Süddeutsche Zeitung

Drogenfahnder im Interview:"Jede Körperöffnung wird als Versteck genutzt"

Lesezeit: 4 min

An der Wand hängen Ölschinken im Goldrahmen. Kunst? Natürlich nicht, sagt Christian Martin, 52. In diesen Rahmen hat er einst Kokain gefunden - und sie als Erinnerung aufgehängt. In seinem Büro zeigen Schwarz-weiß-Fotos ein Wirrwarr an Schläuchen und Glaskolben. "Drogenlabor aus dem Jahr 1995" steht unter einem Bild - noch eine Entdeckung aus dem Alltag des Ersten Kriminalhauptkommissars beim Rauschgiftdezernat des Landeskriminalamtes in München.

Von Anna Fischhaber

SZ: Herr Martin, Sie sind Drogenfahnder. Erinnern Sie sich noch an Ihren spektakulärsten Fund?

Christian Martin: Natürlich, das war 2006 - 100 Kilogramm Heroin. Damals war das der größte Fund der vergangenen zehn Jahre. Wir hatten einen Tipp von einer anderen Dienststelle bekommen. Allerdings nur mit der Beschreibung des Lastwagens und der Information, dass er aus Österreich kommt. Da brauchte es viel Manpower, um alle Zufahrtsstraßen zu kontrollieren. Und ein bisschen Glück. Wir haben den Wagen schließlich auf einem Parkplatz an der A 8 am Irschenberg entdeckt. Die Drogen waren schnell gefunden: Der Fahrer hatte sie in fünf Reisetaschen mit je 20 Kilogramm versteckt und zur Ladung gepackt. Andere sind da viel kreativer.

Was sind originellere Verstecke?

Wir haben schon alles erlebt: vom Reserverad bis zum doppelten Boden im Tank. Oder im Laderaum wird ein Hohlraum ausgenutzt und wieder original verschweißt. Es braucht schon einen Rauschgifthund, um so etwas zu entdecken. Aber auch viele Beamte, die auf der Straße ständig Kontrollen durchführen, haben einen siebten Sinn entwickelt: Einmal hat ein Kollege drei Feuerlöscher in einem Lkw entdeckt, eigentlich sind nur zwei vorgeschrieben. Die Erklärung des Fahrers war: Er muss den dritten seinem Kollegen mitbringen, dem sei einer abhanden gekommen. Der Beamte wurde misstrauisch, der Fahrer wirkte einfach nicht so, als ob ihn Vorschriften interessieren. Im Endeffekt war in den Feuerlöschern dann kein Löschpulver, sondern Heroinpulver - zwölf Kilogramm.

Wie kommt das Heroin nach Bayern?

Die Droge wird in Lkws vor allem aus Afghanistan nach Bulgarien und in die Türkei und dann weiter über den Landweg, die Balkanroute und Bayern, nach Holland gebracht. Von dort wird das Heroin in kleineren Tranchen weiterverteilt. Wenn wir am Flughafen kontrollieren, finden wir eher Kokain. Meistens bei Passagieren, die mit Maschinen aus Südamerika kommen.

Haben die Passagiere die Drogen verschluckt?

Im Prinzip wird jede Körperöffnung als Versteck genutzt - bis zum Verschlucken. Manche Bodypacker haben bis zu einem Kilo Drogen im Magen und leben sehr gefährlich. Wenn die Verpackung aufplatzt und sich das Kokain im Körper ausbreitet, kann das schnell lebensgefährlich werden. Dessen sind sich die Kuriere aber oft gar nicht bewusst. Wir brauchen dafür zwar immer eine Röntgenaufnahme oder ein Geständnis, aber trotzdem erwischen wir einmal im Monat einen Bodypacker am Münchner Flughafen. Über die Dunkelziffer kann man nur spekulieren.

Aus Serien kennt man vor allem den Typ verdeckter Ermittler, der bei der Drogenmafia eingeschleust wird. Arbeiten Sie auch so?

Natürlich haben wir auch V-Männer und Informanten. Und wir schleusen Ermittler in Clans ein. Allerdings kann ich dazu nicht mehr sagen - das würde die Beamten gefährden. Das sind Langzeitprojekte.

Sind Rauschgifthändler brutaler als andere Verbrecher?

Die Drogenszene ist definitiv gewaltbereiter, vielleicht auch weil die Straferwartungen höher sind als beispielsweise bei einem Einbruch. Ich werde nie vergessen, wie wir einmal einen Kleindealer verhaftet haben. Er hatte die Hand in der Tasche und hat kurz gezögert. Bei der Durchsuchung habe ich später gesehen, dass er eine geladene Pistole in der Hosentasche hatte.

