Duisburg und die Loveparade Das riskante Spiel um ein besseres Image

Die Duisburger Loveparade hätte nie stattfinden dürfen. Denn anders als 2009 in Bochum wurden Warnungen ignoriert.

Von Florian Fuchs und Dana Hoffmann

Die Loveparade 2008 in Dortmund war die größte Veranstaltung in ihrer Geschichte: 1,6 Millionen Menschen folgten den 37 Paradewagen über die Bundesstraße 1 - ein logistisches Großprojekt. Zu groß, entschied daraufhin die Stadt Bochum. Hier sollte die Technoparty im Jahr darauf steigen.

War der Tunnel als einziger Zugang zum Gelände zu eng? Kritik gab es früh, die Schutzbestimmungen aber wurden gelockert.

(Foto: dpa)

Die offizielle Begründung war damals, der Hauptbahnhof habe keine Kapazität für mehr als 100.000 Menschen. Wegen umfangreicher Gleisbauarbeiten in Bochum könnten gar nicht alle Besucher die Veranstaltung erreichen, hieß es in einer Pressemitteilung. Dabei wurde die Stadt angeblich schon Monate vor der offiziellen Bekanntgabe der Entscheidung darüber informiert, wann die Gleise erneuert werden sollten.

Auch in den größeren Städten Essen (2007: 1,2 Millionen) und Dortmund (2008: 1,6 Millionen) hatte es schon ordentlich Gerangel auf den Bahnsteigen gegeben, als die Besucher von der Partymeile zurück nach Hause wollten. Nur leben in den beiden Städten jeweils knapp 580.000 Leute, die Infrastruktur ist darauf ausgelegt. Im kleineren Bochum leben mehr als 200.000 Menschen weniger. Dass sich die dortige Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz mit den anderen Verantwortlichen schließlich aus diesem Grund gegen die Parade in ihrer Stadt aussprach, dürfte sie heute angesichts der Ereignisse in Duisburg als richtige Entscheidung sehen. Trotzdem betont sie immer wieder: "Von Erleichterung kann man angesichts der Tragik aber nicht sprechen."

Bochumer Blamage

Damals war aber zunächst die Rede von der "Bochumer Blamage". "Was Essen und Dortmund in den letzten Jahren hervorragend gemeistert haben, kriegt Bochum nicht gebacken - und blamiert nicht nur sich selbst, sondern das ganze Revier", kommentierte das Onlineportal derwesten.de und fragte sich "Wie stehen wir jetzt da?"

Auch als Duisburg ein gutes halbes Jahr später bekanntgibt, die Loveparade in die Stadt holen zu wollen, treten viele Kommentatoren noch einmal nach unten, in Richtung Bochum. Sie sorgen sich um den Ruf der Ruhr-Metropole: "Verzicht wäre verrückt. Und der Imageschaden beträchtlich", schreibt derwesten.de. "Es geht nicht allein um Duisburg und um den Ruf unserer Stadt. Vielmehr kann sich das Ruhrgebiet ein zweites Bochum nicht erlauben." Die Loveparade in Duisburg war Teil des "Ruhr.2010"-Kulturjahres, ein Signal an die Jugend, die das Revier scharenweise verlässt.

Fünf Städte, fünf Paraden war die Idee hinter "Loveparade Metropole Ruhr 2007-2011". Mit dem Konzept wollten der Veranstalter werben und die Städte ihr verrußtes Image aufpolieren. "Man wollte mit Städten wie Berlin mithalten", sagt Ottilie Scholz dem Spiegel. Fernsehkameras übertrugen die Bilder der Parade in 90 Länder - und mit ihnen ein positiv weltoffenes Bild. Außerdem ließ jeder Partygast im Schnitt 90 Euro in der klammen Ruhr-Metropole - etwa 144 Millionen insgesamt. Auch das meint Scholz womöglich wenn sie heute sagt: "Auch ich habe damals gedacht, wir müssen alles tun, damit wir die Loveparade haben können." Aber Bochum entschied sich wegen des Sicherheitsrisikos gegen Prestige und gute Presse. Den Verantwortlichen in Duisburg wird nun vorgeworfen, ähnliche Warnungen wie die von Bochum nicht beachtet zu haben.

