Süddeutsche Zeitung

Der neue "Duden":Adieu, Hackenporsche!

300 alte Begriffe weichen in der jetzt aufgelegten 28. Ausgabe des "Duden" 3000 neuen Wörtern. Ein etwas wehmütiger Nachruf.

Von Martin Zips

Am Mittwoch erscheint der neue Duden: 1300 Seiten mit 148 000 Stichwörtern. 3000 Begriffe sind neu in der 28. Auflage. Zum Beispiel "Durchimpfungsrate", "Lockdown", "Erklärvideo", "Zwinkersmiley" oder "Gänsehautmoment". Es heißt aber auch Abschied nehmen von etwa 300 Wörtern, die im seit 140 Jahren existierenden Lieblingsnachschlagwerk der Deutschen jetzt nicht mehr zu finden sind. Ein paar Beispiele.

Aufgebotsschein: Schon Kanon 51 des vierten Laterankonzils von 1215 legt fest, dass eine bevorstehende Heirat öffentlich zu verkünden sei. Durch Priester beider Kirchengemeinden - des Bräutigams und der Braut. Stellt sich heraus, dass jemand bereits mit einem anderen ein Techtelmechtel hat, gibt es keinen "Aufgebotsschein". Also keine Hochzeit. Heute hat jeder mit jedem ein Techtelmechtel. Und den Schein, den hat die Duden-Redaktion geschluckt. Ebenso wie die "Kammerjungfer", den "Freiersmann", den "Jungfernkranz" oder den "Hochzeitsbitter".

Beweiben: Laut mittelalterlicher Turnierordnung waren einst diejenigen vom Kampfspiel auszuschließen, welche sich nicht "aus dem Adel beweibten". Depperte Bürgerliche also. Abgesehen davon, dass sich auch heute noch viele Männer den sozialen Aufstieg durch "Beweibung" wünschen, ist der Begriff freilich ebenso überholt wie das "Lehrmädchen", der "Bäckerjunge", die "Vorführdame" oder die "Kebsehe" (Hochzeit mit einer Leibeigenen, alle gestrichen).

Fernsprechanschluss: Wie "Wolkenkratzer" (von "Skyscraper", "Himmelskratzer") handelt es sich beim Ausdruck "Fernsprecher" (von "telephone", "Fernklang") um ein englisches Lehnwort. "Bellen" wäre theoretisch auch denkbar (wegen Erfinder Alexander Bell), war aber als Ausdruck schon vor die Hunde gegangen. Heute bellen schnurlose Telefone allerorten, allerdings nur noch selten in "Schnürleibchen", "Schlupfjacken", "Niethosen" oder "Tressenröcken" (alle gestrichen).

Hackenporsche: Der gerade bei älteren Menschen beliebte Einkaufstrolley hieß früher landläufig "Hackenporsche" (gestrichen) oder Kartoffelmercedes. Dass auch er - ebenso wie der "Murrkopf" oder der "Jägersmann" - nun aus dem Duden fliegt, ist "erschrecklich" und "hiedurch" zum "Irrwerden" (alle gestrichen). Denn: Diese Streichung ist gemein und rentnerfeindlich und muss noch einmal überdacht werden. Nicht jeder schafft es, täglich auf dem Ingwerscooter zum Smoothie-Shop zu brettern.

Wolfsrachen: Ebenso wie der Hasenzahn oder der Drosselbart ist der "Wolfsrachen" ein tierischer Blödsinn. Lange wurde damit eine angeborene Lippen-Kiefer-Gaumensegel-Spalte beim Menschen bezeichnet. "Saugrob!", würde man nun am liebsten schimpfen. Wäre das Wort nun nicht ebenfalls aus dem Duden getilgt.

Zehrpfennig: Reisende Prostituierte sollen an der Pforte des Klosters Königsfelden im Schweizerischen Aargau stets einen "Zehrpfennig" erhalten haben. Eine kleine Geldspende also, weil das Kloster an dem Ort gegründet wurde, an dem König Albrecht I. im Jahr 1308 im Schoße einer nur zufällig anwesenden "Hure" (das Wort gibt es im Duden noch) starb. Nun wurde der "Zehrpfennig" aus dem Verkehr gezogen. Vermutlich, weil er gegen die "Standesehre" (gestrichen) verstieß.

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