Düsseldorf:Anträge der Verteidigung verzögern Loveparade-Prozess

  • Der Strafprozess zur Loveparade-Katastrophe beginnt stockend - zunächst wegen organisatorischer Probleme, dann wegen der zahlreichen Anträge der Verteidiger.
  • Auf der Anklagebank sitzen sechs Mitarbeiter der Stadt Duisburg und vier Angestellte des Loveparade-Veranstalters "Lopavent".
  • 21 Menschen waren bei der Veranstaltung im Sommer 2010 im Gedränge ums Leben gekommen, 650 wurden verletzt, Tausende traumatisiert.

Von Anna Fischhaber, Düsseldorf

"Landgericht Duisburg, Außenstelle CCD Ost" steht auf den Schildern am Kongresszentrum der Messe Düsseldorf. Weil das Gericht zu klein erschien, wurde der erste Strafprozess zur Loveparade-Katastrophe hierher verlegt. Der Verhandlungssaal mit den glänzend grauen Wänden und den vielen Kameras an der Decke wirkt an diesem ersten Prozesstag überdimensioniert. Viele Plätze bleiben leer. Warum das so ist, darüber wird hier viel gesprochen. Ist der ausgelagerte Gerichtssaal zu weit weg vom Ort der Katastrophe? Ist das Grauen von Duisburg zu lange her?

Uwe Kupka und Nicole Ballhause sind schon seit dem frühen Morgen auf dem Gelände. Sie wollten nicht in das Gedränge geraten, mit dem sie gerechnet hatten und das es nun gar nicht gibt. Zu präsent sind ihnen noch die Bilder vom 24. Juli 2010, als bei der Loveparade auf dem Gelände des ehemaligen Duisburger Hauptgüter- und Rangierbahnhofs 21 Menschen starben, 650 verletzt wurden und Tausende traumatisiert. Kupka steckte damals in der Menschenmenge in einem Tunnel. Ballhause schickte als Ordnerin Menschen in eben jenen Tunnel und fühlt sich deshalb noch immer schuldig. Sie sind gemeinsam hier. "Allein hätte ich es nicht geschafft", sagt Kupka.

Die Loveparade-Katastrophe gilt als eines der schlimmsten Unglücke der jüngeren deutschen Geschichte. Von diesem Freitag an soll das Landgericht Duisburg nach jahrelangem juristischem Hin und Her doch noch klären, wer wie viel Schuld trägt. Doch das ist gar nicht so einfach. Es sei nicht klar, ob heute überhaupt die Anklage verlesen werde, sagt der Gerichtssprecher am Morgen. Möglicherweise könnten Anträge der Verteidigung das verhindern.

Der Prozess beginnt zäh. Immer wieder gibt es Unterbrechungen. Erst wegen organisatorischer Probleme, dann wegen technischer, dann kündigen mehrere Verteidiger Anträge an. Zum einen geht es um die Zuschauer. Normalerweise werden Zeugen vor ihrer Vernehmung aus dem Saal gebeten, damit sie noch unterscheiden können zwischen dem, was sie selbst erinnern und dem, was sie im Prozess gehört haben. Das Problem: Das Gericht hat noch gar keine Zeugen geladen und theoretisch kommen viele der Anwesenden in Frage. Auch Ballhause und Kupka. Schließlich werden zwei Zuhörer gebeten, den Saal zu verlassen, was sie auch ohne Widerspruch tun.

Ein anderer Verteidiger stellt einen Befangenheitsantrag gegen zwei Ergänzungsschöffen, deren Töchter die Loveparade besucht, aber bereits vor der Katastrophe wieder verlassen hatten. Der Verteidiger fürchtet wie auch einige seiner Kollegen vor ihm, dass die beiden womöglich nicht zwischen ihrer schützenden Vaterrolle und der neutralen Richterrolle unterscheiden können. Ein Nebenkläger unterstellt der Verteidigung eine Verzögerungstaktik. Auch der Vorsitzende Richter will nun endlich die Anklage verlesen lassen, da kündigen weitere Verteidiger eine Besetzungsrüge gegen das Gericht an. "Es kann nicht sein, dass wir hier mit einem Gericht sitzen, dass möglicherweise fehlerhaft besetzt ist", sagt einer der Anwälte. Die Verhandlung wird daraufhin erneut unterbrochen.

