Süddeutsche Zeitung

Hurrikan "Dorian":Das Monster wütet

  • Der extreme Hurrikan Dorian hat auf den Bahamas schwere Verwüstungen angerichtet.
  • Laut den Behörden leben in den vom Sturm betroffenen Gebieten etwa 100 000 Menschen, gut ein Viertel der Bevölkerung. Viele von ihnen dürfte Dorian obdachlos gemacht haben.
  • Für Florida dagegen hat sich die Prognose derweil etwas verbessert.

Der extreme Hurrikan Dorian hat auch am Montag im Norden der Bahamas gewütet. Am Sonntagnachmittag war der Sturm der maximalen Kategorie 5 auf den Abaco-Inseln mit voller Wucht auf Land getroffen. Mit andauernden Windgeschwindigkeiten von 300 Kilometern pro Stunde und noch heftigeren Böen war er ebenso stark wie der Labor-Day-Hurrikan, der 1935 auf die Florida Keys traf. Noch mächtiger war nur Hurrikan Allen im Jahr 1980, der jedoch Landflächen erst abgeschwächt erreichte.

Am Montag wurde zwar auch Dorian, den US-Präsident Donald Trump ein "Monster" nannte, etwas schwächer, der Wind verlangsamte sich auf rund 270 Kilometer pro Stunde. Auch das reichte aber noch, um auf der Insel Grand Bahama Dächer abzureißen, Strommasten umzuknicken und Autos aufs Dach zu werfen. An der Küste trieb der Sturm das Wasser bis zu sieben Meter über das normale Niveau. "In manchen Gebieten kann man nicht erkennen, wo die Straße ist und wo der Ozean anfängt", sagte Hubert Minnis, Premierminister der Bahamas. Dem Nassau Guardian zufolge nannte der ausgebildete Arzt den Tag unter Tränen den "traurigsten und schlimmsten" seines Lebens. Für die besonders gefährdeten Gebiete gilt seit Freitag ein Evakuierungsbefehl. Viele Einwohner blieben aber dennoch in ihren Häusern, ihr Schicksal ist unklar.

Erst von Mittwoch an, wenn der Sturm weitergezogen ist, sollen Hilfsteams auf den Abacos im Einsatz sein. Laut den Behörden leben in den vom Sturm betroffenen Gebieten etwa 100 000 Menschen, gut ein Viertel der Bevölkerung. Viele von ihnen dürfte Dorian obdachlos gemacht haben. Anfangs bewegte sich der Sturm mit rund elf Kilometern pro Stunde westwärts, am Montag stand er über Grand Bahama Island nahezu still. Entsprechend lange dauern die zerstörerischen Windgeschwindigkeiten an, unterbrochen nur vom Durchzug des Auges, das etwa acht Kilometer misst. Der Bereich der Hurrikan-Winde war am Montag etwa 145 Kilometer breit. Der Wiederaufbau auf den Bahamas wird womöglich Jahrzehnte dauern. Experten der Schweizer Großbank UBS rechnen für das gesamte erwartete Durchzugsgebiet mit einem versicherten Gesamtschaden von 25 bis 40 Milliarden Dollar.

Aus der Perspektive der Einwohner von Florida hat sich die Prognose derweil etwas verbessert. Das liegt an den Wetterbedingungen in der Region. Atlantik-Hurrikans entstehen meist in den Tropen und ziehen dann in nordwestlicher Richtung auf Nordamerika zu. In der Nähe des Kontinents werden sie dann meist von Luftströmungen auf eine weite Rechtskurve entlang der Küste gelenkt.

Dorian jedoch wurde stattdessen zunächst von einem ausgeprägten Hoch über den Bermudas auf eine bedrohliche Linkskurve geschoben, auf Florida zu. Nachdem dieses Hoch sich aufgelöst hat, dürfte der Sturm nun laut der Vorhersage des National Hurricane Center der USA vom Montagmittag eher nicht direkt auf Florida treffen, sondern sich über die kommenden Tage entlang der Küste nach Norden bewegen. Aber auch wenn Dorian nicht auf Festland treffen sollte, bleibt die Gefahr groß; starke Winde, Flutwellen und extreme Regenfälle sind weiter möglich. In den Küstengebieten der US-Bundesstaaten Florida, Georgia und South Carolina wurden mehr als eine Million Menschen aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen.

Für viele von ihnen ist es bereits das dritte oder vierte Mal innerhalb weniger Jahre. Dorian ist der fünfte Hurrikan der Kategorie 5 in nur vier Jahren, nach Matthew im Jahr 2016, Irma und Maria 2017 sowie Michael 2018. Eine ähnliche Folge gab es seit dem Beginn systematischer Messungen Anfang des 20. Jahrhunderts nur von 2003 bis 2005. Schon seit 1970 häufen sich die stärksten Atlantik-Wirbelstürme, von den 35 erfassten Hurrikans der maximalen Kategorie traten 13 im 21. Jahrhundert auf.

Der nächste Wirbelsturm kommt bestimmt

Der Verdacht liegt nahe, dass das auch am Klimawandel liegt - schließlich ist die zentrale Vorbedingung für die Bildung eines Tropenwirbelsturms eine Wassertemperatur von mindestens 26 Grad Celsius. Der aufsteigende Wasserdampf gibt dem Sturm seine zerstörerische Energie; je wärmer das Wasser, desto höher die maximal mögliche Windgeschwindigkeit. Eindeutig nachweisen lässt sich der Zusammenhang bislang aber kaum, sagt Michael Botzet vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg: Mit den wenigen Beobachtungen solcher Extremereignisse könne man statistisch nicht fundiert arbeiten.

Viele Modelle deuten darauf hin, dass es künftig insgesamt weniger Tropenwirbelstürme, aber mehr extreme Exemplare der Kategorien 4 und 5 geben könnte, die zudem größere Regenmassen und wegen des steigenden Meeresspiegels auch stärkere Sturmfluten mit sich bringen. "Die Entstehung eines tropischen Wirbelsturms ist eine hochkomplexe Angelegenheit, das hängt nicht nur von der Wassertemperatur ab", sagt Botzet. Auch die Winde in größeren Höhen sind entscheidend, und auch diese Systeme bringt der Klimawandel durcheinander. Sicher ist nur: Der nächste Wirbelsturm kommt bestimmt. Erst im November endet die Saison.

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SZ vom 03.09.2019/moge
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