Süddeutsche Zeitung

Digitale Lebenswelten:Der tiefe Blues der Plattenindustrie

Die Musikindustrie kämpft ums Überleben. Raubkopien und Musik-Downloads im Internet machen der Branche zu schaffen. Radikale Ideen wie eine virtuelle Musikbibliothek sollen die Rettung bringen.

Die Popmusik-Industrie hatte natürlich auch schon vor dem Jahr 2007 eine Ahnung davon, wie schlecht es um sie steht. Unübersehbar bröckelte schließlich seit Ende der neunziger Jahre das einst so lukrative CD-Geschäft. Zwischen 1997 und 2006 fiel allein in Deutschland der Tonträger-Umsatz um eine Milliarde Euro - von 2,7 auf 1,7 Milliarden.

Die Zahl der selbstgebrannten CDs stieg dagegen seit 2000 signifikant. Waren es damals noch rund 130 Millionen selbstbespielte Rohlinge, lag die Zahl 2005 schon bei rund 300 Millionen. 2007 war nun das Jahr, in dem sich die Plattenfirmen endgültig von allen lllusionen verabschiedeten und sich dem Internet stellten.

Im Januar wurde bekannt, dass in Großbritannien, dem Mutterland des Pop, erstmals sämtliche Musik-Downloads in die offiziellen Single-Charts eingerechnet werden. Also auch Downloads, die als CD überhaupt nicht mehr erhältlich sind. Ende Juli wurden auch die deutschen Chart-Regularien angepasst.

Die Bedeutung des Internets für die Musik hatten in den vergangenen Jahren Musiker wie Lily Allen, die Arctic Monkeys und Gnarls Barkley bewiesen. Im traditionell musik- und Internet-affinen Großbritannien stieg die Zahl der legalen Single-Downloads von knapp 5,8 Millionen im Jahr 2004 auf 51,6 Millionen im Jahr 2006. Die Verkäufe von Single-CDs halbierten sich im selben Zeitraum von 26,5 auf 13,6 Millionen.

Auch in Deutschland steigt die Zahl der legalen, bezahlten Musik-Downloads kontinuierlich, noch allerdings auf niedrigerem Niveau. 2006 lag sie bei etwa 26 Millionen. Deutlicher als in einer Anpassung der altehrwürdigen Institution "Charts" konnte sich der Wandel kaum manifestieren.

Zukunftsidee: Eine virtuelle Musikbibliothek

Das zweite Signal war danach die Berufung des legendären amerikanischen Musikproduzenten Rick Rubin an die Spitze des zu Sony/BMG gehörenden Labels Columbia, einer großen und ruhmreichen, inzwischen aber ums Überleben kämpfenden Musikfirma. Der unkonventionelle 44-jährige Rubin setzt zur Rettung des Musikgeschäfts neben systematisch betriebener Mund-zu-Mund-Propaganda auf eine radikale Idee: Um angesichts des exzessiven illegalen Musiktauschs im Internet bestehen zu können, plädiert er für ein Abo-Modell.

"Man müsste Musik abonnieren können. Für 19,95 Dollar im Monat müsste man eine virtuelle Musik-Bibliothek bekommen können, auf die man dann von seinem Auto, Mobiltelefon, Computer oder Fernseher aus zugreifen könnte. Der iPod wäre überflüssig", so Rubin. Damit die Idee als Geschäftsmodell jedoch wirklich funktionieren könne, müsse die Musik-Bibliothek nahezu vollständig sein. Es gelänge also nur bei einer Zusammenarbeit der großen Vier: Warner, Universal, EMI und Sony/BMG. Das wiederum gilt - wenigstens bislang noch - als äußerst unwahrscheinlich.

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Der tiefe Blues der Plattenindustrie

Konzert statt Konserve

Der Druck allerdings wächst kontinuierlich. Für Aufregung in der Branche sorgten 2007 auch zwei außergewöhnliche Vertriebsmodelle. Zuerst ließ Prince im Juli seine aktuelle Platte "Planet Earth" kostenlos an die Leser der britischen Wochenzeitung "Mail on Sunday" verteilen. Label und Musikfachhandel wurden komplett übergangen.

Die britische Rockband Radiohead wiederum bietet ihre neue Platte "Rainbows" seit Anfang Oktober nur auf ihrer Homepage zum Download an - wobei jeder völlig frei entscheiden kann, wie viel er bezahlen möchte. Der Haken an diesen Ideen: Sie funktionieren nur bei etablierten Künstlern. Wenn überhaupt.

Prince immerhin hat alles richtig gemacht. Auf dem regulären Markt, mutmaßen Branchenkenner, hätte sein Album wohl kaum die 1,4 Millionen Pfund eingespielt, die ihm die Londoner Zeitung für den Deal zahlte. Letztgültige Zahlen zur Radiohead-Aktion liegen noch nicht vor. Sicher aber ist wohl, dass längst nicht so viele bezahlt haben, wie die ersten, sehr optimistischen Meldungen vermuten ließen.

Einen realistischeren Ausweg aus der Krise sehen viele im Geschäft mit Live-Konzerten. Konzert statt Konserve heißt die Devise. Die Statistiken sprechen eindeutig für diesen Trend. Im Gegensatz zum eklatant schwächelnden Tonträgermarkt wächst das Geschäft mit den Tickets.

Für 2007 wird ein Umsatz von knapp drei Milliarden Euro prognostiziert - gegenüber zweieinhalb Milliarden im Jahr 1995. Einen so spektakulär wie symptomatischen Coup landete zuletzt Madonna. Im Oktober verließ sie ihre langjährige Plattenfirma Warner und wechselte zum Konzertveranstalter Live Nation. Für 120 Millionen Dollar sicherte sich das Unternehmen die weltweite Vermarktung der nächsten drei Alben, sämtlicher DVDs, Filmprojekte und Internet-Aktivitäten Madonnas der kommenden zehn Jahre sowie den Zugriff auf den Großteil der Einnahmen aller künftigen Konzerte.

Es ist freilich unsicher, ob das Konzertgeschäft wirklich die Lösung aller Probleme der kriselnden Popmusik-Branche ist. Der boomende Markt stößt an Grenzen. Die Eintrittspreise sind exorbitant. Preise unter 20 Euro für eine Karte werden nur noch selten verlangt, 80 bis 200 Euro sind längst völlig üblich. Dazu kommt, dass die größeren und großen Stars inzwischen regelmäßig auch in vergleichsweise kleinen Städten auftreten. Die Folge: signifikant sinkende Besucherzahlen. Sogar die Rolling Stones hatten auf ihrer vergangenen Europa-Tournee schon mit mangelnder Nachfrage zu kämpfen.

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Süddeutsche Zeitung 2007 - Themen des Jahres, ab 8. Dezember im Handel, 5 Euro.
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