Dicke Luft:Smog macht Chinas Männer unfruchtbar

Dicke Luft: Auch ein Mundschutz schützt nicht vor der dreckigen Luft. Der Smog macht Chinas Männer unfruchtbar.

Auch ein Mundschutz schützt nicht vor der dreckigen Luft. Der Smog macht Chinas Männer unfruchtbar.

(Foto: AFP)

Chinas Städte versinken im Smog-Nebel. Nirgendwo sonst sieht man so viele Menschen mit Mundschutz durch die Straßen gehen. Dass die Luftverschmutzung gesundheitsschädlich ist, weiß man schon längst. Doch eine neue Studie zeigt: Männer sind besonders gefährdet.

Von Kai Strittmatter, Peking

Es ist wieder so weit. Es wird kalt, die Heizungen gehen an. Smog haben Chinas Städter das ganze Jahr, aber im Winter kommt es richtig dick. Wer noch eine Erinnerung brauchte, was einem das Atmen hier alles einbrocken kann, der wurde zuletzt reichlich bedient. Zuerst erschien eine Studie, die den Einwohnern Nordchinas bescheinigte, sie hätten wegen des Drecks in ihrer Luft fünf Jahre weniger zu leben.

Diese Woche dann meldete die Nachrichtenagentur Xinhua die Erkrankung eines achtjährigen Mädchens in der Provinz Jiangsu an Lungenkrebs und zitierte dabei ihren Arzt, der die schmutzige Luft an ihrem Wohnort verantwortlich machte. Und jetzt die Sache mit den "hässlichen" Spermien.

Spermien im Nebel

Diese haben der Arzt Li Zheng und seine Kollegen vom Shanghaier Renji-Krankenhaus entdeckt. Zehn Jahre lang haben sie Shanghais größte Samenbank erforscht und dabei herausgefunden, dass die Spermien immer "länger" und "hässlicher" werden und nur mehr miserable Schwimmer sind.

Zwei Drittel der Proben erreichten nicht die Standards der Weltgesundheitsorganisation, sagte Li: Die Fruchtbarkeit der Männer drohe der Umweltverschmutzung zum Opfer zu fallen. Die Forscherin Zhang Ying von der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften CASS legte am Freitag nach; sie sagte der Webseite der Volkszeitung, die Feinstaubrekorde führten vermehrt zu Frühgeburten und Missbildungen.

Die Smogkatastrophe vom Januar war ein Weckruf. Die Luftverschmutzung hat in Chinas Städten Immobilienpreise und Gift im Essen als Konversationsthema Nummer eins abgelöst. Aber noch sind alle ziemlich ratlos. Bei der "Pekinger Konferenz für interaktive Innovation" Ende September hielt einer der Eröffnungsredner demonstrativ die Luft an. Er schaffte 51,16 Sekunden, auch keine Lösung.

Der neue Staatsfeind Nummer 1

Die Regierung ist zumindest rhetorisch außerordentlich aktiv, stellt einen Plan nach dem anderen vor. Erstmals in der Geschichte der Volksrepublik steuert sie nun eine Reduzierung des Kohleverbrauchs an, denn mehr als die Hälfte dieses Verbrauchs weltweit geht derzeit auf das Konto Chinas. Aber schöne Pläne gibt es in China viele, in die Tat umgesetzt werden längst nicht alle.

Die Stadt Peking versprach im September, sie werde 36 Milliarden Euro einsetzen, um die Feinstaubbelastung bis 2017 um ein Viertel zu reduzieren. Auch das ist ein hehres Ziel, das aber von seinem Glanz verliert, wenn man erfährt, dass zu dem Zeitpunkt schon die Feinstaubbelastung der Stadt allein im Vergleich zum Vorjahr um genau ein Viertel gestiegen war.

Ebenfalls in dieser Woche wurde bekannt, dass der Smog nun sogar den Sicherheitsapparat nervös macht: Smog wie der in Harbin Ende vorigen Monats, als die Sicht unter drei Meter fiel, setzt das dichte Netz von Überwachungskameras außer Gefecht, mit dem die Polizei ganz China überzogen hat.

Die Regierung hat nun ein Team von Wissenschaftlern beauftragt, die Lösung dafür zu finden. Keine einfache Sache: In einfachem Nebel können Techniken wie Infrarot helfen; Chinas Smog aber, so zitierte die South China Morning Post beteiligte Forscher, blockiere an seinen besten Tagen jede Art von Licht "fast so effektiv wie eine gemauerte Wand".

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