Drogenkrieg in Mexiko Der unberechenbare große Bruder von "El Chapo"

Der festgenommene Joaquín "El Chapo" Guzmán am 8. Januar 2016. Von seinem Bruder "El Guano", der ihm sehr ähnlich sieht, gibt es nur wenige Bilder.

(Foto: REUTERS)

Kurz sah es so aus, als habe die Familie Guzmán den Machtpoker im mexikanischen Drogenkrieg verloren. Doch jetzt signalisiert der Bruder des inhaftierten "El Chapo" mit einer Reihe von Hinrichtungen: Die Firma lebt.

Von Boris Herrmann

Ein ruhiger Mann, höflich und bescheiden, so wird Aureliano Guzmán Loera in einem Lied beschrieben, das ihm die Gruppe Los Alegres del Barranco gewidmet hat. Die Band gehört zu den Marktführern eines Genres namens "Narcocorridos", in dem die Verherrlichung mexikanischer Drogenbosse mit schunkeltauglichen Akkordeonklängen untermalt wird. Nach allem, was man über Aureliano "El Guano" Guzmán weiß, war er bescheiden genug, um sich all die Jahre im Hintergrund zu halten, in denen sein jüngerer Bruder Joaquín "El Chapo" Guzmán das Sinaloa-Kartell dominierte und damit den globalen Drogenhandel.

Der einstige Ausbrecherkönig El Chapo sitzt nun schon fast ein Jahr lang in Isolationshaft und wird wohl, wenn er nicht doch noch einen Tunnel aus seiner Zelle buddelt, in Kürze in die USA ausgeliefert. Der angeblich so bescheidene Aureliano aber scheint dessen Inhaftierung genutzt zu haben, um sich selbst in die Führungsriege des Kartells zu befördern. Immer deutlicher wird: Besonders höflich ist er nicht.

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Mexikos Politiker seien dem Drogenboss undankbar, dieser werde im Gefängnis gefoltert: El Chapos Leute gehen PR-strategisch in die Vollen. Fast.

Mexikanische Ermittler sind sich inzwischen sicher, dass El Guano etwa hinter dem jüngsten Anschlag auf einen Militärkonvoi in Sinaloas Hauptstadt Culiacán steckt, bei dem fünf Soldaten verbrannten. In diesen Tagen gilt er als der meistgesuchte Mexikaner. Einige Beobachter halten ihn sogar für den neuen Boss der Bosse, aber das ist vermutlich übertrieben. El Guano scheint eher so etwas wie der oberste Aggressor des Guzmán-Clans zu sein, im entfesselten Erbfolgekrieg um das Territorium des Paten El Chapo hat er sich zuletzt als einer der Brutalsten hervorgetan.

Man muss sich das Sinaloa-Kartell wie ein Franchise-Unternehmen vorstellen, ein Netzwerk aus weitgehend unabhängigen Zellen, die bestimmte Gebiete kontrollieren. El Guano hat den Sektor von El Chapo übernommen, das schwer zugängliche Bergland rund um den Ort Badiraguato. Es ist das Heiligtum des weltweit operierenden Kartells, weil dort seit eh und je die Großfamilie Guzmán wohnt.

Viele wünschen sich den Chapo zurück

An einem helllichten Junitag dieses Jahres zerstörten dort 150 schwer bewaffnete Männer, mutmaßlich vom verfeindeten Beltrán-Leyva-Clan, das Elternhaus von El Chapo und El Guano. Das war nicht nur eine Kriegserklärung, sondern ein Anschlag auf die Familienehre. Nachdem wenig später auch noch zwei Söhne El Chapos entführt wurden, waren die ersten Abgesänge auf das Sinaloa-Kartell zu lesen. Aureliano Guzmán hat nun mit einer Reihe von Hinrichtungen signalisiert: Die Firma lebt.

Vor allem optisch sind sich El Chapo, 59, und El Guano, vermutlich 62, ähnlich: dicke Backen, schmale Augen, Klischeeschnauzer. Während El Chapo in Sinaloa aber als moderner Robin Hood verehrt wird, der, so absurd es klingen mag, mit seiner unbegrenzten Macht auch eine gewisse Alltagsharmonie garantierte, gilt El Guano als äußerst unberechenbar. Viele wünschen sich daher den Chapo zurück, damit endlich wieder in Ruhe gedealt werden kann.

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