DrogenschmuggelKrumme Geschäfte

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Bananen und Kokain aus Ecuador - eine gängige Kombination.
Bananen und Kokain aus Ecuador - eine gängige Kombination. Landeskriminalamt Baden-Württemberg/picture alliance

In bayerischen Supermärkten tauchen Hunderte Kilo Kokain in Bananenkisten auf. Die Spur führt zu einem internationalen Drogenkartell. So gelang es den Ermittlern, die Bande hochgehen zu lassen.

Von Martin Bernstein

Zehn Kilogramm Bananen isst jeder Deutsche pro Jahr im Durchschnitt. Im Rewe-Supermarkt in Kiefersfelden nahe der deutsch-österreichischen Grenze werden an einem Freitag im September 2017 die Obst- und Gemüseregale aufgefüllt. Gerade ist die neue Lieferung aus dem Logistikzentrum in Eitting im oberbayerischen Landkreis Erding eingetroffen. Mitarbeiter öffnen die erste Kiste - und stoßen unter den Früchten auf etwas, was definitiv nicht für die Auslage bestimmt ist: eine weiße Substanz, kiloweise in braunes Papier und Plastik verpackt. Kokain. Nach und nach gibt es weitere ähnliche Meldungen aus insgesamt zehn Rewe-Märkten in Südostbayern. 228 Kilo Rauschgift werden es schließlich sein, ziemlich genau die Menge Koks, die in München binnen zwei Jahren konsumiert wird. Der Stoff ist hoch konzentriert, mehr als 80 Prozent des Wirkstoffs Cocainhydrochlorid werden bei Analysen gemessen.

Doch das Rauschgift ist nicht für den lokalen Markt gedacht. Die Auftraggeber des missglückten Rauschgiftschmuggels sitzen in den Niederlanden und in Albanien, familiäre Kontakte reichen wohl bis nach Südamerika. Das werden die Ermittler aus mehreren Bundesländern Monate später wissen. Am Ende werden sie 860 Kilo Kokain sichergestellt und mehr als ein Dutzend mutmaßliche Mitglieder einer albanischen Bande festgenommen haben. Gegen acht mutmaßliche Bandenmitglieder hat die Staatsanwaltschaft Landshut jetzt Anklage erhoben. Erwartet wird einer der größten Kokainprozesse in der deutschen Geschichte. Insgesamt soll die Bande etwa zwei Tonnen des Rauschgifts geschmuggelt haben.

Doch was für die Fahnder noch wichtiger ist: Sie können erstmals Einblicke in die Struktur einer Bande der albanischen Westbalkanmafia gewinnen und einen kompletten Lieferweg zerschlagen. Wie die Bande nach Erkenntnissen der Ermittler agierte, geht aus Justizdokumenten hervor, die der Süddeutschen Zeitung, dem NDR und dem BR vorliegen.

Reifehallen als Umschlagplatz

"Himmelhoch jauchzend", so beschreibt Kriminaldirektor Jörg Beyser vom Bayerischen Landeskriminalamt in einem Gespräch mit dem NDR die Gefühlslage der Ermittler nach dem Zugriff Ende April 2018 bei Xanten am Niederrhein. Beyser und seine sieben Kollegen von der Gemeinsamen Ermittlungsgruppe Rauschgift haben den Einsatz von insgesamt etwa 500 Beamten koordiniert. Keine einfache Aufgabe. Denn Dreh- und Angelpunkte des groß angelegten Kokainschmuggels sind ein Dutzend über ganz Deutschland verteilte Reifehallen, in denen grün geerntete Bananen aus Südamerika durch Wärme und Ethylen-Begasung ihre appetitlich gelbe Farbe bekommen.

In Eitting bei Erding steht eine dieser Hallen. Direkt daneben ist das Rewe-Logistikzentrum, von dem aus Bananenkisten nach Kiefersfelden, Traunstein und bis nach Passau ausgeliefert werden. Sechs Tage vor den rätselhaften Kokainfunden brechen zwei Unbekannte in das Logistikzentrum ein, nehmen aber nichts mit. Weil sie gezielt die Kokain-Pakete gesucht, aber nicht gefunden haben? Der Verdacht kommt den Ermittlern schnell - und eine Ahnung, warum die Täter buchstäblich danebenlangten: Logistikzentrum und Reifehalle sind bei Google Earth verkehrt bezeichnet.

Ermittlung gegen Unbekannt

Drei Tage nach der brisanten Entdeckung im Obstregal nimmt die Staatsanwaltschaft Ermittlungen auf. "Unerlaubtes Handeltreiben mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge" lautet der Vorwurf, zunächst noch gegen unbekannt.

