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Drei Wochen nach Beginn der Katastrophe:Japan verweigert Ausweitung der Sperrzone

Weil außerhalb des evakuierten Gebiets hohe Strahlenwerte gemessen werden, empfiehlt die Internationale Atomenergieagentur, weitere Orte zu räumen - Japans Regierung hält das aber nicht für nötig.

Japan plant vorerst keine Ausweitung der Evakuierungszone um das havarierte Atomkraftwerk Fukushima. Es gebe im Moment keine sofortigen Pläne für einen solchen Schritt, sagte Regierungssprecher Yukio Edano. Er reagierte damit auf Empfehlungen der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA). Man werde aber ausgehend von IAEA-Daten den Boden um das AKW intensiver auf Strahlen untersuchen, sagte der Sprecher.

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Ein Greenpeace-Mitarbeiter misst mit einem Geigerzähler die Radioaktivität in der Stadt Iitate - genau wie die Umweltorganisation stellte hier auch die Internationale Atomenergieagentur eine hohe Strahlung fest.

(Foto: Christian Aslund/AFP)

Zuvor hatte die bisher mit Empfehlungen eher zurückhaltende IAEA Japan zur weiteren Evakuierung eines 40 Kilometer vom Atomkraftwerk Fukushima entfernten Ortes geraten. In dem Dorf Iitate, das nordwestlich des Kraftwerks liegt, hätten Teams der Atomagentur die höchsten Strahlungswerte gemessen, sagte IAEA-Experte Denis Flory. "Eine erste Beurteilung deutet darauf hin, dass eine der IAEA-Kriterien für die Evakuierung überschritten wurde", sagte Flory dazu.

Nach Messungen der IAEA waren die im Boden gefundene Konzentration von radioaktivem Jod mehr als doppelt so hoch wie der von der UN-Agentur empfohlene Grenzwert, nach dem evakuiert werden sollte. Das Verhalten der japanischen Behörden werde IAEA-intern eher als zögerlich bewertet, hieß es aus der Agentur. Die IAEA hat im Bereich der nuklearen Sicherheit kaum Kompetenzen und kann Mitgliedsstaaten nur Ratschläge geben, aber nichts anordnen.

Man habe Japan geraten, sich die Situation in dem Ort genau anzusehen, sagte Flory. In Iitate leben verschiedenen Angaben zufolge zwischen 6000 und 7000 Menschen. Auch die Umweltorganisation Greenpeace hatte bereits nach eigenen Messungen die Evakuierung des Ortes und eine Ausweitung der Evakuierungszone von 20 auf 40 Kilometer gefordert. Die Messungen in Iitate bedeuteten nicht, dass auch das Gebiet um das Dorf betroffen sei und die Evakuierungszone insgesamt auf 40 Kilometer ausgeweitet werden sollte, sagte Flory. Die IAEA hatte innerhalb eines Gebietes von 25 bis etwa 60 Kilometern rund um das Kraftwerk an neun Orten die Radioaktivität gemessen. Die Werte schwankten nach ihren Angaben sehr stark, in dem Dorf seien sie deutlich am höchsten gewesen.

Die Situation ist nach Einschätzung von IAEA-Chef Yukiya Amano "weiterhin sehr ernst" und die Bemühungen, diese Krise zu überwinden, würden zunehmen. Vom 20. bis 24. Juni sollen nun nach seinem Willen in Wien die Regierungen der Welt über die Konsequenzen aus dem Atomunfall für die nukleare Sicherheit beraten. Es seien Einladungen an die Regierungen der 151 Mitgliedsstaaten verschickt worden, sagte der Japaner.

In Fukushima selbst mussten die Helfer erneut Rückschläge hinnehmen, nachdem sie am Mittwoch begonnen hatten, die Trümmer des Krisenmeilers Fukushima-1 mit Kunstharz zu besprühen, um die Strahlung einzudämmen. Als am Donnerstagmorgen Regen einsetzte, sah sich der Betreiber Tepco dazu gezwungen, die mit unbemannten und ferngesteuerten Flugzeugen durchgeführte Operation einzustellen.

Strahlung im Pazifik steigt

Trotz aller Notmaßnahmen stieg die Radioaktivität vor der Küste weiter: Im Meerwasser nahe des AKW seien Jod-Partikel mit einer 4385-fach höheren Konzentration als erlaubt gemessen worden, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo am Donnerstag - am Mittwoch wurde noch eine 3355-fach höhere Konzentration von Jod-131 gemessen, was bis dato einen Rekordwert darstellte.

Knapp drei Wochen, nachdem die Atomkatastrophe von Fukushima durch ein Erdbeben und einen anschließenden Tsunami ausgelöst wurde, haben die Vereinten Nationen die Informationspolitik der japanischen Behörden und die Betreiberfirma Tepco kritisiert. "Was im Augenblick für viele am schwersten nachzuvollziehen ist, ist die Frage, wieso Information, deutliche, klare, präzise Information, so schwierig zu bekommen ist", sagte der Leiter der UN-Umweltbehörde UNEP, Achim Steiner, der Berliner Zeitung.

Der deutsche Spitzenpolitiker warnte zudem vor weiteren drohenden Reaktorunfällen. Mindestens zwanzig, dreißig Reaktoren der Fukushima-Bauart seien weltweit in Betrieb - "auch in erdbebengefährdeten Gebieten". Steiner kritisierte auch die bisherige Risikoabschätzung beim Bau von Meilern in geologisch so schwierigen Regionen wie Japan. Es stelle sich im Nachhinein schon die Frage, warum man bei den Szenarien eine Folge von Erdbeben und Tsunami nicht vorausgesehen habe, so Steiner.

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy wird am Donnerstag als erster ausländischer Staatschef seit der Katastrophe in Japan erwartet. Zuvor traf bereits die Chefin des französischen Atomkonzerns Areva, Anne Lauvergeon, mit fünf Experten in Japan ein, um in der Atomkrise zu helfen. Sie sind auf die Behandlung radioaktiven Abwassers spezialisiert.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hingegen telefonierte mit Japans Ministerpräsidenten Naoto Kan und sagte Hilfe zu. Kan habe versichert, dass Japan die internationale Gemeinschaft weiter umfassend über das Krisenkraftwerk Fukushima unterrichten werde. Nach Angaben von Regierungssprecher Steffen Seibert im Internet-Kurznachrichtendienst Twitter prüfe die japanische Regierung ein deutsches Angebot für den Einsatz von Spezialrobotern. Im Kampf gegen einen Super-GAU wird am Donnerstag weitere Technik aus Deutschland nach Japan geflogen.

© dpa/AFP/mob/feko

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