Die zentralen Punkte in diesem Prozess sind bereits vor Verlesung der Anklage bekannt: Die Staatsanwaltschaft wirft sechs Mitarbeitern der Stadt Duisburg und vier Mitarbeitern des Loveparade-Veranstalters "Lopavent" vor, durch fehlerhaftes und pflichtwidriges Verhalten bei Planung, Genehmigung, Umsetzung und Kontrolle der Loveparade fahrlässig den Tod von 21 Menschen in Kauf genommen zu haben. Die Höchststrafe dafür beträgt fünf Jahre. Im Mittelpunkt der Verhandlung wird die Frage stehen: War das Risiko vorher absehbar und die Katastrophe damit zwangsläufig?

Man wolle hier Ursachen für das Unglück herausarbeiten, sagt Gerd-Ulrich Kapteina, der als Anwalt jenen Mitarbeiter der Stadt vertritt, der die Baugenehmigung unterschrieben hat. Sein Mandant sei für Baurecht zuständig, nicht für das Sicherheitskonzept. Wenn man Kapteina zuhört, klingt das gar nicht so anders als das, was die Betroffenen sagen. Viele von ihnen glauben: Die Menschen, die auf der Anklagebank sitzen, sind nicht die Hauptschuldigen. Sondern etwa der damalige Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland. Veranstalter Rainer Schaller. Oder die Polizei.

Es ist nicht das einzige, was an diesem Prozess ungewöhnlich ist. Da ist der Zeitdruck, unter dem das Gericht steht: Mitte 2020 werden alle Taten verjährt sein. Zwar gibt sich die Staatsanwaltschaft an diesem Morgen optimistisch, doch der Fall ist komplex: Die Anklageschrift hat mehr als 500 Seiten, die Hauptakte Zehnttausende. 111 Verhandlungstermine sind bis Ende 2018 angesetzt, es könnten viele weitere hinzukommen. Das Verfahren soll "so öffentlich stattfinden wie kein Prozess vor ihm", hatte der bis Sommer amtierende Justizminister erklärt. 750 Quadratmeter hat der Saal, jede Wortmeldung wird auf die drei großen Videoleinwände im Saal übertragen. Polizisten überwachen jeden Schritt. Man könne nicht vorhersagen, welche Dynamik sich auf der Zuschauerbank mit mehr als 200 Plätzen entwickeln könnte, heißt es. An diesem ersten Tag bleibt es auffällig ruhig.

"Ich versuche, die Loveparade zu verdrängen, aber ich muss da nochmal durch", sagt Uwe Kupka am Abend vor Prozessbeginn in Duisburg, an der Stelle, an der damals die Toten lagen und an der nun ihre Fotos hängen. Autos donnern durch den Tunnel. "Der Prozess wird viele alte Wunden aufreißen, aber ich hoffe auch, dass ich so endlich Frieden finden kann. Anders geht es nicht." Trotzdem versucht Kupka, seine Erwartungen nicht zu groß werden zu lassen. Selbstschutz. Aber er hofft, von den Angeklagten Antworten zu bekommen. Hofft, dass Schaller und Sauerland zumindest als Zeugen aussagen müssen.

Auch Nicole Ballhause ist betroffen. Betroffen, weil ihr Kopf ihr immer noch sagt: "Du bist schuld. Du hast die Menschen in den Tod geschickt." Ballhause arbeitete damals als Ordnerin an jener Eingangsschleuse, die eigentlich geschlossen werden sollte, damit nicht noch mehr Menschen in den Tunnel drängten. Ballhause und ihre Kollegen wussten davon nichts, sie öffneten sogar Zaunteile, um einen Rettungswagen durchzulassen. Tausende weitere Besucher strömten so in den Tunnel. Zeugen sagten später, das habe den Druck in Richtung Rampe, wo es die meisten Opfer gab, massiv verstärkt.

Nicole Ballhause erfuhr erst von dem Gedränge auf der Rampe, als es schon vorbei war. Als ein Besucher sie ansprach und dann noch einer, der sagte: "Da hinten ist Chaos", ging sie selbst in den Tunnel. Der war zu diesem Zeitpunkt bereits leer. Auf der Rampe sah sie die Verletzten und drei Tote. Einer hatte noch die Augen offen, sie deckte ihn zu. "Für mich ist der erste Prozesstag der erste Tag nach mehr als sieben Jahren, an dem ich anfangen kann, meine Schuld abzugeben. An dem jemand anderes Verantwortung übernehmen muss", sagt Ballhause. "Ab jetzt gibt es Gerechtigkeit." Auch wenn sie nicht sicher ist, dass es die wirklich geben wird. Ihre größte Angst ist, dass die Taten verjähren. Dass sie trotz dieses Prozesses am Ende allein bleibt mit ihrer Schuld.

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