Die Eittinger Bananenkisten, und mit ihnen das Rauschgift, stammen aus Ecuador. Die Ladung ist im Hamburger Hafen gelöscht worden, die Kisten wurden dann per Lkw nach Eitting gebracht. Nur zwei Tage zuvor hatten Einbrecher auch eine Reifehalle im südhessischen Dietzenbach heimgesucht, zum zweiten Mal schon. Zahlreiche weitere Einbrüche werden zwischen November und Ende Dezember aus Reifehallen in Duisburg und im saarländischen Neunkirchen gemeldet. Nachmessungen ergeben, dass einige der Paletten nach dem Einbruch insgesamt 420 Kilogramm leichter sind als zuvor. Welcher Stoff fehlt, ist spätestens an Weihnachten klar, als in beiden Reifehallen Kokain zwischen dem Obst auftaucht. Der Stoff, den die Täter nicht gefunden haben, wiegt zusammen mehr als 450 Kilo.

Pannen passieren also. Doch die Kokain-schmuggler wissen offenkundig ganz genau, wo sie nach ihrem Stoff suchen müssen. Überwachungsfotos zeigen, wie die Einbrecher auf dem Handy nachschauen, dann ganz bestimmte Bananensorten suchen und gezielt in einige wenige Reifekammern einsteigen. "Die Individualplakettennummer hat ihnen dann praktisch gezeigt, in welcher Palette das Rauschgift drin war", sagt Chefermittler Beyser. Die Kilo-Blöcke werden in Taschen verpackt und in einem präparierten Opel Vivaro für den Transport in die Niederlande versteckt.

Auch in München taucht der Vivaro auf. Es ist mittlerweile März, die Bande wird observiert. Einen "Chefeinbrecher" glauben die Ermittler ausfindig gemacht zu haben, außerdem einen Logistiker. Nahe dem Münchner Großmarkt im Stadtteil Sendling steht eine weitere Halle, in der Bananen fertig reifen können. Am frühen Morgen des 24. März brechen zwei Täter dort ein und kommen kurz darauf mit leeren Händen wieder heraus. Irgendetwas ist schiefgegangen. Wie viel für sie tatsächlich schiefgeht, können die Kokainschmuggler nicht ahnen: Die ganze Aktion wird beobachtet, danach werden Durchsuchungs- und Haftbefehle ausgestellt.

Kiloweise Kokain mit Millionenwert

Als die Bande im April in Hannover und Hamburg auftaucht, zieht sich die Schlinge zu. Die Fahnder wissen, wer wann von wem den präparierten Vivaro übernimmt und wie die Männer miteinander kommunizieren. Am 25. April kurz nach Mitternacht hält der Wagen auf dem Billbrook im Hamburger Hafen vor der Laderampe einer Reifehalle. Nur ein paar Hundert Meter Luftlinie sind es von dort bis zum Zollamt Oberelbe. Neun Sporttaschen voll Rauschgift werden im Vivaro verstaut. In einem Konvoi mit zwei weiteren Autos fahren die Schmuggler Richtung niederländische Grenze. Zur Tarnung liegen im Heck des Vivaro Maler- und Handwerkerutensilien. Das Ziel der Fahrt ist nach Ansicht der Hamburger Staatsanwaltschaft Rotterdam.

Doch dort werden die Autos, ihre Fahrer und die heiße Fracht nie ankommen. Auf der A 57 endet der Weg der Schmuggler. Kurz nach fünf Uhr morgens stoppen die Fahnder nacheinander die drei Autos. 180 Kilo Kokain im Wert von 5,4 Millionen Euro werden sichergestellt, vier Männer festgenommen. Weitere Festnahmen folgen noch in der Nacht, später auch in Rumänien. Im Dezember werden die vier Fahrer in Hamburg in erster Instanz verurteilt. Wegen Beihilfe müssen sie für Jahre ins Gefängnis. Allerdings sind die Urteile noch nicht rechtskräftig, ihre Verteidiger sind in Revision gegangen.

Doch das ist erst der Auftakt: Unter den jetzt in Landshut und München Angeklagten soll nach Überzeugung der Ermittler der Mann sein, der den Schmuggel leitend organisiert hat, außerdem der mutmaßliche Logistiker der Bande, der in Hamburg eine Wohnung für reisende Bandenmitglieder anmietete, und der Chefeinbrecher.

Kriminaldirektor Beyser vom LKA sagt aber auch: "Wir haben ja nur einen kleinen Teil von den Tätern eingesperrt." Die Gruppierung sei der Westbalkanmafia zuzurechnen - "diese Leute sind bekannt dafür, dass sie eine relativ geringe Hemmschwelle gegenüber Gewaltanwendungen haben". Laut dem aktuellen Lagebild des Bundeskriminalamts rangiert die albanische Mafia deutschlandweit hinter einheimischen und türkischen Gruppierungen auf Rang drei im Rauschgiftgeschäft, noch vor der italienischen Konkurrenz.

© SZ vom 13.02.2019 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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