Drogenhandel im Görlitzer Park Die Grashüter

Alles könnte so schön sein, im Görlitzer Park in Berlin-Kreuzberg. Wenn nur nicht die Drogendealer wären. Doch wie löst man das Problem? Mit einem Zaun? Mit einem Coffeeshop? Eine Ortsbegehung.

Von Judith Liere, Berlin

Fast könnte man meinen, man stünde in einem normalen Park. Ein paar Jogger drehen an diesem Vormittag ihre Runden, auf einer Bank sitzen zwei junge Frauen und unterhalten sich, Mütter mit Kinderwagen ziehen vorbei, vor einem Café trinken Menschen ihren Frühstücks-Cappuccino. Auf einem Stück Wiese wachsen junge Obstbäume, an ihren Stämmen blühen Sonnenblumen, ein kleiner Hase hoppelt vorbei.

"Man muss auch die schönen Seiten sehen!", sagt Andreas Teuchert, es klingt ein wenig trotzig. Denn auch wenn die Streuobstwiese gerade sehr friedlich wirkt - der Görlitzer Park ist kein normaler Park. Er ist ein "Problempark", so nennt ihn Hans-Christian Ströbele (Grüne), der in Kreuzberg seinen Wahlkreis hat. Der Park ist ein Problem, mit dem niemand so richtig umzugehen weiß und das die Toleranz vieler auf die Probe stellt.

Ein paar Meter von der Streuobstwiese entfernt wandelt sich die Blümchen-Idylle zur harten Realität. Junge Männer, etwa 20 sind es an diesem Vormittag, reihen sich auf entlang eines Weges, der von der Görlitzer bis zur Wiener Straße führt. Die meisten von ihnen kommen aus Westafrika, sie sind nach Europa gekommen, um hier ein sichereres oder besseres Leben zu suchen. Was viele von ihnen gefunden haben, ist ein Job als Drogendealer in einem Kreuzberger Park.

"Ich geh' da nicht mehr hin"

Geht man den Weg entlang, zwischen den Männern, dann grüßen, rufen, zischeln sie, machen auf ihre Ware aufmerksam. Auch wenn man das ignoriert, starr geradeaus oder auf den Boden schaut, rufen sie weiter. Die etwa hundert Meter lange Strecke wird zum Spießrutenlauf, auf den viele Anwohner keine Lust mehr haben. Sie meiden den Park, fühlen sich verdrängt. "Das ist ein Drecksloch, ich geh' da nicht mehr hin", sagt ein Mann, Mitte 30, der vor dem Café Nest in der angrenzenden Görlitzer Straße Rhabarberschorle trinkt. Eine Frau um die 60, die mit Einkaufstüten in der Hand an den Außenmauern des Parks entlanggeht, sagt, sie laufe da nicht einmal mehr durch, um den Weg abzukürzen: "Das ist mir zu gefährlich." Die grüne Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann sagte der Boulevard-Zeitung B.Z.: "Ich gehe seit den 80er-Jahren da nachts nicht mehr durch. Viel zu dunkel, auch andere fühlen sich hier nachts nicht wohl."

Die Beschwerden wurden lauter in den letzten Monaten, Anwohner sagen, die Dealer würden aufdringlicher, aggressiver. Die Polizei veranstaltete mehrere große Razzien. Nachbarn, Politiker, Cafébetreiber - sie alle wollen, dass sich etwas ändert im Görlitzer Park, dass er wieder zu einem Ort wird, an dem man sich gerne aufhält und Kinder spielen lassen kann. Doch eine richtige Lösung hat bisher keiner gefunden. Stattdessen ähneln die Diskussionen zuweilen einem Eiertanz, denn das Thema ist heikel: Wer etwas sagt gegen den Drogenhandel, seinem Ärger Luft macht, der gilt schnell als intoleranter, ordnungssüchtiger Spießer, als Yuppie, der Kreuzberg nicht verstanden habe - oder als Rassist, weil die Dealer zum überwiegenden Teil Afrikaner oder Araber sind.

Aufgaben mit dem Teelöffel abtragen

Auch Andreas Teuchert, der Mann von der Streuobstwiese, musste sich solche Beschimpfungen schon anhören. "Absurder geht's ja gar nicht", sagt er. Teuchert, ein sanft wirkender 42-Jähriger, kümmert sich gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Rahel Schweikert um den Park. Sie haben vor zwei Jahren ein Bürgerbeteiligungsprojekt gegründet und arbeiten im Auftrag des Fachbereichs Grünflächen des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg. Teuchert ist wichtig, dass sie "keine Initiative von wütenden Bürgern" seien, sondern versuchten, möglichst vielen unterschiedlichen Parknutzern gerecht zu werden.

Das Projekt heißt "Unser Görli - einer für alle", auch den Zusatz erwähnt er ausdrücklich, "sonst wird uns wieder Vereinnahmung vorgeworfen". Vor Kurzem wurden die Scheiben des Nachbarschaftsladens, in dem er sein Büro hat, eingeworfen und "Nazis raus" und "Teuchert aufs Maul" an die Wände geschmiert. Auf ultralinken Internetseiten wird er als einer bezeichnet, der glaube, sich den Park mit seinem "höheren Einkommen und sozialem Status erkaufen" zu können. Momentan leben Teuchert, seine Freundin und ihre zwei Kinder von der halben Stelle, die das Projekt vom Bezirk finanziert bekommt, den Rest stocken sie mit ALG II auf. "Wir sind unverbesserliche Idealisten", findet er. "Auch wenn es sich manchmal so anfühlt, als würde man einen riesigen Berg an Aufgaben mit dem Teelöffel abtragen."