Kriminalität:„Der Verlust eines Kindes zerreißt einem das Herz“

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Tagelang hatten bis zu 400 Polizisten nach der vermissten Grundschülerin gesucht. (Foto: Robert Michael/dpa)

Tagelang suchte die Polizei in Sachsen nach der neunjährigen Valeriia. In einem Waldstück, ganz in der Nähe ihres Zuhauses, wurde ihre Leiche gefunden – dabei hatte eine Anwohnerin schon viel früher Hinweise gegeben.

Von Alexandra Ketterer

Neun Tage hat die Polizei im sächsischen Döbeln gesucht, bis zu 400 Polizisten, dazu Drohnen, Hubschrauber und Spürhunde waren im Einsatz, jetzt haben die Eltern die traurige Gewissheit: Die neunjährige Valeriia ist tot. Die Polizei geht von einem Verbrechen aus, gab sie in einer Pressekonferenz am Mittwoch bekannt. Tief im Unterholz, etwa vier Kilometer fußläufig vom Elternhaus entfernt, entdeckten Polizisten in einem Waldstück die Leiche des Mädchens.

„Wir können davon ausgehen, dass das Kind gewaltsam zu Tode gekommen ist“, sagte Ingrid Burghart, Sprecherin der Chemnitzer Staatsanwaltschaft. Der Todeszeitpunkt konnte bisher nicht festgestellt werden. Es gebe keine Hinweise darauf, dass das Mädchen einem Sexualdelikt zum Opfer gefallen sei. Ermittelt werde nun wegen Totschlags und Mordes, so Burghart. Einen Tatverdächtigen gibt es bislang nicht. Die Ermittlungen würden sich allerdings auf den sozialen Nahbereich der Familie konzentrieren.

Anwohner sollten in ihren Gärten, Kellern und Garagen Ausschau halten

Bei der tagelangen Suche nach dem Mädchen in der Umgebung von Döbeln waren die Anwohner aufgefordert worden, in ihren Gärten, Kellern und Garagen nach dem Mädchen Ausschau zu halten. Alle wollten helfen, deshalb hatten sich auch private Suchtrupps gebildet.

Die Polizei fand den leblosen Körper schließlich am Dienstagnachmittag abseits jeglicher Wege tief im Wald. Es handele sich um ein Waldgebiet zwischen Hermsdorf und Mahlitzsch, südlich von Döbeln. Laut Staatsanwaltschaft sei der Fundort auch der Tatort gewesen.

Wurde dem Hinweis einer Zeugin nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt?

Hätte man das Mädchen schon früher finden können? Bereits zwei Tage nach Valeriias Verschwinden, so räumte Mandy Kürschner, Leiterin der Kriminalpolizeiinspektion Chemnitz ein, sei der Hinweis einer Zeugin eingegangen, wonach sie Schreie aus Richtung des Waldgebiets gehört habe. Die Frau habe allerdings nur eine grobe Richtung beschreiben können. „Es war so unkonkret, dass wir es nicht verifizieren konnten“, sagte Kürschner. Doch während der Ermittlungen wurde deutlich, dass das Mädchen und die Mutter viel Zeit in diesem Waldstück verbracht hatten. Daraufhin intensivierten die Ermittler dort ihre Suche.

„Gefühlt scheint die Zeit stillzustehen“, sagte Polizeipräsident Carsten Kaempf. „Der Verlust eines Kindes zerreißt einem das Herz.“ Die Polizei und die Staatsanwaltschaft würden nun alle Anstrengungen unternehmen, um den Täter zu ermitteln und die Gewalttat aufzuklären, so der Polizeipräsident.

Valeriia hatte sich am 3. Juni auf dem Weg zur Schule gemacht – kam dort aber nie an. Normalerweise fuhr sie mit dem Bus dorthin. Videoaufnahmen deuteten darauf hin, dass sie an dem Morgen nicht in den Bus eingestiegen war. Die Schule hatte es versäumt, die Mutter über ihr Fehlen zu informieren. Dadurch war Valeriias Verschwinden erst am Nachmittag aufgefallen, als sie nicht nach Hause kam. Die Mutter hatte zunächst alleine nach ihrer Tochter gesucht und sie dann am Abend bei der Polizei als vermisst gemeldet. Nun wird auch ein mögliches Fehlverhalten seitens der Schule untersucht. Versäumnisse können nach Angaben des Landesamtes für Schule und Bildung arbeitsrechtliche Schritte nach sich ziehen.

Mutter wird psychologisch betreut

Die neun Jahre alte Valeriia stammt aus der Ukraine. Mit ihrer Mutter lebte sie seit 2022 in Deutschland. Der Vater des Mädchens ist laut Polizeiangaben nach wie vor in der Ukraine, zu ihm bestand während der Suche aber enger Kontakt. Ihn habe man am Dienstagabend nach dem Fund der Leiche über den Tod der Tochter informiert. Die Mutter des Mädchens wird aktuell psychologisch betreut. „Wir sind auch heute bei ihr“, sagte Polizeipräsident Carsten Kaempf. Auch an der Grundschule in Döbeln stehen Psychologen den Kindern und Lehrern zur Seite.

Auch die Menschen im 24 000-Einwohner-Stadt Döbeln sind von der Tat erschüttert. „Wir alle sind sehr betroffen und schockiert über den Tod der kleinen Valeriia“, sagte Oberbürgermeister Sven Liebhauser (CDU) am Mittwoch. Man habe deshalb beschlossen, das am Wochenende geplante Stadtfest abzusagen. Stattdessen wolle man am Freitagabend auf dem Obermarkt zusammenkommen und mit Kerzen des Mädchens gedenken.

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