Organisierte Kriminalität Fahnder lassen Diesel-Betrüger auffliegen

Ein Bild des Zollfahndungsamtes Berlin-Brandenburg. Die Ermittler deckten eine internationale Bande auf, die falschen Diesel verkaufte.

(Foto: Zollfahndungsamt Berlin-Brandenburg)
  • Eine von Berlin aus operierende Tätergruppe soll in großem Stil Heizöl als Diesel deklariert haben und in Polen in Umlauf gebracht haben.
  • In einer großangelegten Razzia haben die Ermittler mehrere Männer festgenommen.
  • Ihnen wird bandenmäßige Stueerhinterziehung vorgeworfen, denn Heizöl wird niedriger besteuert als Diesel.
Von Verena Mayer, Berlin

Verbrechen sind ein Spiegel der Gesellschaft. Und wenn es in der Gesellschaft um Diesel geht und darum, wie man damit tricksen kann, ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch Kriminelle das Feld entdecken. So war es jedenfalls bei jenen vier Männern, die gerade in Berlin verhaftet wurden. Wie die SZ aus Ermittlerkreisen erfuhr, hatten sie folgende Geschäftsidee entwickelt: Sie beschafften sich Heizöl, das so zusammengesetzt war, dass damit problemlos auch Dieselfahrzeug betankt werden konnten. Das Heizöl brachten sie dann in großen Mengen nach Polen, wo es an Tankstellen als Diesel verkauft wurde.

Damit sollen die Täter enorme Gewinne gemacht haben. Heizöl wird niedriger besteuert als Kraftstoff, weshalb dem deutschen Fiskus 100 Millionen Euro Einnahmen entgingen. Die Berliner Staatsanwaltschaft wirft den Männern, die aus der Ukraine, Litauen und Deutschland kommen, bandenmäßige Steuerhinterziehung in großem Ausmaß vor.

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Eineinhalb Jahre lang haben sich die Ermittler zusammen mit den polnischen Behörden mit diesem Dieselskandal der anderen Art beschäftigt. Sie haben Telefone überwacht und verdeckte Ermittler eingesetzt. Am Mittwoch gab es nun eine groß angelegte Razzia in Berlin und Brandenburg, 140 Ermittler des Zollfahndungsamts Berlin-Brandenburg haben 20 Objekte durchsucht, dabei wurden 50 000 Euro in bar sichergestellt, wie die Berliner Generalstaatsanwaltschaft bekanntgab. Einen Tag zuvor hatten polnische Ermittler mehrere Häuser in Polen durchsucht. Die Männer, die nun in Untersuchungshaft sitzen, sind zwischen 48 und 59 Jahre alt. Das Heizöl, das die Bande zwischen 2014 und 2018 in großen Mengen ankaufte, ließ sie zum Schein an Briefkastenfirmen nach Litauen oder in die Ukraine liefern. Tatsächlich wurde das Öl aber von Deutschland aus über die Grenze nach Polen gebracht und dort verteilt. Weil Heizöl rot eingefärbt ist, damit es von Dieselkraftstoff unterscheidbar ist, wurde es in Polen entfärbt.

Europaweite Razzia

Das Problem ist nicht neu, schon 2016 gab es eine europaweite Razzia gegen ein Netzwerk, das in Tschechien, Italien, Polen, Österreich, Ungarn, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern falschen Diesel verbreitet haben soll. Dieser war aus Schmier- und Reinigungsmitteln zusammengepanscht und schädlich für Automotoren. Im aktuellen Berliner Fall hätten die Kriminellen nach Angaben der Ermittler allerdings darauf geachtet, dass sie nur Heizöl mit geringem Schwefelgehalt lieferten, was als Tankfüllung besser geeignet ist. Inzwischen sei der kriminelle Kraftstoffhandel so weit fortgeschritten, dass es etwa in Polen fast keinen legalen Markt mehr gebe, weil an vielen Tankstellen oft nur Fake-Diesel zu beziehen sei, so die Berliner Ermittler. Die Netzwerke seien mafiaähnlich organisiert, mit Deutschland als Umschlagplatz und Ort der Geldwäsche.

Interessant ist auch, dass die Täter in den vergangenen Jahren offenbar ihr Geschäftsmodell geändert haben. Viele schmuggelten früher Zigaretten oder Alkohol und bauten dafür Infrastruktur auf. Also Briefkastenfirmen, Transporte und Geldkuriere, die sich nun für den Diesel nutzen lassen. Mit weitaus höheren Gewinnmargen jedoch. 6000 Transportfahrten soll das aufgeflogene Netzwerk den Ermittlern zufolge unternommen haben.

Und die Verbraucher, die ihr Auto tanken? Die sind wieder einmal die Geprellten. Denn wer mit falschem Diesel unterwegs ist, macht sich strafbar.

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