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Die Flut 2002:Blick zurück ins Nichts

Gertie Tänzler verlor ihr Haus und fast das Leben - nun kämpft sich eine 80-Jährige quirlig zurück in den Alltag. Eine Reportage von Jens Schneider.

(SZ vom 9./10.08.2003) Mit unruhiger Hand greift Gertie Tänzler die Klinke. Hastig schiebt die 80 Jahre alte Frau, die Gartenpforte auf. "Ja, hier geht es hinein", sagt sie mit dünner Stimme. Gertie Tänzler versucht, ihre Anspannung nicht zu sehr zu zeigen; aber das kann gar nicht gelingen. Nicht hier, wo sie im August des vergangenen Jahres einen Abend und eine Nacht lang um ihr Leben geschrien hat.

(Foto: Grafik: Archiv)

Sie zeigt ihr Haus. "Hier, die Treppe", sagt die Witwe und steigt mit ihren kurzen Beinen einige Stufen hinauf. Zumindestzieht ihre Füße ein Stückchen hoch - ins Nichts. So nennt Gertie Tänzler es selbst und lächelt: "Mein Nichts".

Denn da ist keine Treppe mehr und kein Wohnzimmer, kein Schlafzimmer und keine Küche. Auch das Fenster gibt es nicht mehr, an dem sie sich festgehalten hat. Alles weg. Das meiste hat die Flut weggerissen, der Rest musste abgerissen werden. Von ihrem Haus, einer schönen Villa am Ortseingang von Glashütte an der Müglitz, gibt es nur noch ein Stück Gartenzaun und die Pforte.

Die Stimme blieb monatelang weg

Fünf Schritte geht Gertie Tänzler im Sand, von der Gartenpforte bis zu der Stelle, wo im ersten Stock das Fenster war, das sie nicht für eine Sekunde verließ. Sie wusste ja nicht, ob noch sonstwo im Haus der Boden sicher war. Jetzt reißt sie noch einmal hektisch die Hände hoch, wie damals, und ruft: "Hilfe, Hilfe, Hilfe."

Nach der Flut sei ihr monatelang die Stimme weggeblieben, erzählt sie. Jetzt trinke sie viel heiße Milch mit Malz und werde nicht mehr so schnell heiser. "Es geht wieder", sagt sie und lächelt stolz. Denn das ist wieder so ein Zeichen, dass es aufwärts geht und sie ihr Leben in den Griff bekommt.

Gertie Tänzler ist eine quirlige, patente Achtzigjährige; niemand würde die unermüdlich erzählende Frau für eine Schwindlerin halten, wenn sie sich als Nichtmalsiebzigjährige ausgeben wollte. Bevor wir von ihrer neuen Wohnung in Dresden ins Gebirge nach Glashütte fahren, zeigt sie stolz ihren Ford, mit dem sie in der Stadt schon einige Fahrten unternommen hat.

Die meisten Todesopfer

Kundig führt sie zum Müglitztal hin, an dessen Eingang noch immer das Schild mit der Aufschrift "Schadensgebiet" warnt. Entlang der Müglitz hat die Jahrhundertflut von Glashütte über Weesenstein hinab an den Ostrand von Dresden besonders arg gewütet. Hier hat sie die meisten Todesopfer gefordert, mussten besonders viele Menschen mit Hubschraubern gerettet werden. Gertie Tänzler kennt die Strecke seit Jahrzehnten.

Gemeinsam mit ihrem Mann betrieb sie früher ein kleines Busunternehmen. Sie war die Schaffnerin auf dieser Strecke. Nun weiß sie auf der Fahrt von den Schicksalen der Flutopfer entlang der Strecke zu erzählen. Und betont, dass es anderen doch noch viel schlechter ergangen sei als ihr.

Seit 1945 hat sie in ihrem Haus in der Dresdner Straße gelebt. Als nach der Wende alle in der Uhrmacher-Stadt ihre Häuser so schön neu herausgeputzt haben, wollte sie nicht nachstehen. Im Juli vor der Flut war alles fertig geworden, das Dach neu, die Wand geweißelt. Der Enkel Mario, der in Süddeutschland Arbeit gefunden hat, hatte gerade die hohen Hecken geschnitten.

"Oma, deine Träume, deine Träume!"

Als er sie nach der Flut endlich erreichte, sagte ihr Enkel am Telefon immer wieder: "Oma, deine Träume, deine Träume!" Beim letzten Besuch hatte er sie zur Freitreppe beim Pillnitzer Schloss mitgenommen, aber die Großmutter wollte nicht zu nah an die Elbe.

Sie hatte in der Nacht zuvor von einer braunen Brühe geträumt, die sie mitzureißen drohte. Gertie Tänzler wirkt nicht wie ein naives Ömchen, das an Vorahnungen glaubt. Aber heute erzählt sie immer wieder, wie sich ihr Enkel an diese Träume erinnerte.

Moddrig braun war die reißende Brühe, die an jenem 12. August donnernd und als breiter Strom ihr Haus umspülte so laut, dass man ihre Rufe gegenüber auf dem höher gelegenen Grundstück kaum hören konnte. Als das Hochwasser begann, machte sich Gertie Tänzler zunächst wenig Sorgen. Sie brachte unten ein paar Polster in Sicherheit.

Ruck durchs Haus

"Dann kommen auf einmal die Nachtschränke von hinten angespült", erzählt sie hektisch, "ich renne gerade noch rauf." Sie erzählt das Vergangene im Präsens. Es ist heute noch ihre Gegenwart.