Wie schützt man sich vor so etwas?

Keine Routine aufkommen lassen, jeden Fall neu bewerten, immer vom Schlimmsten ausgehen. Die Frage ist natürlich auch immer: Wer ist den entscheidenden Schritt voraus?

Und wer ist diesen Schritt voraus?

Meistens sind es die Täter. Vor einigen Jahren gab es den sogenannten Italienkurier: Italiener kauften Kokain in Holland und brachten es per Leihfahrzeug in ihre Heimat. Ein, zwei Jahre lang haben wir jede Woche jemanden festgenommen und die Kontrollen verstärkt. Irgendwann hat sich das verlagert: Diese Fahrten gibt es sicherlich nach wie vor - aber eben nicht mehr durch Bayern. Der Vorteil der Täter ist: Sie kennen keine Landesgrenzen, wir theoretisch auch nicht - aber natürlich gibt es bürokratische Hürden.

Wie hat das Internet den Drogenhandel verändert?

Mittlerweile kann man jede Droge im Netz bestellen. Der Konsument kauft eine Menge X beim bestmöglichen Verkäufer. Das kann man sich vorstellen wie bei Amazon oder eBay. Die Händler haben ein gewisses Ranking. Für uns stellen sich bei solchen Fällen oft mehrere Probleme: Internet ist natürlich nicht gleich Internet, hier geht es um das Dark Net mit entsprechender Verschlüsselung. Zudem ist nur ein Klick nötig, egal ob ich Ware in Holland, China oder Neuseeland bestelle. Und dann müssen wir ermitteln, wer welchen Tatbeitrag hatte. Oft ist in solchen Fällen der Warenbesitzer nicht der Versender.

Was sind die Täter für Typen? Aus Breaking Bad kennt man den biederen Chemielehrer ...

Den typischen Drogenhändler gibt es nicht, das geht durch alle sozialen Schichten. Ähnlich ist es beim Drogenkoch. Manchmal haben wir aber wirklich Chemielehrer, die sich zu Hause ein illegales Labor eingerichtet haben. 2014 haben wir zwölf solche Labore für synthetische Drogen in Bayern entdeckt. Meistens sind die Betreiber allerdings Konsumenten, die sagen: Das kann ich selber, das ist billiger.

Ist das so einfach?

Anleitungen für die Herstellung von Amphetaminen kann man heute im Netz runterladen, da braucht es kein Chemiestudium. Die Grundstoffe sind frei verkäuflich - Aceton beispielsweise hat jeder daheim in der Garage stehen. Es kann natürlich immer etwas schiefgehen: Wir hatten kürzlich einen Fall, wo die Synthese nicht optimal funktioniert hat und es in einem illegalen Labor im Speicher eines Einfamilienhauses eine Verpuffung und mehrere Explosionen gab. Der Dachstuhl wurde um einen halben Meter versetzt. Zum Glück waren die Laborbetreiber nicht daheim, sonst hätte es sicher Tote gegeben.

Wird auch Crystal Meth in Bayern hergestellt?

Kaum, auch professionelle Verteilerstrukturen gibt es dafür fast nicht. Dennoch ist Crystal Meth natürlich ein Problem, vor allem im Grenzbereich. Meist wird es auf Asiamärkten in Tschechien erworben und dann über die Grenze gebracht. Diese Märkte haben sich auf Produktpiraterie, Zigaretten, Alkohol und Crystal spezialisiert. Und aufgrund der Eigenproduktion in Tschechien ist das auch relativ günstig.

Wie sieht es aus mit Cannabis?

Den größten Anteil - sowohl was den Schmuggel als auch was den Konsum angeht - macht in Bayern immer noch Cannabis aus. Das sind etwa 50 Prozent aller Delikte, allerdings oft kleinere Fälle: Mal finden wir ein paar Pflanzen auf einem Balkon, mal auf einem Maisfeld. Profi-Plantagen sind relativ selten.

Was passiert mit den konfiszierten Drogen?

Unsere Chemiker machen ein Wirkstoffgutachten. Wenn ich 100 Gramm Heroin sicherstelle und nächste Woche wieder 100 Gramm, sind die nicht gleich - nicht was den Wirkstoffgehalt angeht, nicht was den Gewinn angeht und nicht was die Strafe angeht. Je besser die Qualität, umso teurer ist der Stoff und umso höher die Strafe. Nach Abschluss des Verfahrens werden die Drogen verbrannt.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2718443
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.