Drogenschmuggel:Europas "Schnee"-Zentrum Antwerpen

Mit dem Schiff von Bilbao nach Hamburg

Nabel zur großen-kriminellen Welt? Die Schelde zieht sich durch Antwerpen und verbindet die belgische Stadt mit der Nordsee.

(Foto: Gianni Camilleri/dpa)
  • Die belgische Hafenstadt Antwerpen ist der größte Umschlagplatz für Kokain in Europa.
  • Im Jahr 2017 beschlagnahmten die Behörden 40 000 Kilogramm der Droge.
  • Der konservative Bürgermeister will das Problem nun für den Kommunalwahlkampf nützen, doch der riesige Hafen ist schwer zu kontrollieren.

Von Thomas Kirchner, Antwerpen

Eine Fahrt durch den Hafen von Antwerpen ist wie eine Tour durch einen Irrgarten. Das Schiff zieht vorbei an Docks, Schleusen, Hebebrücken, an Hunderten Tankern und nach Öl stinkenden Terminals, an Tausenden bunten Containern, und bald bieten nur noch die Sonne Orientierung und der weiße Rauch des Kernkraftwerks Doel, oben im Norden. Wenn man nach 90 Minuten wieder am diamantförmigen, von Zaha Hadid entworfenen Hafenhaus am Eingang ankommt, hat man ein Fünftel des gesamten Riesengeländes gesehen, das 20 000 Fußballfelder umspannt.

Dies ist nach dem niederländischen Rotterdam der zweitgrößte Hafen Europas, ein Motor der belgischen Wirtschaft, der 143 000 Arbeitsplätze in Flandern sichert und eine Wertschöpfung von mehr als zehn Milliarden Euro. Nirgends in der EU werden mehr Bananen und Kaffee umgeschlagen. Und nirgends mehr Kokain.

Der neueste Bericht der EU-Drogenbehörde EMCDDA weist Antwerpen inzwischen als größtes Einfallstor für die Droge aus, wahrscheinlich knapp die Hälfte der in Europa verkauften Ware kommt hier an. Das Tor hat sich schnell geöffnet. Genaue Zahlen gibt es naturgemäß nicht, aber man kann hochrechnen von den Mengen, die Polizei und Zoll beschlagnahmen: 2013 waren es 4000 Kilogramm in Antwerpen, 2017 schon 40 000, im Wert von 1,5 Milliarden Euro. Die Droge kann überall versteckt sein, in Containern, Paletten, zwischen Fliesen, Steinen und besonders oft in Fruchtladungen. Im Sommer lagen 56 Kilo zwischen Ananas-Attrappen aus Costa Rica. Zum Vergleich: In Rotterdam wurden 2017 nur 5000 Kilo gefunden.

Eine Verzehnfachung innerhalb von vier Jahren? Das hat die Politik alarmiert. "Der Hafen ist löchrig wie ein Sieb", sagt Antwerpens Bürgermeister Bart De Wever. In einem Interview mit der niederländischen Zeitung Volkskrant, das viel Aufsehen erregte, gestand er ein, dass der Drogenschmuggel aus dem Ruder gelaufen sei. Das viele Geld, das damit verdient werde, wirke sich auf die ganze Gesellschaft aus. Und schlimmer noch: Die Drogenmafia kaufe Politiker in Antwerpen. "Ich kenne Stadträte, für die würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen."

Nun muss man wissen, dass De Wever der rechtskonservativen und oft auch populistischen Partei N-VA angehört und sich vor der Kommunalwahl am 14. Oktober als einziger Garant für Law and Order empfehlen möchte. Außerdem darf er sich fragen lassen, was er selbst seit dem Amtsantritt 2013, als er den Drogen den "Krieg" erklärte, eigentlich unternommen hat. Trotzdem spricht einiges dafür, dass er die Lage korrekt beschreibt. Ein ähnliches Bild zeichnete schon 2017 die Polizei: Möglicherweise infiltrierten Drogenkriminelle "strategische Sektoren" in Antwerpen, erklärte sie, "bei der Polizei, in der Justiz, beim Zoll und in Unternehmen".

"Ich kenne Stadträte, für die würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen"

Es gibt viel zu verdienen in dem Geschäft. 800 bis 1000 Euro ist das Kilo Kokainpaste bei der Einschiffung in Südamerika wert, heißt es in Berichten belgischer Behörden. Bei Ankunft in Europa sind es bis zu 25 000 Euro, zwischen Groß- und Kleinhandel gibt es weitere Steigerungen. Auf der Straße bringt eine typische Schiffsladung von 1200 Kilo, mehrfach verschnitten, dann 180 Millionen Euro. Etwa 80 Prozent der Ware sind für die Niederlande bestimmt, von dort aus wird das meiste in Europa verteilt. In den Niederlanden saßen bis vor einigen Jahren auch die Organisatoren des Geschäfts. Inzwischen hat sich eine eigenständige belgische Mafia gebildet. "Sie haben klein angefangen in Antwerpen", schreibt der Journalist Raf Sauviller im Buch "Borgerokko maffia", "als Kuriere für die marokkanischen Banden in den Niederlanden. Jetzt sind sie stark genug, um eigene Kokaintransporte durchzuführen und zu finanzieren."

