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DNS-Panne:Wunder, über die man sich nur wundern kann

Ein Mann, der die Spur einer Frau hinterlässt: Lange galt die DNS-Analyse als ein nahezu unfehlbares Beweismittel, jetzt häufen sich die Zweifel.

Es ist erst ein paar Wochen her, als Rechtsmediziner zu einem Bahngleis in der Nähe von Fürstenfeldbruck gerufen wurden. Ein Mann hatte sich vor einen Zug geworfen. Doch als die Mediziner das Blut untersuchten, das an dem Waggon klebte, da entdeckten sie die DNS einer Frau. Die Polizei begann, nach einer zweiten Leiche zu suchen, denn offensichtlich handelte es sich um einen Doppelselbstmord. Erst als der Zugführer erklärte, er habe definitiv keine Frau gesehen, stutzten die Ermittler.

Ein Segen mit Tücken: Die DNS-Analyse, AP

Ein Segen mit Tücken: Die DNS-Analyse.

(Foto: Foto: AP)

Sie waren einer der vielen Tücken der DNS-Analyse aufgesessen. Denn so faszinierend diese noch recht neue Art der Identifizierung von Spuren ist, so sehr kann sie in die Irre führen. Der Tote vom Bahngleis war definitiv ein Mann, doch er hatte die DNS einer Frau. Er hatte sich einer Knochenmarktransplantation unterzogen und Knochenmark von einer Spenderin erhalten. Fortan produzierte das Knochenmark Blut mit der weiblichen DNS im männlichen Körper.

Es sind solche Fälle, die erfahrene Kriminalisten schon lange am Wundermittel DNS zweifeln lassen. "Wenn wir einen Treffer in der DNS-Datenbank haben, haben wir einen Treffer, aber noch keinen Täter", sagt Eva Schichl, die Leiterin des Erkennungsdienstes im bayerischen Landeskriminalamt. "Wir dürfen die DNS-Analyse nicht mystifizieren. Sie ist kein Allheilmittel." Das ist spätestens seit der Enttarnung des "Phantoms von Heilbronn" auch außerhalb der Kriminalistenszene bekannt. Schon die schiere Menge macht die Daten problemanfällig: 777.880 Datensätze liegen derzeit im Computer des Bundeskriminalamts.

"Die Gefahr, dass DNS-Spuren verunreinigt werden, ist ungeheuer groß", sagt Eva Schichl. Die Labore des Landeskriminalamts sind streng gesichert, an den Türen hängen Schilder, die allen den Eintritt verwehren, die nicht zuvor ihre DNS-Probe abgegeben haben. "Jeder Handwerker, jeder Techniker, jede Putzfrau muss ihre DNS abgeben", sagt Guido Limmer, der Vizechef des Kriminaltechnischen Instituts. Um Fehlspuren wie beim "Phantom von Heilbronn" zu vermeiden, überprüfen die Kriminalisten hier bei jeder Probe die Plausibilität.

Bei 80 Proben laufen zehn Leerproben mit - also Proben, auf denen gar nichts zu erkennen ist. Wenn der Test trotzdem anschlägt, ist etwas faul. Ein eigener Leitfaden erklärt den Polizisten, wie sie Spuren nehmen und Verunreinigungen ausschließen können: mit Mundschutz und Ganzkörperanzug. Natürlich wird die DNS aller Polizisten und Mediziner, die mit dem Fall zu tun haben, überprüft. Und doch ist es auch in München zu einer Spuren-Kontamination gekommen. Die gleiche DNS-Spur, die auf der Kiste gefunden wurde, in der vor 28 Jahren die zehnjährige Ursula Herrmann vergraben wurde, fand sich vor einem Jahr plötzlich am Trinkglas einer getöteten Münchner Millionärin. Bis heute weiß man nicht, wie die Spur verschleppt wurde.

Die Furcht jedoch, dass falsche DNS-Spuren zu einer Verurteilung führen, ist eher unbegründet. Der Bundesgerichtshof hat erklärt, ein Urteil dürfe sich nicht allein auf die DNS stützen. Die Probe könne Fehler enthalten. Auch die Ermittler wissen, dass die DNS vorsätzlich verschleppt werden kann - aus Rache zum Beispiel: Zigarettenkippen mit der DNS des früheren Geliebten, die in der Nähe eines Tatorts verstreut werden. "So was gibt es", sagt Schichl. "Aber es gibt ja auch noch Fingerabdrücke, den Tatort und die Logik."