Disney:Tomorrowland oder Yesterdayland?

Lesezeit: 2 min

Die Benziner in Disneylands Autopia werden bald elektrischen Wagen weichen. (Foto: Media News Group via Getty Images)

Die Benziner-Fahrzeuge der Disneyland-Attraktion "Autopia" sollen durch E-Autos ersetzt werden. Allerdings nur in Kalifornien und nicht in Florida.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Es heißt immer, die "Simpsons" würden so ziemlich alles voraussagen, von der Corona-Pandemie über Trump als US-Präsident bis hin zu Super-Bowl-Auftritten von Lady Gaga. Der klarste Blick in die Glaskugel jedoch gelang dem Disney-Konzern im Jahr 1955 mit seiner Attraktion "Autopia". Dieser, deshalb der Name, Wunschtraum für Autos sollte Besucher einstimmen auf das, was in den USA massiv gebaut werden sollte: mehrspurige Highways, auf denen Leute in schicken Fahrzeugen herumcruisen sollten. Interessante Randnotiz: Als Disneyland und damit auch Autopia am 17. Juli eröffneten, hatte der damalige US-Präsident Dwight D. Eisenhower die Gesetze zum Highway-Bau noch nicht einmal unterzeichnet.

Disneyland-Besucher saßen dann in Autos, die aussahen wie die des jeweiligen Sponsors, so zuckelten sie Stoßstange an Stoßstange über den Rundkurs, hörten das Blubbern der Honda-GX-Motoren und rochen die Abgase. Es ging also durchaus auch um Benziner als Zukunft des Personentransports.

Wer knapp 70 Jahre später an einem Freitagabend durch Los Angeles fährt - die einzige Stadt, in der Entfernungen in Zeit gemessen werden -, stellt fest, dass Disney tatsächlich die Zukunft vorhergesehen hat. Benziner, Stoßstange an Stoßstange, zur Stoßzeit in Schrittgeschwindigkeit. Vom Mulholland Drive in den Hollywood Hills aus sieht es aus, als kröche eine kilometerlange Schlange mit weißen Punkten auf dem Rücken nach Norden - und eine mit roten Punkten nach Süden. Man kann zetern und toben, aber es bleibt wie in Autopia: Schneller geht es nicht. Entfernung zwischen Venice Beach und dem Stadtzentrum von Los Angeles: eine Stunde.

Kalifornien hat sich jetzt aber gesetzlich verpflichtet, dass von 2035 an keine Benzinautos mehr im Bundesstaat an der Pazifikküste verkauft werden. Und wie Disney einst die Amerikaner spielerisch auf mehrspurige Highways vorbereitete, soll Autopia nun die Vision für dieses neue kalifornische Autogefühl sein. Der Konzern hat angekündigt, Benzinautos ausrangieren zu wollen.

Kalifornier sind woke, aber auch sehr verliebt in ihre Autos

Die Ankündigung folgte einem Hinweis von Autopia-Designer Bob Gurr, der anmerkte, dass sich die Disneyland-Gegend Tomorrowland, wo ursprünglich ja einmal futuristische Dinge und Visionen für eine bessere Zukunft gezeigt werden sollten, fast 70 Jahre nach Eröffnung anfühle wie Vergangenheit: "Werdet endlich die grässlichen Benzindämpfe los!"

Das tut der Disney-Konzern nun, er wird die Benziner ersetzen durch E-Autos oder Hybride - allerdings nur in Kalifornien. In der Ankündigung steht kein Wort vom Tomorrowland Speedway in Floridas Disneyworld - was mit den politisch-gesellschaftlichen Unterschieden der beiden Bundesstaaten zu tun haben dürfte. Kalifornien begreift sich als zukunftsorientiert, Florida als traditionsbewahrend. Und vor allem Floridas Gouverneur Ron DeSantis wirft Disney seit Jahren vor, eine "woke Agenda" zu haben (was Kalifornier vermutlich als Lob empfinden, in Florida aber als Schmähung zu verstehen ist). Bei der Kampfabstimmung um den Vorstand kürzlich wurde Disney-Konzernchef Bob Iger aufgefordert, die Firma solle sich aufs Entertainment konzentrieren und aus politisch-gesellschaftlichen Dingen raushalten. Igers salomonische Antwort: "Ich werde mich von Anstand und Respekt leiten lassen - und meinem Instinkt vertrauen."

Heißt: In Floridas Tomorrowland sind auch weiter Benzinmotoren von Briggs & Stratton aus dem Jahr 1971 eingebaut - die findet man heutzutage sonst in Rasenmähern.

Für Designer Bob Gurr ist so was freilich "Yesterdayland". Der 92-Jährige hatte im Gespräch mit der Los Angeles Times gesagt, dass er in Tomorrowland ohnehin fast alles abreißen und eine futuristische Stadt mit ausschließlich öffentlichen Transportmitteln errichten würde.

So weit wird es nicht kommen. Kalifornier mögen woke sein, sie sind aber auch sehr verliebt in ihre Autos. Immerhin hat Kalifornien auch die erste Filiale der Hotdog-Kette Wienerschnitzel - ja, es gibt keine Schnitzel, sondern Würstchen - unter Denkmalschutz gestellt mit der Begründung, sie sei ein "Symbol für die Autokultur in Los Angeles". Also dafür, dass die Leute ihr Auto dank Drive-in nicht mal zum Essen verlassen.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

SZ PlusDeepnudes
:Nackt im Internet

Aus einem harmlosen Schnappschuss ein sexualisiertes Foto zu generieren, ist mittlerweile eine Sache von Sekunden - KI und Apps machen es möglich. Das wird zum Problem, vor allem für Frauen und Kinder.

Von Alexandra Ketterer

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: