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Digitale Lebenswelten:Der tiefe Blues der Plattenindustrie

Konzert statt Konserve

Der Druck allerdings wächst kontinuierlich. Für Aufregung in der Branche sorgten 2007 auch zwei außergewöhnliche Vertriebsmodelle. Zuerst ließ Prince im Juli seine aktuelle Platte "Planet Earth" kostenlos an die Leser der britischen Wochenzeitung "Mail on Sunday" verteilen. Label und Musikfachhandel wurden komplett übergangen.

Die britische Rockband Radiohead wiederum bietet ihre neue Platte "Rainbows" seit Anfang Oktober nur auf ihrer Homepage zum Download an - wobei jeder völlig frei entscheiden kann, wie viel er bezahlen möchte. Der Haken an diesen Ideen: Sie funktionieren nur bei etablierten Künstlern. Wenn überhaupt.

Prince immerhin hat alles richtig gemacht. Auf dem regulären Markt, mutmaßen Branchenkenner, hätte sein Album wohl kaum die 1,4 Millionen Pfund eingespielt, die ihm die Londoner Zeitung für den Deal zahlte. Letztgültige Zahlen zur Radiohead-Aktion liegen noch nicht vor. Sicher aber ist wohl, dass längst nicht so viele bezahlt haben, wie die ersten, sehr optimistischen Meldungen vermuten ließen.

Einen realistischeren Ausweg aus der Krise sehen viele im Geschäft mit Live-Konzerten. Konzert statt Konserve heißt die Devise. Die Statistiken sprechen eindeutig für diesen Trend. Im Gegensatz zum eklatant schwächelnden Tonträgermarkt wächst das Geschäft mit den Tickets.

Für 2007 wird ein Umsatz von knapp drei Milliarden Euro prognostiziert - gegenüber zweieinhalb Milliarden im Jahr 1995. Einen so spektakulär wie symptomatischen Coup landete zuletzt Madonna. Im Oktober verließ sie ihre langjährige Plattenfirma Warner und wechselte zum Konzertveranstalter Live Nation. Für 120 Millionen Dollar sicherte sich das Unternehmen die weltweite Vermarktung der nächsten drei Alben, sämtlicher DVDs, Filmprojekte und Internet-Aktivitäten Madonnas der kommenden zehn Jahre sowie den Zugriff auf den Großteil der Einnahmen aller künftigen Konzerte.

Es ist freilich unsicher, ob das Konzertgeschäft wirklich die Lösung aller Probleme der kriselnden Popmusik-Branche ist. Der boomende Markt stößt an Grenzen. Die Eintrittspreise sind exorbitant. Preise unter 20 Euro für eine Karte werden nur noch selten verlangt, 80 bis 200 Euro sind längst völlig üblich. Dazu kommt, dass die größeren und großen Stars inzwischen regelmäßig auch in vergleichsweise kleinen Städten auftreten. Die Folge: signifikant sinkende Besucherzahlen. Sogar die Rolling Stones hatten auf ihrer vergangenen Europa-Tournee schon mit mangelnder Nachfrage zu kämpfen.