben Sachen zu packen und den Laden zu verlassen, weil ich hier nicht angenommen werde." In der Umkleidekabine sei die 16-Jährige dann in Tränen ausgebrochen und von der Kassiererin des Supermarktes dazu ermutigt worden, gegen den Vorfall vorzugehen.

In ihrem Video zeigt die Schülerin sich sichtlich betroffen, dankt ihren zwei Freundinnen für ihre Solidarität und betont immer wieder, wie verletzend die Erfahrung für sie gewesen sei: "Ich habe geweint, weil ich mir nie hätte vorstellen können, dass ich mit 16 Jahren als Schülerin von so einem Geschäftsführer so dreckig fertig gemacht werde, weil ich ein Kopftuch trage." Trotzdem wolle sie sich davon "nicht unterkriegen lassen" und dazu aufrufen, die betroffene Edeka-Filiale künftig zu boykottieren.

Der Süddeutschen Zeitung bestätigt die Pressestelle des Lebensmittelkonzerns den Vorfall. Per E-Mail lässt der beschuldigte Filialleiter ausrichten, dass "ich den von @mxriam.jbg (Anm. der Redaktion: Instagram-Profilname der Schülerin) geschilderten Vorfall sehr bedaure und mich bei ihr ausdrücklich für die verletzenden Worte entschuldigen möchte. Über Instagram haben wir sie zu einem klärenden Gespräch eingeladen. Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kommen aus zahlreichen Nationen und tragen zur kulturellen Vielfalt bei Edeka-Märkl bei. Die Kritik nehme ich gerne an und werde sie entsprechend bei zukünftigen Personalentscheidungen berücksichtigen."

Besonders bemerkenswert erscheint der Vorfall vor dem Hintergrund eines Edeka-Werbespots, der erst im November vergangenen Jahres veröffentlicht wurde - vermutlich mit dem Ziel, vor allem junge Menschen mit Migrationshintergrund künftig für eine Ausbildung bei Edeka zu begeistern: Im Werbespot zu sehen ist der Schauspieler Kida Khodr Ramadan, der deutschen Serienfans vor allem als Clan-Anführer aus der Serie 4 Blocks bekannt ist. In dem Werbeclip tritt er als tougher Chefausbilder auf, der einem Azubi das "Geschäft mit den Kartoffeln" erklärt. Sowohl der Azubi hat - ebenso wie sein Ausbilder - offensichtlich Migrationshintergrund, was nicht nur am äußeren Erscheinungsbild, sondern vor allem auch an der Sprache der beiden Akteure offensichtlich wird, etwa dann, wenn der Azubi mit der arabischen Schwurformel "Ich bin bereit, wallah!" seine Motivation für die Arbeit ausdrückt.

Ob das Verhalten des Filialleiters und seines Kollegen dienstrechtliche Konsequenzen haben werde, ist laut der Pressestelle des Unternehmens "noch nicht bekannt." Die Supermarktkette hat inzwischen auch in einem Kommentar unter dem Video reagiert. Man bedaure den von der Schülerin geschilderten Vorfall "sehr", da Edeka "für Vielfalt" stehe, was sich vor allem in der "kulturellen Vielfalt" der Mitarbeiter zeige. Seinen Kommentar schließt der Konzern mit einem Angebot ab: "Gerne möchten wir dir einen Termin zu einem Vorstellungsgespräch bei einem anderen Edeka-Markt in deiner Nähe anbieten. Falls das für dich interessant ist, nimm gerne via PN (Anm. der Redaktion: Privatnachricht) Kontakt zu uns auf."

© SZ/mba/olkl/jsa
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