bedeckt München 12°
vgwortpixel

Diren-Prozess:Frau des Schützen sah sich als Opfer

  • Im Prozess um die Todesschüsse auf den Hamburger Austauschschüler Diren D. in den USA hat die Lebensgefährtin des Angeklagten weiter ausgesagt - und ihre Wut auf die Einbrecher beschrieben.
  • Sie deutet außerdem ein Missverständnis an: Ihr Mann könnte gedacht haben, dass Diren die Familie bedroht. Die Frau war zuvor von der Verteidigung von Markus Kaarma als treibende Kraft geschildert worden.
  • Diren D. war in die Garage von Kaarma eingedrungen und von diesem erschossen worden. Vor Gericht geht es nun um die Frage: Mord oder Notwehr?

Frau des Angeklagten sagt aus

"Ich wollte nicht mehr das Opfer sein, verletzlich und unsicher", sagt die Frau. Im Prozess um die Todesschüsse auf den Hamburger Austauschschüler Diren D. in den USA hat die Lebensgefährtin des Angeklagten Markus Kaarma ihre Wut auf Einbrecher beschrieben. "Wir haben alles abgeschlossen und ich wollte das Haus zu Fort Knox machen", sagte sie im Gericht in der Stadt Missoula (Bundesstaat Montana). In die Garage des Paars war zuvor bereits zweimal eingebrochen worden.

Dennoch war in der Tatnacht im April die Garage offen, in die der 17-jährige Diren wohl auf der Suche nach Alkohol eindrang und in der er vom Besitzer erschossen wurde. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 30-Jährigen deshalb vor, in Selbstjustiz Dieben eine tödliche Falle gestellt zu haben. Die Verteidigung spricht dagegen von Notwehr. Die am Donnerstag (Ortszeit) begonnene Vernehmung der Frau wurde am Freitag fortgesetzt.

Verteidigung schildert Frau als treibende Kraft

Sie habe sich einen Baseballschläger, der Angeklagte eine Schrotflinte gekauft, um nicht mehr Opfer zu sein, sagte sie. "Wir haben uns beide damit nicht wohlgefühlt, aber wir wollten etwas haben, falls sie zurückkommen." Sie sei es auch gewesen, die die Garage mit Bewegungsmeldern ausgestattet und eine Handtasche neben das Tor gestellt habe. "Ich dachte, wenn ein Dieb reinkommt und sie sieht, denkt er, er hat den Hauptgewinn und haut sofort ab." In der Tasche sei aber nur eine alte Geldbörse mit abgelaufenen Kreditkarten gewesen.

Die Frau war zuvor von der Verteidigung des 30-Jährigen als treibende Kraft geschildert worden. Die Frau sagte jetzt betont locker, fast im Plauderton aus und beschrieb sich als vorsichtig - erst recht, seit beide einen jetzt knapp eineinhalb Jahre alten Sohn hätten. Sie räumte aber ein, dass sie nach dem ersten Einbruch in die Garage die Diebe auf dem gestohlenen Telefon angerufen und beschimpft habe.

Zeuginnen bestätigen Morddrohung

Zuvor hatten drei Friseurinnen die Morddrohungen des Angeklagten bestätigt. Nach zwei Einbrüchen habe er nur Tage vor den tödlichen Schüssen im Gespräch mit den Frauen gesagt, dass er "ein paar Jugendliche abknallen wolle". "Er war total laut und wütend", sagte eine Friseurin. "Er sagte, er habe drei Nächte nicht geschlafen, weil er mit einer Schrotflinte auf der Lauer liege, um ein paar Kids zu töten."

Frau deutet Missverständnis an

Nach der Darstellung der Lebensgefährtin des Schützen könnte ihr Mann gedacht haben, sie selbst und das gemeinsame Baby würden von Diren bedroht. Diren sei nachts in die offene, aber fremde Garage geschlichen. "Ich habe geschrien, mein Gott, er kommt rein! Ich meinte in die Garage. Vielleicht dachte Markus, ich meine das Haus", sagte die Frau.