Dabei wäre auch die dortige Loveparade beinahe gescheitert: Der hochverschuldeten Stadt fehlten 840.000 Euro unter anderem für Sonderbusse, Absperrungen und andere Sicherheitsmaßnahmen. Wegen der Finanznot der Stadt hatte die Kommunalaufsicht die Ausgaben zunächst untersagt. Schließlich finanzierten Sponsoren und das Land Nordrhein-Westfalen die Liebesparade auf dem Gelände eines ehemaligen Güterbahnhofs. Das Bauamt erlaubte nur 250.000 Besucher zur gleichen Zeit, verzichtete laut einem offiziellen Schreiben auf Feuerwehrpläne, gestattete, von der üblichen Breite der Fluchtwege abzuweichen. Das Dokument ist auf den 21. Juli datiert - nur drei Tage vor der Loveparade.

Schon im Februar hatte der Duisburger SPD-Vorsitzende und heutige Innenminister Ralf Jäger gemahnt, dass Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) bei der Loveparade "unverantwortlich" handle. Er klagte allerdings nicht über ein schlechtes Sicherheitskonzept. Es ging, wie so oft in Duisburg, um Geld: Es sei ein Witz, dass Herr Sauerland fünf Monate vor dem Veranstaltungstermin weder ein Finanzierungs- noch ein Organisationskonzept habe.

Politischer Druck im Voraus

Einstimmigkeit herrschte beim Thema Finanzierung zumindest in einer Frage: Der Stadtrat beschloss, dass keine öffentlichen Gelder in die Loveparade fließen sollten. Dabei sei eine Diskussion über das Sicherheitskonzept allerdings auf der Strecke geblieben, berichtet Claudia Leiße, Ratsfrau der Grünen im Duisburger Stadtparlament. "Die Sicherheitsfragen wurden bearbeitet von den Veranstaltern. Die haben das schon in Berlin veranstaltet und verfügten über die entsprechende Erfahrung." Im Stadtrat, sagt Leiße, habe man sich drauf verlassen, dass "die wissen, was sie tun". Eine solche Veranstaltung zu planen, sei ohnehin mehr Sache der Verwaltung als der Politik.

Beamte im Duisburger Polizeipräsidium beklagen derweil hinter vorgehaltener Hand, dass im Voraus politischer Druck ausgeübt wurde, um die Loveparade unter allen Umständen durchführen zu können.

In Gelsenkirchen wird es dergleichen Diskussionen nicht geben: Die Loveparade 2011 und alle weiteren wurden von Veranstalter Rainer Schaller abgesagt. Die Stadt hat die Entscheidung begrüßt. "Es ist definitiv richtig, dass die Loveparade nach der Katastrophe von Duisburg nicht mehr stattfindet. Sie wäre in Zukunft immer mit diesem Unglück belastet gewesen", sagt Stadtsprecher Martin Schulmann. "Wir hätten uns gefreut, wenn die Loveparade zu uns gekommen wäre", räumt er im Gespräch mit sueddeutsche.de ein. "Wir hatten auch keine Sorge bei der Planung. Wir haben in Gelsenkirchen so viele Fußballspiele, wir hatten die Weltmeisterschaft, wir haben Konzerte. Wir haben Erfahrung mit Massenevents."

Allerdings schränkt er auch ein: "Wir hätten alles versucht, um die Loveparade zu veranstalten. Aber bei Fußballspielen sind trotz allem vielleicht 100.000 Menschen in der Stadt. Wir hätten prüfen müssen, ob wir auch eine viel größere Masse stemmen könnten." Es sei "bis zum heutigen Tag" eine ergebnisoffene Prüfung gewesen, ob Gelsenkirchen die Loveparade wirklich veranstaltet hätte. Das Bochumer Beispiel sei bereits eine Warnung gewesen. Wie die Nachbarstadt habe sich Gelsenkirchen vorbehalten, bei Sicherheitsbedenken von dem Vorhaben wieder zurückzutreten.

Eigentlich wollten sie sich Tipps holen. Anregungen, wie man eine Loveparade organisiert. Also ist Martin Schulmann hingefahren, mit seinen Kollegen von der Stadt, um sich ein Bild zu machen.

Er ist dann aber gar nicht reingekommen. "Nach einer Stunde anstehen am Tunnel bin ich wieder umgekehrt", sagt Schulmann. Kollegen von ihm waren im nördlichen Teil des Geländes. Niemand von ihnen bekam die Tragödie mit.

Trotz der langen Schlange hat laut Schulmann nichts darauf hingedeutet, dass es bald zur Katastrophe kommen würde. "Mein Eindruck war: Das läuft." Seine Erkenntnisse vom Besuch auf der Loveparade wird er aber jetzt nicht auswerten müssen.

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