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TV-Wahlkampfdebatte:Zur Ehrenrettung des Clowns

Demonstrators gather to march on International Migrants Day

Schon vor vier Jahren bezeichneten Demonstranten in den USA den damals neu gewählten Präsidenten als gruseligen Clown.

(Foto: Mike Nelson/dpa)

Joe Biden beschimpft Donald Trump als Clown. Zu viel der Ehre? Das Verhalten des Präsidenten erinnert zwar oft an eine Zirkusnummer, doch eigentlich fehlt ihm der Charakter, als wahrer Clown zu bestehen.

Eine Stilkritik von Christian Mayer

Das erste TV-Duell zwischen dem Amtsinhaber und dem Herausforderer im Kampf um die amerikanische Präsidentschaft hatte viele peinliche Momente und ein prominentes Opfer. Und ausnahmsweise war es nicht der aggressiv auftretende Donald Trump, der ausfällig wurde, sondern Joe Biden - in einem Moment, als ihm während der chaotischen Debatte der Geduldsfaden riss: Ob irgendeiner wisse, was dieser Clown da neben ihm für einen Unsinn rede?

So weit ist es gekommen mit dem Spaßmacher, der lange Zeit hohe Wertschätzung erfuhr: Der Clown sollte die Menschen zum Lachen bringen, nicht zum Verzweifeln; er sollte ihnen den Spiegel vorhalten und ihnen zeigen, dass in der Sinnlosigkeit der Welt eine groteske Schönheit liegt. Von der ursprünglichen Wortbedeutung, die das Tölpelhafte, die bäuerliche Herkunft der Figur betonte, entfernte sich der Clown immer weiter, er gewann im 17. und 18. Jahrhundert etwa in den Stücken von Molière und Goldoni an Raffinesse und Tiefgang: Selbstbewusst und respektlos trat er nun im Theater auf, im 19. Jahrhundert eroberte er mit seinen artistischen Einlagen und seinem Wortwitz auch den Zirkus. Einer der berühmtesten Vertreter dieser Kunstform war der Engländer Joseph Grimaldi, der mit roten Lippen und geschminkten Wangen das Publikum in London zu wahren Begeisterungsstürmen hinriss, "Old Joe" wird bis heute als Erfinder des Slapstick verehrt.

Es ist daher Zeit für eine Ehrenrettung: Trump ist alles andere als ein Clown im eigentlichen Sinne. Er zeigt bei öffentlichen Auftritten zwar Züge, die an eine Zirkusnummer erinnern: Seine grelle Egozentrik, seine rhetorische Sprunghaftigkeit, seine exzentrische Frisur passen durchaus ins Varietétheater. Aber für die Figur fehlt ihm eindeutig der Charakter: Nur wer den Mut hat, sich selbst bloßzustellen und nicht nur die anderen, verdient den Respekt des Publikums.

Große Clowns in der Tradition eines Charlie Chaplin und Bernhard Paul sind Menschenfreunde. Groteske Überzeichnungen wie im Hollywoodfilm "Joker", in dem Joaquin Phoenix einen psychopathischen Horrorclown aus der Hölle von Gotham City spielt, haben das Renommee der Figur bereits beschädigt. Das Clown-Zitat von Joe Biden gibt ihr nun den Rest. Ach, wenn es nur wahr wäre, und man könnte über den Mann im Weißen Haus befreit lachen.

© SZ/lot
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