"Sie waren doch so besorgt wegen der Einbrüche", fragte die Staatsanwältin. "Vor allem wegen des Babys. Markus nimmt die Familie sehr ernst. Er ist ihr Beschützer", antwortete die Frau. Dann schlugen die Bewegungsmelder in der Garage an. "Haben Sie gesagt: Showtime?" fragte die Staatsanwältin. Das hatte Markus Kaarma ausgesagt. "Nein", sagte die Frau, "so etwas sage ich normalerweise nicht."

"Haben Sie gehört, wie Diren sagte: No, no, no, please?", wollte die Staatsanwältin dann wissen. "Ich habe das im Polizeiprotokoll gelesen. Aber damals habe ich unendlich viel gesagt. Ich bin so jemand, der immer versucht, sich einen Reim auf die Sachen zu machen. Ich versuchte einfach, die Bruchstücke zusammensetzen. Aber in Wirklichkeit habe ich überhaupt nichts gehört", erklärte die Zeugin.

Die Staatsanwältin ließ die Tonbandaufnahme vorspielen. Klar und deutlich: "No, no, no, no, please". "Und heute wollen Sie den Geschworenen sagen, Sie hätten nichts gehört", fragte sie noch einmal. Die Frau sagte: "Nein, ich habe nichts gehört." Und weiter: "Nach dem vierten Schuss war er nicht mehr in Lage, irgendetwas zu sagen". Sie sei in der Nacht völlig verwirrt gewesen.

Während sie den sterbenden Diren in den Armen hielt, hat sich die Frau des Todesschützen offenbar noch die Zeit genommen, dessen Personalien zu überprüfen. Auf dem Mitschnitt des Notrufs, der am Freitag im Bezirksgericht von Missoula abgespielt wurde, war zu hören, wie die Frau sagte: "Oh, Scheiße, er ist kein amerikanischer Staatsbürger. Ich habe gerade seinen Ausweis in der Hand." Auf Nachfrage der Notrufzentrale antwortete sie, sie glaube, Diren sei Niederländer, und las dann das Wort "Bundesrepublik" vor.

Direns Eltern im Gerichtssaal anwesend

Als nächster Zeuge sagte der Mitarbeiter einer Firma aus, die Rasenpflege und Insektenschutz anbietet. Als er bei den Kaarmas klingelte, habe niemand aufgemacht, erzählte er. Also nahm er seine Insektenspritze und ging einmal rund ums Haus. Als er dann mit dem Wasserschlauch kommen wollte, habe plötzlich Markus Kaarma in der Auffahrt gestanden: Splitternackt, und mit dem Gewehr im Anschlag. "Ich war zu Tode erschrocken", sagte der Zeuge. "Er schrie: 'Was zur Hölle machen Sie da'. Ich sagte: Ich pflege Ihren Rasen". Dann sei die Frau gekommen und habe geschrien:"'Stop, es ist der Rasenmann". Und Kaarma habe gesagt: "Da habe Sie verdammt nochmal Glück gehabt."

Direns Eltern waren die ganze Zeit im Gerichtssaal. "Wir wollen präsent sein als Eltern, wir wollen zeigen, dass Diren kein Waisenkind ist", sagte der Vater dem Fernsehsender RTL. Der Angeklagte und seine Lebensgefährtin sollten spüren, dass sie eine Familie zerstört hätten. "Sie sollen uns sehen, sie sollen uns in die Augen gucken und sich in unsere Lage versetzen, wie es uns geht, was sie gemacht haben."

Bis zum Urteil werden sich Direns Eltern in der ersten Reihe des Zuschauerraums weiter Details über die letzten Sekunden im Leben ihres Sohnes anhören. Sie sahen bereits Fotos, die unmittelbar vor Direns Tod von einer Überwachungskamera gemacht wurden und Fotos vom weißen Auto des Schützen, voll mit dem Blut ihres Sohnes. "Das ist die härteste Zeit unseres Lebens", sagte der Vater.

In zwei Wochen soll das Urteil fallen. Vor Gericht geht es vor allem um die Frage: Mord oder Notwehr? Die zwölf Geschworenen, acht Frauen und vier Männer, entscheiden zwischen Schuld und Unschuld, der Richter über das Strafmaß.

© SZ.de/dpa/AFP/afis/frdu/hh
Zur SZ-Startseite