Weiter oben in Glashütte war ein Rückhaltebecken gebrochen. Die Müglitz drang ins Erdgeschoss ein. Irgendwann zog ein gewaltiger Ruck durch das Haus, Gertie Tänzler spürte an ihrem Fenstersims im ersten Stock die Erschütterung. Aber sie wusste nicht, dass gerade ihr halbes Haus weggerissen war.

Niemand konnte einschätzen, wie lange der Rest halten würde - auch die Helfer nicht, die Gertie Tänzlers Nachbarn mit dem Hubschrauber bargen, an ihr Haus mit dem Helikopter aber nicht herankamen. Vergeblich versuchten Taucher des THW durchzukommen.

Gertie rief gegen das Donnern, Autos schwammen vorbei

Schließlich mussten die Helfer die Frau über Nacht sich selbst überlassen, ohne Kontakt mit ihr zu haben. Gertie Tänzler rief gegen das Donnern der Müglitz ins Dunkle, während der wildgewordene Fluss Autos vorbeitrieb, an denen gespenstisch die Lichter blinkten.

Kurz bevor Maik Pfeifer, ein junger Mann von der Freiwilligen Feuerwehr, sich am nächsten Morgen angeseilt zu ihr durchkämpfte, brach ein weiteres Stück ihres Hauses weg. "Wie er mich anseilte, weiß ich nicht mehr", sagt sie. "Ich hatte wohl einen Schock."

Zwei Tage ruhte sie, bevor man sie in ihrer dunkelblauen Kittelschürze durch den Schlamm zu ihrem wartenden Sohn führte. Bei ihm lebte sie zunächst, dann in einer kleinen Wohnung in der Nachbarschaft.

"Die Menschen wollen zurück zur Normalität"

Ausgiebig führt sie dort die schöne Einbauküche und das moderne französische Bett vor. "Das ist doch wunderbar", sagt sie immer wieder - und es klingt nicht nur, als ob sie es schön finden will. "Ich lebe ja", betont Gertie Tänzler.

Stolz zeigt sie ihre prächtig gediehenen Buchsbäume auf dem Balkon: "Ist doch fein, oder?"Das ist genau der Ton, um den sich die meisten Flutopfer bemühen.

"Die Menschen wollen zurück zur Normalität und es wieder schön haben", sagt Petra Schröter, die im Müglitztal Frau Tänzler und mehrere hundert weitere Familien für die Caritas betreut.

Nicht mehr so verhärmt

Wer durchs Tal fährt, gewinnt tatsächlich zunächst den Eindruck, dass die Normalität zurückgekehrt ist, viele Häuser sind prächtig neu entstanden. Aber Petra Schröter weiß um drückende Sorgen vieler Familien.

So könnten manche Flutopfer die Erinnerung nicht verarbeiten, wollten aber Hilfe nicht annehmen. "Die verkriechen sich", sagt die Caritas-Helferin. In manchen Häusern sind die Risse erst nach dem Frühjahrsfrost aufgetreten, hat sich erst im Sommer herausgestellt, dass die Wände hartnäckig feucht bleiben.

Bei der Sächsischen Aufbaubank stauen sich nach den Spätfolgen die Anträge auf Fördergeld. Bei anderen war die Ungeduld einfach zu groß. Zu früh richteten sie sich ein, tapezierten, stellten die neuen Möbel in die Zimmer. "Wir wollen's doch wieder schön haben", hörte Petra Schröter, wenn sie zur Geduld mahnte - nun sind die neuen Möbel vermodert.

Gertie Tänzler hat nie an Wiederaufbau gedacht

Besonders arg hat es zwei Familien getroffen, die ihr Haus wieder aufbauten und jetzt ihr Grundstück aufgeben sollen - es liegt zu nahe am Fluss.

Gertie Tänzler, die den materiellen Verlust von der Versicherung ersetzt bekam, hat nie an Wiederaufbau gedacht. Vermutlich würde er ohnehin nicht genehmigt. Sie hofft, einen Käufer zu finden, der ihr Grundstück als Stellfläche nutzen kann.

Aus dem zerstörten Haus hat ihr Sohn vor dem Abriss wenige Erinnerungsstücke geholt: das schöne englische Buffet, eine Kachel vom alten Ofen, ein Modellschiff. Seine Mutter, die sich in den ersten Monaten oft weinend in ihr Zimmer zurückzog, hatte er gebeten, nicht mehr zum Haus zu fahren.

"Ich kann doch nicht mein Nichts angucken"

Doch sie machte sich heimlich auf und fuhr zunächst mit dem Bus daran vorbei, um dann durch Glashütte zu laufen, wo sie viele Duzen. "Das sind doch meine Glashütter", sagt sie, die fehlen ihr am meisten. Der Besuch in der Stadt greift sie an und bereitet doch Freude.

Sie unternimmt jetzt manches, was ihr vor der Flut nicht in den Sinn gekommen wäre. Auch kleidet sie sich heller und heiterer als zuvor - "nicht mehr so verhärmt", haben ihr Verwandte gesagt. Kürzlich ist sie spontan mit dem Bus nach Karlsbad gefahren. "Das fand mein Sohn ein bisschen verrückt", sagt sie lächelnd. Eigentlich habe er sich aber gefreut.

Im Juli haben die früheren Nachbarn ihr ein gut gemeintes Angebot gemacht. Sie sollte deren Haus hüten, da wäre sie mal wieder daheim. "Aber das geht nicht", sagt Gertie Tänzler. Es schüttelt sie bei dem Gedanken. "Ich kann doch nicht die ganze Zeit mein Nichts angucken."

(sueddeutsche.de)