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Dresden:Endlich gute Nachrichten

Eröffnung Kraftwerk Mitte

Das Kulturkraftwerk ist ein Ort mit vielen Möglichkeiten: Es gibt hier junges Theater, die Staatsoperette, ein Energiemuseum und eine Kunsthalle.

(Foto: Sebastian Kah/dpa)

Das 100 Millionen Euro teure "Kulturkraftwerk Mitte" ist fertig und spielbereit - ein Bauwerk, das den Bewohnern der gebeutelten Stadt an der Elbe auch ein wenig Mut machen soll. Eindrücke von der Eröffnung.

Der Name Dresden ist aus dem Altsorbischen abgeleitet, er benennt die hier sesshaft gewordenen "Sumpfwaldbewohner", und das passt insofern ganz gut, als die Stadt gegenwärtig wieder als Mordor wahrgenommen wird, als zumindest geistiges Sumpfland. Die schlechten Nachrichten aus der Welt und speziell aus Dresden waren zuletzt so zahlreich, dass die hiesige Regionalpresse nun publizistisch dagegenzuhalten versucht. Die Sächsische Zeitung hat kürzlich einen neuen Versuch unternommen und vermeldet unter dem Etikett "Gut zu wissen" nun täglich Erbauliches aus Stadt und Land.

Sehr gut zu wissen ist, was am Freitagabend in Dresden passiert ist, als Oberbürgermeister Dirk Hilbert sich an ein als Starkstromgenerator verkleidetes Pult stellte und anhob, er wolle "im Namen der Bürger dieser Stadt" Danke sagen. Das klang nach Batmans Gotham City, zumindest aber nach dem Berlin Ernst Reuters, und kaum geringer sind in der Stadt die Erwartungen an das auf diese Weise von Hilbert eröffnete Kulturkraftwerk Mitte. Für etwas mehr als 100 Millionen Euro bekommt Dresden in seinem wunden Herzen ein Zentrum für Operette, Jugendtheater, Kreativität.

Diese gute Nachricht besteht aus vielen kleineren guten Nachrichten. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit eine Aufzählung: Das Kulturkraftwerk wird Spielstätte des Theaters Junge Generation (tjg), 90 000 Zuschauer im Jahr und wertstabiles Erinnerungsgold, dessen Besuch zu jeder Dresdner Kinderbiografie genauso gehört wie eine Fahrt mit der Parkeisenbahn oder ein Eis von Haselbauer oder Pau Pau. Ins Kraftwerk zieht zudem die Staatsoperette, ein einzigartiges Operettentheater für all jene, denen das Programm der Semperoper alternierend zu künstlich-künstlerisch oder zu radebergertouristisch erscheint. Beide Häuser rücken damit ins Zentrum, das tjg aus Cotta, die Operette aus Leuben, beides Stadtteile, die offiziell zu Dresden gehören, von Zentraldresdnern aber als vorstädtisch wahrgenommen werden. Im Kulturkraftwerk Mitte wird es ein Energiemuseum geben, eine Kunsthalle und Probenräume nicht nur für das städtische Konservatorium.

Und dann gibt es ja auch noch "Dresdens neues Wahrzeichen", der Kulturpalast, der fast fertig ist

39 000 Quadratmeter groß ist das Areal, mehr als drei Jahre wurde geplant und gebaut, 25 Kilometer verspanntes Stahlseil, 115236 gebohrte Löcher, 1100 neue Scheinwerfer. Viel wichtiger aber ist, wofür dieses Gelände steht und wie es helfen könnte, das zuweilen anämische Zentrum der Stadt zu beleben. Bis Mitte der Neunziger war das Kraftwerk Mitte ein wirkliches Kraftwerk gewesen, es verstromte Braunkohle und hörte auf den Namen "Panzerkreuzer Aurora", die riesigen Schlote erinnerten in städtebaulicher Scharade an die Oktoberrevolution. Aus dem Kraftzentrum wurde dann eine Brache, und wenn diese das Bewusstsein der Dresdner nicht tagtäglich trübte, dann nur, weil die Stadt mit dem "Wiener Loch" am Hauptbahnhof die Dinge noch abenteuerlicher nicht auf die Reihe bekam.