Der Konkurrenzkampf um das viele Geld führt zu Gewalt. Tödliche Schießereien, Brandanschläge und Entführungen, wie sie in Amsterdam oder Venlo häufiger vorkommen, beschäftigen die Polizei nun auch im Raum Antwerpen oft. Meist sind es Abrechnungen zwischen Banden oder Warnungen an einen, der nicht spurt. Anfang des Jahres veröffentlichten lokale Zeitungen eine "Todesliste" mit neun Namen aus dem Milieu.

Was macht den Hafen so attraktiv für Drogenschmuggel?

Warum Antwerpen? Was macht den Hafen so attraktiv für die Drogennetzwerke? "Das Kokain sucht den Weg des geringsten Widerstands", sagt Bürgermeister De Wever. "Der Hafen ist riesig groß, nach allen Seiten offen und liegt direkt an der Grenze zu den Niederlanden", sagt Yann Pauwels von der Vereinigung der Hafenarbeitgeber (Cepa). "Außerdem ist er auf Früchte aus Südamerika spezialisiert." Der Volkskrant-Autor Jan Tromp deutet noch einen Grund an: Der Antwerpener Hafen will weiterhin schnell wachsen. Um die Zeiten am Dock für die Schiffe möglichst kurz und damit die Kosten für alle niedrig zu halten, werde lasch kontrolliert. Sicher, die Zollbeamten taxieren ankommende Schiffe vorab auf Risikofaktoren, je nach Ware und Reiseroute. Physisch überprüft wird aber nur ein Prozent der Container. Es gibt einen Scanner auf der rechten und einen auf der linken Seite der Schelde. Sie funktionieren oft nicht. Der Zoll müsse besser ausgestattet werden, sagte ein Bundespolizist dem Standaard schon im vergangenen Jahr. Bisher seien die Kontrollen "ein Tropfen auf den heißen Stein". Manche Kapitäne ignorieren die Aufforderung, zur Kontrolle vorzufahren, und nehmen die vergleichsweise geringe vierstellige Strafe in Kauf. Oder sie übergeben die Kokainpakete schnell, bevor sie dran sind.

Wo die Drogenschiffe andocken, hängt von der Handelsware ab, die sie an Bord haben. Zwei Stellen werden aber häufiger genannt: das Albert- und das Leopold-Dock am Hafeneingang, wo die Firma BNFW ihre Kühlkammern für Bananen und Ananas hat. Und das Kai 730 der Firma MSC im nördlichen Delwaide-Dock. Von diesem Containerlager sind es nur ein paar Kilometer bis in die Niederlande.

ANTWERP OPENING NEW HARBOUR HOUSE

Was geschieht hinter der schönen Fassade? Das Hafenhaus der Architektin Zaha Hadid in Antwerpen.

(Foto: Dirk Waem/dpa)

Unabdingbar ist die Hilfe von Insidern, Hafenarbeitern oder Logistikern, die das Gelände kennen, die wissen, wie man die Schmuggelware findet im Gewirr von Tausenden Containern. Und wie man die Überwachungskameras überlistet, welche Ausweise oder Pin-Nummern man braucht. Manche übernehmen auch selbst den Kurierdienst. Der Job ist gefährlich; wenn es gut geht, verdienen sie in wenigen Minuten Zehn-, ja Hunderttausende Euro. Die Dockarbeiter sind eine Schwachstelle in jedem Hafen. In der Scheldestadt lassen sie sich offenbar besonders leicht anwerben. Ein Aussteiger erzählte 2015 einem Radiosender, wie das geht: Die Rekrutierer treiben sich in den Hafencafés herum und suchen Arbeiter mit Geldproblemen. "Davon gibt es viele." Oder sie nehmen Kontakt über soziale Netzwerke auf. Drei Anwerber, die Facebook nutzten, stehen derzeit vor dem Strafgericht Antwerpen.

Der Arbeitgeberverband weiß um die Gefahr. Er erklärt Arbeitern, welches Risiko sie eingehen, und empfiehlt, Anwerbeversuche anonym bei der Polizei zu melden. Außerdem würden die Docker vor der Einstellung auf Vorstrafen oder psychische Probleme überprüft, sagt Yann Pauwels von Cepa. Letztlich sei der Hafen aber eigentlich unkontrollierbar. "Er lässt sich nicht umzäunen wie ein Flughafen." Man könne es den Kriminellen nur "so schwer wie möglich machen".

Das ist auch die Absicht des "Stromplans", mit dem die Politik das Problem nun angeht. Eine Taskforce soll die Kräfte von Polizei, Justiz, Zoll und Steuerverwaltung bündeln; ein "Kali-Team" aus 80 Ermittlern will Drogenschmugglern Paroli bieten. Der Ansatz: Repression. Manche Experten halten das für falsch, es führe nur zu steigenden Preisen und noch größeren Mafia-Profiten. Sie plädieren für Legalisierung und Präventionskampagnen. Ganz zurückdrängen lässt sich das Milliardengeschäft ohnehin nicht. "Solange es einen Markt gibt für Kokain, wird weiter geschmuggelt", sagt Pauwels. Die Nachfrage nach dem Pulver ist, auch wegen der guten Wirtschaftslage, seit Jahren stabil hoch. Gerade in Antwerpen. Man kann den Kokainkonsum recht präzise an Restmengen im Abwasser ablesen. Demnach zählt die Stadt zu den "Schnee"-Zentren in Europa. An Wochenenden steht sie sogar an erster Stelle. Vor London.

© SZ vom 06.10.2018/mane/pvn
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