Am Freitag, bei der Eröffnung, sitzen im Publikum vor Hilbert gleich vier ehemalige Dresdner Oberbürgermeister, sie alle waren auf ihre Weise mit dem Kulturkraftwerk betraut. Umso wichtiger erschien es Hilbert, zu betonen, dass "kein Intendant, kein Künstler und auch kein Politiker sich je wird rühmen können, dies sei sein Haus". Es solle ein Haus der Dresdner werden, und architektonisch zumindest ist dieses Angebot schon einmal gelungen formuliert. Das alte Kraftwerk, ein Industriebau aus dem 19. Jahrhundert, wurde fassadenwahrend entkernt, die vier Bühnen wurden als autarke Neubauten hineingewürfelt. Der Kraftwerkspark verschüchtert nicht durch Opulenz, er lädt ein mit Vielgestaltigkeit von tonnenschweren Stahlkränen unter dem Dach bis zum bunten Sesselplüsch der neuen Säle. Genau dort soll es mit dem neuen Miteinander im Kleinen ja losgehen: In einem Saal für das tjg gibt es keine Sessel, sondern vor allem Sitzbänke, die wahlweise von zwei Erwachsenen oder drei Kindern genutzt werden können.

Dirk Hilbert sagte, in diesem neuen Zentrum könne "die Stadt wachsen, nicht nur baulich, sondern geistig". Er fragte die Bürger seiner Stadt, ob sie es schafften, "in uns selbst den Horizont zu erweitern". Und er gab einen Teil der Antwort bereits vor, als er prognostizierte, dass diese Horizonterweiterung wenn dann ja wohl hier gelingen könne, in einem Haus, das ein Beleg sei "für einen nach Freiheit strebenden Geist". Diese nach Entschiedenheit strebende Rede war in gewisser Weise überraschend, denn auch Hilbert hatte die Vereinnahmung seiner Stadt durch die große Minderheit von zum Beispiel Pegida-Demonstranten lange eher zögerlich beobachtet. Gerade aber erscheint es, als wollten die Stadt und ihre Bürger in einem beherzten Versuch doch noch auf die Füße kommen und nach vorne laufen.

Das Kulturkraftwerk Mitte könnte dabei eine Rolle spielen. Dresden beschreibt sich in Werbung und Wahrnehmung stets als Kulturstadt, zur Wahrheit gehört aber auch, dass ein guter Teil dieser Kultur kaum noch helfen wird, neuen Frieden zu stiften. So ist es bei einem Teil des Bürgertums gute Tradition, sich alljährlich ins Deutsche Requiem in der Kreuzkirche zu drängeln - wenn es darin aber donnert, man habe "keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir", dann bleibt dies unübertragen auf die eigene Gegenwart, es bleibt Hebräer 13, 14. Staatsoperette und tjg jedenfalls machten schon in ihrer Eröffnung deutlich, dass sie der Stadt nicht nur Wiederholungen des längst Liebgewonnenen anbieten wollen. In einer überdrehten Revue präsentierte die Operette "sämtliche Werke, leicht gekürzt", zum überraschenden Superknutsch des Abends avancierte ein Plüschhase in Neonrosa, der im Programmpunkt "Maschinenballett" durch eine Leistungsschau der Bühnentechnik tänzelte.

Der Hase tänzelte noch im Kopf, als das Premierenpublikum im Gehen Goodie Bags in den Farben der Stadt nachgeschmissen bekam. Auch in diesen steckt ein Stück Dresdner Hoffnung. Kam man also gerade von der Eröffnung eines teuren, zentralen und gewaltigen Kulturareals, fand man in der Tüte eine Broschüre, in der Oberbürgermeister Hilbert für "Dresdens neues Wahrzeichen" warb. Gemeint ist damit nicht etwa das Kraftwerk Mitte, sondern der Kulturpalast ein paar Hundert Meter weiter, dessen Wiedereröffnung als kleine Elbphilharmonie, Humorzentrale und Zentralbibliothek Ende April 2017 bevorsteht.